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Ein staatliches Gehalt für alle Familien?

Wie ein Kinderpsychiater und ein Ex-Bankvorstand sich finanzielle Hilfe für Eltern vorstellen - 16.04.2018 23:31 Uhr

Günther Grzega war Vorstandschef der Sparda-Bank München und des Instituts für Gemeinwohlorientierte Politikberatung. Heute setzt er sich insbesondere für das Wirtschaftsmodell der Gemeinwohl-Ökonomie ein. © Foto: privat


Gunther Moll leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Erlangen. Er war als Buchautor erfolgreich, zudem sitzt er für die Freien Wähler im Erlanger Stadtrat. Einer seiner Schwerpunkte ist Familienpolitik. © Foto: H. Sippel


Herr Grzega, was ist das Wichtigste, das eine Familie vom Staat braucht?

Günther Grzega: Wahlfreiheit. Eltern müssen sich entscheiden können, ob sie ihre Kinder selbst betreuen oder in eine Kita geben wollen. Und sie müssen die finanziellen Möglichkeiten dazu bekommen.

Das wäre ja ein Argument für das Betreuungsgeld, das es nur noch in Bayern und Sachsen gibt.

Grzega: Es ist egal, wie wir es nennen. Es geht ganz einfach um die finanzielle Ausstattung einer Familie, die ja der Grundstock unseres gesamten gesellschaftlichen Lebens ist. Ohne Familien brauchen wir gar nicht über Zukunft reden. Wenn es immer nur darum geht, dass eine kleine Gruppe unvorstellbare Reichtümer anhäuft und wir dafür die Bedürfnisse der Familien vernachlässigen, dann befindet sich unsere Gesellschaft schon auf dem absteigenden Ast.

Gunther Moll: Noch zum Betreuungsgeld. Die Debatte läuft ja so: Es wird ein provokanter Begriff genommen – wie "Herdprämie" – und dann wird nur noch darüber geredet, wer diese Leistung bekommen soll und wie hoch sie sein soll. Dabei gerät die Grundsatzfrage in Vergessenheit: die Wahlfreiheit.

Aber man muss doch irgendwann von der Grundsatzfrage zu den Details kommen, wie diese beantwortet werden kann.

Grzega: Die Antwort lautet Familiengehalt. Nehmen Sie meinetwegen einen Abgeordneten: Der wird auch finanziell so ausgestattet, dass er seine Gewissensfreiheit ausüben kann. Ein Familiengehalt müsste so gestaltet sein, dass es Eltern auch diese Freiheit gibt, zu entscheiden, was für ihre Kinder das Beste ist. Bisher hängt es zum Beispiel vom Wohnort ab, ob und wie viel man für die Kinderbetreuung bezahlen muss – also ob man sie sich leisten kann. Das ist doch Quatsch.

In der Diskussion ist bereits eine Kindergrundsicherung, die arme Familien besserstellen soll. Wäre das ein Anfang?

Grzega: Na ja. Ein Familiengehalt soll nicht als Almosen gelten, sondern jede Familie soll es erhalten. Als fixen Betrag. Es darf nicht so klingen, als würde der Gesellschaft damit etwas weggenommen. Ihr wird damit ja etwas gegeben: Zukunft.

Und wer soll so ein Familiengehalt bekommen?

Grzega: Es sollte eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für Familien sein. Aber eben nur für Familien.

Moll: Ich bin überzeugt davon, dass Eltern grundsätzlich das Beste für ihre Kinder wollen. Wer etwas anderes behauptet, der lügt. Wenn Mütter und Väter aber nicht das tun können, was sie für das Beste halten, weil ihnen das Geld fehlt, dann ist das schlicht böse von einer Gesellschaft. In der UN-Kinderrechtskonvention steht, dass sich Kinder in größtmöglichem Ausmaß entwickeln können müssen. Und das muss der Staat gewährleisten. Das heißt: Der Staat muss ein Familiengehalt finanzieren.

Wie kann ich mir das vorstellen? Soll dieses Gehalt nur die Bedürfnisse der Kinder abdecken – oder die der ganzen Familie?

Grzega: Es soll dazu führen, dass Eltern es sich ohne wirtschaftliche Einbrüche erlauben können, Kinder zu bekommen. Es muss die gleiche Situation wirtschaftlich herbeigeführt werden, als wenn sie kinderlos wären.

Derzeit gibt es schon sehr viele Leistungen für Familien — nur überblickt sie fast niemand mehr.

Grzega: Und Eltern sind dadurch immer noch schlechter gestellt als Kinderlose. Ich glaube, Eltern werden wirtschaftlich nicht bessergestellt, damit sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Als sogenanntes Humankapital – wobei ich das für eine beleidigende Bezeichnung halte. Oft genug sind Eltern ja gezwungen, beide Vollzeit zu arbeiten, weil das Geld sonst nicht reicht. Deswegen sind Anhänger des Neoliberalismus übrigens auch für kostenlose oder günstige Kitas. Die bezahlen ja hauptsächlich wieder die Eltern selbst – über ihre Steuern.

Moll: Hinter dem Ausbau der Krippen, Kindergärten und Ganztagsschulen steckt einzig das Wohl des Kapitals – nicht das der Eltern und Kinder. Es geht nur darum, dass mehr Frauen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Das klingt ja fast schon verschwörungstheoretisch. Ich mag nicht repräsentativ für alle Mütter sein – aber ich bin sehr froh, dass mein Kind gut betreut ist und ich meinem Beruf weiter nachgehen kann.

Moll: Mir wurde schon oft vorgeworfen, dass ich ein Krippengegner bin. Dabei stimmt das gar nicht. Ich bin ein Befürworter, ich finde, wir brauchen sehr wohl auch Ganztags-Kinderkrippen. Aber Eltern sollten eben wählen dürfen, ob sie sie nutzen. Und die Betreuung muss dann familienähnlich sein. Das heißt, die Betreuungsschlüssel müssen viel besser sein als heute: eins zu drei in Krippen und eins zu fünf in Kindergärten.  

Interview: SARAH BENECKE

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