Montag, 24.09.2018

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Shakespeares erdichtetes Dichterleben

Mit „Anonymus“ gelingt Roland Emmerich ein prächtiger historischer Thriller voll großer Gefühle - 10.11.2011

Jamie Campbell Bower als der junge Edward de Vere und Joely Richardson als Prinzessin Elisabeth Tudor. © Sony


Tatsächlich beginnt „Anonymus“ mit Bildern aus dem prallen Großstadtleben von heute. Also ist diese Shakespeare-Sache doch nur ein geschickter Marketing-Schachzug? Kommen gleich die Aliens und machen alles kaputt?

Weit gefehlt, denn nun betritt der große Sir Derek Jacobi die Bühne und beginnt zu erzählen. Er äußert Zweifel daran, dass die Stücke, die man in der Bibliothek unter „Shakespeare“ einordnet, tatsächlich aus der Feder eines ansonsten eher unbedeutenden Mannes aus Stratford stammen. Emmerich vollführt den Zeitsprung, seine Zuschauer tauchen ein ins pralle Leben des 16. Jahrhunderts auf der britischen Insel.

Der William Shakespeare im Film, dargestellt von Rafe Spall, ist der Depp der Story, ein zweitklassiger Schauspieler, der nur mit Mühe seinen Text lesen kann. Ganz sicher ist er nicht der Verfasser all jener Meisterwerke, auf denen bis heute sein Name prangt. Eigentlich hat Edward de Vere, der Graf von Oxford (Rhys Ifans), all die Stücke zu Papier gebracht, die das Publikum des Londoner Theaters zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Das Abkommen ist simpel, Shakespeare lässt sich auf der Bühne feiern, der Graf genießt und schweigt. Sein Stand verbietet es ihm, das profane Volk zu belustigen. Aber wie lange lässt sich diese Lüge in einer Zeit aufrecht erhalten, in der mit allen Mitteln um Macht gekämpft, intrigiert, gemordet und unter Blutsverwandten geliebt wird?

Emmerich mag das Feld gewechselt haben, sein Ziel ist dasselbe geblieben: der Schwabe will sein Publikum unterhalten. Das gelingt ihm auch in „Anonymus“ ohne Abstriche. Den Zuschauer erwartet kein verstaubtes Kostümdrama, sondern ein historischer Thriller voll großer Gefühle.

Lustvoll vermischt Emmerich Fakten und Fiktion, er stellt eine faszinierende Theorie auf und erhebt in keiner Sekunde den Anspruch auf Authentizität. Umso genauer nimmt es der Regisseur bei Ausstattung und Kulissen, angefangen beim schlechten Zahnstatus der Königin bis hin zum liebevoll rekonstruierten Londoner Stadtbild. Nur die prachtvollen Bühnenbilder, die der Film zeigt, waren seinerzeit noch nicht üblich. Die zahlreichen Stücke, die hier zur Aufführung gelangen und in die man kurz hineingeschaut, verpassen selbst dem Theater-Muffel eine Gänsehaut.

Man kann sich von diesem Film einfach nur prächtig unterhalten lassen. Oder man lässt sich zu eigenen Recherchen zum Thema inspirieren. Langweilen wird sich indes niemand. Und Shakespeare ist plötzlich wieder in aller Munde. (GB/D/131 Min.; Admiral, Cinecittà, Metropolis, Nürnberg; CineStar, Erlangen)
  

ANDRÉ WESCHE

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