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Martin Schulz und sein Team: Spurensuche in Würselen

NN-Redakteur Hans-Peter Kastenhuber im Heimatort des SPD-Kanzlerkandidaten - 13.02.2017 08:49 Uhr

Klein, aber siegeshungrig: Martin Schulz (hinten, 2.v. re.) und die SV Rhenania Würselen.

Klein, aber siegeshungrig: Martin Schulz (hinten, 2.v. re.) und die SV Rhenania Würselen. © Hans Peter Kastenhuber


Es ist ein alter, vergilbter Zeitungsausschnitt, den Franz-Josef Hansen in einer Klarsichtfolie hütet wie einen wertvollen Schatz. 40 dürre Zeilen, die davon handeln, dass ein Fußballspiel 2:2 endete. Neben den Papierstreifen legt der 61-jährige mit einem Strahlen im Gesicht dann noch ein kleines Schwarz-Weiß-Foto. "Das waren wir. Und das hier hinten, der Zweite von rechts, das war der Martin."

Es sind zwei unscheinbare Dokumente eines sportlichen Triumphs, den Franz-Josef Hansen einst miterlebt hat. 1971 müsste es gewesen sein. Das Datum steht leider nicht dabei. Die B-Jugendmannschaft des SV Rhenania Würselen, damals westdeutscher Vizemeister, war vom holländischen Jugendnationalteam zu einem Testspiel ins nahe Sittard eingeladen worden und hatte dem Gegner ein Unentschieden abgetrotzt.

Maßgeblichen Anteil am Erfolg des Kleinstadtteams hatte der linke Verteidiger Martin. "Er war kein Jahrhunderttalent", sagt Hansen, "und das wusste er auch selbst. Aber er war ein robuster, schneller und unwahrscheinlich willensstarker Fußballer." Ein Kämpfertyp, der als Mannschaftskapitän seine Mitspieler mitriss. "Der hatte damals vor dem Spiel gesagt: Die halten uns vermutlich für Rhenania Würstchen, aber denen zeigen wir es heute."

46 Jahre sind seither vergangen, und der eher klein gewachsene Martin aus der zweiten Reihe ist mal wieder dabei, einer Mannschaft unbedingten Siegeswillen gegen einen vermeintlich überstarken Gegner einzuimpfen. Dieses Mal geht es um Politik beziehungsweise um einen SPD-Erfolg bei den im Herbst anstehenden Bundestagswahlen. Und die jüngsten Umfrageergebnisse zeigen, dass es für den politischen Kontrahenten wohl tatsächlich ein Fehler wäre, die zuletzt arg schwächelnden Sozialdemokraten für eine Würstchen-Truppe zu halten.

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Schmale Häuschen und schmucklose Klinkerfassaden

Würselen, so haben politisch interessierte Menschen inzwischen gelernt, ist eine Kleinstadt bei Aachen, in der Martin Schulz aufgewachsen ist, in der er von 1987 bis 1998 Bürgermeister war und in der er nach wie vor lebt. Wo sonst sollte man nach Antworten suchen auf die Frage, was den künftigen SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten als Mensch und Politiker ausmacht? Grund genug für eine 480 Kilometer weite Reise an den westlichen Rand der Republik.

Unscheinbar wäre eine freundliche Umschreibung des Würselener Erscheinungsbilds. Die inzwischen auf fast 40.000 Einwohner angewachsene Kleinstadt ist geprägt von schmalen Häuschen und schmucklosen Klinkerfassaden, die sich oft im kleinteiligen Pflaster des Gehwegbelags zu spiegeln scheinen.

Die ehemalige Bergbaukommune – 1969 schloss die letzte Grube – war immer eine Malocherstadt. Man arbeitete entweder unter Tage oder bei Singer in der Nadelfabrik. Und das bisschen bürgerliche Eleganz, das über die Jahrhunderte hinweg an einigen Ecken entstanden war, vernichteten zum Ende des Zweiten Weltkriegs die US-Bomber.

"Den Charme der Stadt macht das offene Klima zwischen den Menschen aus", sagt Bürgermeister Arno Nelles. Wer hier aufwachse, komme irgendwann gerne wieder zurück.

Oder er geht gar nicht erst fort. Prominentestes Beispiel: "der Martin". Mindestens die halbe Stadt ist mit Schulz per du. Weil er ein bodenständiger Mensch sei, wie Bürgermeister Nelles versichert. Der Sozialdemokrat, der stolz die Hände auf die mächtige Tischplatte vor sich legt und darauf hinweist, dass dies immer noch das alte Amtsmöbel von seinem Vorvorgänger sei, hofft darauf, dass seiner Stadt die mit Schulz’ Aufstieg verbundene Aufmerksamkeit einen gewissen "Imagegewinn" bescheren könnte. Helmut Kohls Heimatort Oggersheim sei schließlich auch bundesweit zum Begriff geworden. Freilich auch zum Synonym für miefige Provinz. Ein Schicksal, da ist Nelles überzeugt, das Würselen nicht drohe. "Weil Martin Schulz keine Provinzialität ausstrahlt."

