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Verzweifeln an Deutschland

„Grimms Wörter“: Eine Liebeserklärung von Günter Grass an sich selbst - 24.08.2010 18:10 Uhr

Günter Grass legt sein „wahrscheinlich letztes“ Buch vor.

Günter Grass legt sein „wahrscheinlich letztes“ Buch vor. © dpa


Am Anfang war das Wort: „Es waren einmal zwei Brüder, die Jacob und Wilhelm hießen, für unzertrennlich und landesweit als berühmt galten, weshalb sie ihres Nachnamens wegen die Brüder Grimm, Grimmbrüder, auch Gebrüder Grimm, von manchen die Grimms genannt wurden.“ In diesem märchenhaften Ton beginnt Günter Grass seinen Roman, der die Lebensgeschichte der beiden Brüder als Folie für seine eigene Biografie benützt. Ein literarischer Trick, den Grass schon in dem Fontane-Roman „Ein weites Feld“ angewendet hat. Auf diese Weise kommt er den historischen Figuren nahe und kann zwischen den Zeiten hin- und herspringen, wie es ihm beliebt.

Das Denkmal von Jacob und Wilhelm Grimm steht in  Hanau; Günter Grass wollte den gelehrten Brüdern ein literarisches Denkmal errichten.

Das Denkmal von Jacob und Wilhelm Grimm steht in Hanau; Günter Grass wollte den gelehrten Brüdern ein literarisches Denkmal errichten. © dpa


Bis zum heutigen Tag sind die Brüder Grimm den meisten Deutschen bekannt. Allerdings wohl nur als Märchenonkel und nicht als Sprachgelehrte. Dabei haben Jacob Grimm (1785—1863) und sein Bruder Wilhelm (1786—1859) mit dem Wörterbuch die Grundlage der deutschen Philologie geschaffen. Ihr gewaltiges Pojekt begannen sie im Jahr 1838, nachdem sie ihre Professorenstellen in Göttingen verloren hatten. Sie hatten es nämlich zusammen mit fünf Kollegen gewagt, sich gegen einen Willkürakt des Königs aufzulehnen. Fortan sammelten die Brüder, die zeitlebens eng verbunden waren, Wörter für ein „Heiligtum der Sprache“: Streng alphabetisch geordnet sollte der deutsche Wortschatz erfasst und durch literarische Zitate belegt werden. „Von A wie Anfang bis Z wie Zettelkram.“

Chaotisch ging es bei dem Forschungsprojekt, das sich allmählich zur alles bestimmenden Lebensaufgabe ausweitete, häufig zu. Finanzielle Sorgen, Krankheiten, politische Unwägbarkeiten, familiäre Probleme waren ständige Begleiter. Der erste Band erschien 1854, doch erst 1960, also über hundert Jahre später, wurde das „Deutsche Wörterbuch“ abgeschlossen. Die Brüder selbst hatten es nur bis zum Buchstaben F wie Frucht geschafft. (Grass listet überdies noch K, U und Z auf.) Weit mehr als ein reines Lexikon ist das Nachschlagewerk eine unerschöpfliche Fundgrube und Zitatensammlung — heute auch im Internet frei zugänglich.

Doch belässt es Grass natürlich nicht bei der historischen Recherche – ungeniert pfuscht er den Brüdern ins Handwerk, ergänzt ihre Auflistungen mit modernen Begriffen, zieht Parallelen zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert und bringt sich immer wieder selbst ins Spiel. Dazwischen streut er seltsame Prosagedichte zu den einzelnen Buchstaben ein. Kunstvoll vermischen sich Sprachgeschichte, Lebensgeschichte und politische Geschichte. Grass mit seiner Vorliebe für Barockdichter schweift ab, wiederholt sich, schlägt Haken, verirrt sich im Wörtersee und trifft auch manchen wunden Punkt.

Es ist bewundernswert, mit welcher Liebe zum Detail Grass Leben und Werk der Grimmbrüder beschreibt. Doch wird der Leser schon bald das ungute Gefühl nicht los, dass die Sprachforscher hier nur als Mittel zum Zweck dienen. Statt den deutschen Gelehrten ein literarisches Denkmal zu bauen, rückt sich der deutsche Literatur-Nobelpreisträger selbst ins rechte Licht. Das hätte der selbsternannte Praeceptor Germaniae aber eigentlich doch gar nicht nötig. Seine Verdienste sind unbestritten.

Für Grass lösen viele Ereignisse im Leben der Grimms eigene Erinerungen aus. Viel Neues erfährt man dabei jedoch nicht. Wenn Jacob Grimm als Abgeordneter an der Versammlung in der Frankfurter Paulskirche teilnimmt, liest Grass wenige Zeilen und ein Jahrhundert später am gleichen Ort der versammelten Machtelite die Leviten. Er erinnert sich an die Studentenunruhen in Berlin und eine Wahlkampfveranstaltung für Willy Brandt in Nürnberg, er kritisiert (wieder einmal) die übereilte deutsche Wiedervereinigung, geißelt den ungezügelten Kapitalismus und das Auseinanderdriften der Gesellschaft.

Keiner hört auf den Rufer in der Wüste, der an Deutschland schier verzweifelt. „Mich schmerzt und ekelt mein Land, dessen Sprache ich anhänglich liebe. Es kommt mir abhanden, wird fremd.“ Da wirft sich Grass in dieselbe Pose, die schon der alte Goethe gegenüber seinen lieben Deutschen einnahm.

Und so kommt es, dass einem auch die zweifellos richtigen Analysen und Zustandsbeschreibungen in ausführlichen Selbstzitaten im Laufe der Lektüre sauer aufstoßen. Grass inszeniert mit einer Mischung aus Dichtung und Wahrheit den eigenen Abschied und gefällt sich in der Rolle des ungeliebten Dichters und politischen Denkers, dessen Worte in den Wind geschlagen wurden. Die Verbitterung ist überdeutlich.

Zum Schluss ergeht sich der berühmte Schriftsteller in Selbstmitleid: „Verschrien als Rechthaber, Besserwisser, Moralapostel sehe ich mich, bespuckt und verhöhnt und missachtet, wie vormals der biblische Sündenbock.“ Daher hinterlässt dieses aufwendig und leserfreundlich gestaltete Wörterbuch auch einen schalen Nachgeschmack. „Eine Liebeserklärung“ nennt Grass sein „wahrscheinlich letztes“ Buch im Untertitel, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Es handelt sich auch um die grimmige Abrechnung eines Schriftstellers, der spürt, dass seine Zeit abgelaufen ist. Wer das alles nicht lesen will, kann sich die Geschichte anhören. Denn als Märchenerzähler und Vorleser in eigener Sache nimmt es der alte Grass immer noch mit jedem auf.

Günter Grass: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung. Steidl Verlag, Göttingen. 368 Seiten, 29,80 Euro. Auf dem gleichzeitig erschienenen Hörbuch liest Grass sein Werk selbst (11 CDs, 39,90 Euro).

  

Steffen Radlmeier

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