Dienstag, 13.11.2018

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Mit Feuer, Verve und Inbrunst modellhaft musiziert

"Sonat Vox" präsentierte in Sankt Magdalena Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe — Auf jegliche Effekthascherei verzichtet - 08.10.2018 16:16 Uhr

Agierte mit lässiger Eleganz, Wahrhaftigkeit und Souveränität: Die zum Kammerensemble gewachsene Formation „Sonat Vox“ im Konzert. © Foto: Draminski


HERZOGENAURACH – Manche sehen sie als ein "Opus summum", als musikalisches Vermächtnis. Ob Johann Sebastian Bach wirklich die Ewigkeit im Sinn hatte, als er seine zweiteilige Missa von 1733 Jahre später zu einem abendfüllenden Stück erweiterte, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Klar ist nur, dass diese ausufernde Sammlung von Chören und Soloarien den Komponisten auf dem Höhepunkt seines Könnens zeigt. Genial. Tief gläubig. Und mitreißend.

Die Komplexität der Messe in eine schlüssige Form zu bringen, die Spannungsbögen so anzulegen, dass sie über fast zwei Konzertstunden tragen, ist eine Aufgabe, an der renommierte Kirchenmusik-Formationen schon krachend gescheitert sind. "Sonat Vox" besteht im Kern aus ehemaligen Mitgliedern des Windsbacher Knabenchors. Gründer und Leiter Justus Merkel (Jahrgang 1996) hatte einen flexiblen Kammerchor im Sinn, als er "Sonat Vox" 2015 aus der Taufe hob. Der selbst gestellte Qualitätsanspruch greift auch bei der für die h-Moll-Messe zum Kammerensemble gewachsenen Formation.

Vibratoloser Gesang

Hier wird hyperpräzise auf den Punkt Musik gemacht, durchdrungen von den Idealen der Originalklang-Fraktion – vom vibratolosen Gesang bis zu den geschärften Akzenten und der "sprechenden Phrasierung" im Orchester. Auch die Tempi sind überwiegend zügig, was aber nicht bedeutet, dass Merkel bedeutungstragende Teile wie das einleitende "Kyrie" nicht lustvoll auszelebrieren würde: Der starke Herzschlag des überzeitlichen Glaubens wird spürbar. Den etwas über 30 Sängerinnen und Sänger starken Chor hat Justus Merkel in Sachen barocker "Klangrede" sensibilisiert. Wortverständlichkeit und durchhörbares Stimmgeflecht sind das Eine, Strahlkraft und Wucht in den großen Tutti-Aufschwüngen das Andere. Der kleine Klangkörper klingt deutlich größer als er ist, ohne dass die Vokalisten forcieren müssten.

Auch das Solistenquartett mit Friederike Beykirch (Sopran), Jonathan Mayenschein (Altus), Christian Volkmann (Tenor) und Philipp Schreyer (Bass) fügt sich in Justus Merkels überaus stimmiges Konzept einer konsequent "historisch informierten" Aufführung, die dennoch zu keiner Sekunde blutarm oder gar akademisch spröde daher kommt. Es wird mit Feuer, Verve und Inbrunst musiziert, die Wahrheit hinter der Partitur gesucht und gefunden.

Glaube und Religion waren für Johann Sebastian Bach zentrale Lebensinhalte, die er in seiner Musik ebenso intellektuell anspruchsvoll wie emotional anrührend in Noten zu fassen verstand. Die Deutung der h-Moll-Messe, die "Sonat Vox" mit so viel lässiger Eleganz, so viel Wahrhaftigkeit, so viel Souveränität stemmt, geht nahe. Weil sie auf alle Vordergründigkeit, auf jegliche Effekthascherei verzichtet.

Im besten Sinn modellhaft. Und nachahmenswert. 

HANS VON DRAMINSKI

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