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Sammlerin im Supermarkt

Elnaz Amiraslani trägt gefundene Einkaufszettel zusammen - 06.03.2010

Ein Blick in Elnaz’ Zettelwirtschaft. © Amiraslani


Der Anfang war völlig unspektakulär. «Ich war einkaufen und entdeckte im Korb einen liegengebliebenen Einkaufszettel», erzählt Elnaz. «Den nahm ich mit nach Hause, doch ich fühlte mich unwohl dabei, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte jemandem etwas weggenommen. Der Zettel ließ mir aber keine Ruhe, denn er trug sogar ein Datum: ,Sa 19. VIII‘ – also Samstag, den Tag in arabischer und den Monat in römischer Schreibweise. Seither bin ich am Sammeln.»

Nur handgeschriebene Zettel

Wobei Elnaz fein unterscheidet zwischen handgeschriebenen Einkaufszetteln und maschinenausgedruckten Kassenbons. Ausschließlich Ersteren gilt ihr Interesse. Inzwischen hat die 28-Jährige über 300 Fundstücke zusammengetragen und fein säuberlich archiviert. «08/15» lautet eine Kategorie, «Kauderwelsch» eine andere. Es gibt die Themenbereiche «Unsicher» («warum sind manche Waren mit einem Fragezeichen versehen?»), «Abkürzungen» (Knobi, Spüli, Slipos), «Sauklaue» (entpuppt sich oftmals als Steno), Mix (halb Einkaufs-, halb To-do-Liste), «bikulturell» (verschiedene Sprachen im Mix) oder solche, die schon von Haus aus mit Preisangaben versehen sind.

Nach jahrelangem Sammeln weiß Elnaz Amiraslani, dass handgeschriebene Einkaufszettel einiges über ihre ehemaligen Besitzer verraten. Trotzdem schmeißen ihrer Meinung nach die wenigsten Menschen ihre Listen mit Absicht weg, allein schon, weil sich kaum einer bemüht, darauf schönzuschreiben. «Das ist halt doch etwas Intimes, etwas, das nur mir gehört. Die Leute haben weniger Probleme, auf Facebook etwas von sich preiszugeben als einen Einkaufszettel zu verlieren.»

Überraschend Gesundes

Inhaltlich kann die Sammlerin vermelden, dass sich die Deutschen überraschend gesund ernähren. Käse, Joghurt, Milch und Brot sind die meistgenannten Begriffe - nebst für die jeweilige Region typischen Spezialitäten, in Nürnberg unter anderem Bratwürste und Kloßteig.

Mit ihrem Hobby ist die Perserin weitgehend allein. In Deutschland kennt Elnaz nur die Freiburgerin Kathrin Pläcking, die sich Kurzgeschichten zu gefundenen Einkaufszetteln ausdenkt. Pläcking wird am Sonntag ebenfalls zu Gast in der Galerie Bernsteinzimmer sein. Wer zur Live-Sendung in die Großweidenmühlstraße kommt (ein Mitschnitt wird hernach auf www.bernsteinzimmer.podspot.de gestellt), darf eigene Einkaufszettel mitbringen und sie von den Fachfrauen analysieren lassen. 

Stefan Gnad

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