Freitag, 15.02.2019

|

Arzt gesucht: Dorf lockt mit Würstchen

Medizinermangel auf dem Land wird immer dramatischer - Kreativität ist gefragt - 26.11.2010 14:00 Uhr

Die 2250 Letter suchen verzweifelt nach einem Nachfolger für den Landarzt - mit allen Mitteln: Für ihn gäbe es Würstchen, Brötchen dazu, einen Haarschnitt und Blumendeko: alles kostenlos. © dpa


Lette ist ein schöner Ort zum Leben. Das kleine Dorf im südlichen Münsterland ist von Radwegen umgeben. Der Bäcker liegt neben dem Metzger, der Friseur neben dem Gärtner. Nur eines fehlt: ein Arzt. Mehr als 20 Jahre lang hat sich der Landarzt Siegfried Kipper um Knochenbrüche und verschnupfte Nasen gekümmert. Doch seit der 69-Jährige Ende September in den Ruhestand ging, suchen die 2250 Einwohner des Fleckens bei Warendorf einen Nachfolger. Mit allen Mitteln: Vom Metzger gäbe es Würstchen, vom Bäcker die Brötchen dazu, die Friseurin würde Herrn Doktor die Haare schneiden. Natürlich alles umsonst.

„Eigentlich sind wir doch eine Vorstadt des Ruhrgebiets“, sagt Fleischer Niko Ringhoff. Wieso kein neuer Arzt in seinem Heimatort anfangen will, versteht der 30-Jährige überhaupt nicht. Verhungern müsste „der Neue“ jedenfalls nicht. Ob Schweineschnitzel mit Pommes oder Grünkohl mit Kasseler: „Eine Woche lang könnte er hier umsonst zu Mittag essen“, sagt der gemütliche Mann mit der Schürze. Und das Frühstück gäbe es auch gratis. „Wir würden ihm und seiner Familie eine Woche lang kostenlos Brot und Brötchen anbieten“, verspricht Yvonne Junkerkalefeld, Besitzerin der „Mühlenbäckerei“.

Das ist noch längst nicht alles. „Zum Einstand kriegt er einen Haarschnitt“, verspricht die Friseurin Maria Sowart. Den Termin dürfe sich der Arzt aussuchen. Dass das Dorf keinen Allgemeinmediziner mehr hat, stört die 58-Jährige. „Zu einer Gemeinschaft gehört auch ein Arzt. Das fehlt so richtig.“ Das findet auch die Rentnerin Roswitha Kröger. Weil sie regelmäßig Tabletten braucht, muss sie nun ins fünf Kilometer entfernte Clarholz zum Arzt fahren. Der Bus fährt aber nur alle paar Stunden. „Ich kann ja nicht stundenlang in Clarholz rumlaufen. Da ist doch nix“, beschwert sich die 66-Jährige.

Die Menschen meinen es ernst

Auch im Blumenladen von Gaby Altefrohne diskutieren die Bürger über die Leerstelle. „Es ist einfach nicht schön“, meint die 47- jährige Floristin. Ihr Beitrag zur Charme-Offensive: „Ich würde ihm die Praxis schön dekorieren.“ Selbst um ein Bett müsste sich der neue Landarzt keine Sorgen machen. Sollte er keine Wohnung finden, könnte er auch ein paar Nächte umsonst im hiesigen Hotel wohnen. Die Letter meinen es also ernst.

„Das ist ein Örtchen, das noch zusammenhält“, sagt die Journalistin Katrin Plachky, die gemeinsam mit der Moderatorin Jenny Heimann von Lokalradio „WAF“ in Warendorf die Aktion „Retter für die Letter“ initiierte. Ob die Geschenke-Strategie aufgeht, ist aber noch offen. Hundert und mehr Gespräche mit Ärzten, Krankenhäusern und der Ärztekammer hat der CDU-Kreistagsabgeordnete Paul Tegelkämper bisher geführt – ohne Erfolg. „Es sieht nicht gut aus“, sagt der 59-Jährige.

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe schätzt die Chancen von Lette eher nüchtern ein. „Lette ist viel zu klein, um für einen jungen Arzt attraktiv zu sein“, sagt Sprecher Andreas Daniel. Nordrhein-Westfalen sei bei der Ärztedichte aber noch vergleichsweise gut dran. Im Osten Deutschlands sehe es noch schlimmer aus.  Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will den Ärztemangel auf dem Land nun mit einem Gesetz bekämpfen, in einem halben Jahr soll es erste Eckpunkte geben. Für die Letter dürfte das zu spät kommen. Nur noch bis Ende Dezember sind die Praxisräume von Siegfried Kipper frei. Dann wird neu vermietet. 

Alexandra Stahl (dpa)

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: Politik