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Nach dem Auftanken geht das Führen besser

Coaching-Expertin: Manager brauchen Mitgefühl, auch mit sich selbst —Notausgang finden, wenn der Ärger einen fest im Griff hat - 17.08.2013

Für sich selbst sorgen durch Pausen in angenehmer Umgebung, damit auch die Atmosphäre im Team enspannt ist: Business-Trainerin Gabriele Lindemann im Liegestuhl am Wöhrder See. © Horst Linke


Die Arbeitswelt ist vielschichtiger geworden. Firmen fusionieren, der Vorstand wechselt, Abteilungen werden aufgelöst: Nichts bleibt, wie es ist. Für viele Beschäftigte verdichtet sich die Arbeitszeit durch zusätzliche Aufgaben oder verlängert sich durch Vertrauensarbeitszeit. Bei Führungskräften zumal zerfließen die Grenzen zwischen Job und Freizeit. Ständige Erreichbarkeit sowie die Kommunikation über Facebook und Twitter erschweren die Abgrenzung. Manch einer fühlt sich im Hamsterrad und dreht durch. Fast.

 „Der Umgang von Führungskräften mit sich selbst ist oft ungesund“, sagt Lindemann, Managementberaterin und Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation. „Die Zeit am Computer geht auf Kosten der Begegnungen mit Menschen, die einem gut tun“, fährt sie fort. „Beziehungspflege ist Treibstoff für das Hirn.“ Hier sei gutes Selbstmanagement gefragt.

Treibstoff für das Hirn

Lindemann schildert an einem Beispiel, wie Selbstempathie im Alltag nutzbar wird. Ein Abteilungsleiter — „Turbo-Arbeiter“ mit hohem Leistungsanspruch — strebt die nächste Stufe auf der Karriereleiter an. Seine Vorgesetzten bedeuten ihm aber, dass er dafür mehr an seinem sozialen Verhalten arbeiten müsse, an der Menschenführung. Konkret sei bei manchen Meetings aufgefallen, dass der Abteilungsleiter aus der Haut fuhr, als ein Mitarbeiter verspätet auftauchte. Lindemann: „Ärger ist ein schleichendes Gift. Es entzieht Energie, die wir woanders dringender bräuchten.“ Ein Element des Coaching befasst sich mit Umfokussierung: Darauf blicken, was gut funktioniert und nicht auf das Schlechte. „Weg von dem Rotstiftblick“, empfiehlt die Unternehmerin. Denn viele Zeitgenossen neigen dazu, vor allem auf die Dinge zu schauen, die misslungen oder unglücklich gelaufen sind, sagt die Nürnbergerin.   „Die Konzentration auf das Negative kann jemanden unter Strom setzen und in einen destruktiven Strudel ziehen“, erläutert Lindemann. In solch einer Verfassung sei der Mensch nicht mehr Herr seines Handelns, was zu neuen Pannen führen kann. Im Falle des Abteilungsleiters war die Wut auf den wiederholt verspätet eingetroffenen Mitarbeiter so verfestigt, dass „bei ihm nur noch Kopfkino“ abgelaufen sei: Szenen, die allesamt die vermeintliche Rücksichtslosigkeit des Mitarbeiters abbilden.

Doch das muss ja gar nicht so sein, meint Lindemann. Es handele sich in erster Linie um interpretiertes Verhalten. Logischerweise gehe es zunächst darum, den Betroffenen wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. Dabei hilft ein ganzer Kanon an Fragen: Was habe ich gesehen, gehört? Welches sind die Fakten? Welche Bedeutung gebe ich dem Geschehenen? „Es ist wichtig zu trennen: Was sind meine Gedanken und was ist wirklich passiert“, betont die Expertin. „Dann auf Grund von Fakten Klartext reden und dennoch die Sicht des anderen verstehen: Das stärkt die Beziehung und führt zu neuen Lösungen, die beide akzeptieren können.“

In der  Situation selbst allerdings, wenn der Ärger überhand nimmt, ist so gut wie niemand in der Lage, so analytisch-rational vorzugehen. Da sei es besser, die Sitzung kurz zu verlassen, um sich Luft zu verschaffen und die Aufmerksamkeit nach innen zu richten. „Ein Notausgang ist dann das Richtige.“ Oder ein konfliktreiches Thema auf später zu verschieben, damit mehr Abstand entsteht. Auch das könne der Fallschirm sein.

Lieber delegieren

Ein weiteres Beispiel aus der Praxis bezieht sich auf eine gängige Situation aus den Betrieben: In drei Wochen ist Abgabetermin, und ausgerechnet in dieser stressigen Zeit fällt ein Kollege aus, der das Zahlenmaterial für die Präsentation liefern sollte. Der Projektleiter, ohnehin überlastet, überlegt, sich diese Aufgaben zusätzlich aufzuhalsen. Gabriele Lindemann rät dringend davon ab. „Im Sinne der Selbstfürsorge sollte der Projektleiter auch einmal empathisch Nein sagen und delegieren, anstatt sich selbst zu überfordern.“

Generell gehe es bei der Mitarbeiterführung darum, Erfolge — auch die kleinen — zu würdigen. „Denn jeder will gern mit dem gesehen werden, was er tut. Ein guter Chef führt sein Team  mit Geduld dahin, dass der Einzelne am richtigen Platz sitzt und die volle Leistung bringen kann.“

www.menschenundziele.de

Der Taschen-Ratgeber ist soeben erschienen: Vera Heim/Gabriele Lindemann, „Auftanken im Alltag — mit Selbstempathie zu neuer Kraft“,  Haufe-Verlag.
  

ANGELA GIESE

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