Alkohol gegen den Frust 

Dabei gab es Zeiten, da niemand eine Mark darauf gesetzt hätte, dass dem Würselener Polizistensohn noch irgendeine bemerkenswerte Karriere vergönnt wäre. So gut wie alle im Land kennen mittlerweile die Geschichte seiner frühen Alkoholsucht. Die fängt damit an, dass Martin Schulz wegen seiner grenzenlosen Fußballbegeisterung und des nicht ganz abwegigen Traums von einer Profikarriere zunächst seine Gymnasium-Laufbahn gegen die Wand fährt und dann als 17-Jähriger einen Kreuzbandriss erleidet, der das Aus im Fußball bedeutet. Alkohol muss den Frust über diese durchaus selbstverschuldete Pechsträhne abtöten.

Sechs Kilometer nördlich von Aachen findet man die ehemalige Bergbaustadt Würselen. Von 1987 bis 1998 durfte Martin Schulz sich in seiner Heimatkommune die Amtskette des Bürgermeisters umhängen. Er war damals das jüngste Stadtoberhaupt in ganz Nordrhein-Westfalen.

Sechs Kilometer nördlich von Aachen findet man die ehemalige Bergbaustadt Würselen. Von 1987 bis 1998 durfte Martin Schulz sich in seiner Heimatkommune die Amtskette des Bürgermeisters umhängen. Er war damals das jüngste Stadtoberhaupt in ganz Nordrhein-Westfalen.


Aus nächster Nähe erlebte das Achim Großmann mit. "Ich bin im Haus Schulz ein und aus gegangen, weil Martins Bruder Walter mein bester Freund war." Der Arztsohn und Psychologiestudent Großmann, der es später zum Bundestagsabgeordneten und langjährigen Parlamentarischen Staatssekretär im Bauministerium bringen sollte, ist Anfang der 70er Jahre Juso-Vorsitzender in Würselen. Ihm entgeht nicht, dass Martin, der jüngste der fünf Schulz-Geschwister, ein überaus interessierter und geistig flinker Bursche ist, der aber auch dabei ist, seine in Aachen begonnene Buchhändlerlehre der vom Alkohol genährten Liederlichkeit zu opfern.

Großmann redet dem acht Jahre Jüngeren ins Gewissen. Und er wirbt ihn an dessen 19. Geburtstag für die SPD an.

Die Würselener Juso-Gruppe ist damals ein schlagkräftiger Haufen von etwa 100 Leuten. Und die Nachwuchssozialdemokraten sind von einem bemerkenswerten Pragmatismus geprägt. "Karl Marx", erzählt Großmann, "ist uns rechts und links am Arsch vorbei gegangen. Wir wollten, dass ein Jugendzentrum entsteht und ein kommunales Kino. Und wir wollten bessere Sportplätze."

Als 24-Jähriger gibt Schulz das selbstzerstörerische Trinken auf. "So konsequent schafft das kaum einer. Das war allein seine Leistung", sagt der studierte Psychologe Großmann 37 Jahre später mit ehrlicher Bewunderung für die Willenskraft des fast Gestrauchelten.

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Freundschaft, Fußball und Sozialdemokratie

Dass sein Leben nicht aus den Fugen geriet, das verdankt Martin Schulz damals auch dem ganz besonderen Würselener Netzwerk von Freundschaft, Fußball und Sozialdemokratie. Als er 1982 in der Kaiserstraße, der Lebensader der Kleinstadt, eine Buchhandlung eröffnet, da funktioniert das nur deshalb, weil es Achim Großmanns Elternhaus ist und ihm der Freund den nach der Sanierung neu entstandenen Laden im Erdgeschoss samt dahinter gelegener Wohnung anbietet. "Martin war ein Lesemonster", erzählt Großmann. Und der Laden läuft gut und wird nebenbei zum Debattierzentrum der jungen Kleinstadt-Linken.

Andreas Dumke hat viel Zeit hier verbracht. "Mein bester Freund war der Neffe von Martin Schulz. Er hat mich eines Tages hingeschleppt", erzählt der heute 52-Jährige beim Cappuccino in einem Innenstadtcafé. Allein durch sein Schwärmen von bestimmten Büchern brachte Schulz junge Leute wie Dumke dazu, ihr Lektüreniveau deutlich zu verbessern. "Zuerst hatte ich nur Interesse an Krimis, plötzlich las ich Hans Magnus Enzensbergers 'Politik und Verbrechen'."

Und nebenbei war Dumke irgendwann natürlich auch in der SPD. Den Aufnahmeantrag hatte ihm Schulz hingelegt. Der wiederum schaffte es 1985 in den Stadtrat und wurde bereits zwei Jahre später zum Erstaunen der Fraktionskollegen vom scheidenden Bürgermeister zu seinem Nachfolger ausgeguckt. "Manche waren anfangs skeptisch", erinnert sich Achim Großmann. "Schon nach kurzer Zeit waren sie alle froh, dass sie ihn hatten."

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Unermüdlicher Macher

Schulz entpuppt sich damals sehr schnell als unermüdlicher Macher. Er will, dass seine Stadt den Strukturwandel hin zu zukunftsträchtigen Industrie- und Dienstleistungsbrachen schafft. Er setzt dabei vor allem auf junge Leute, die er von klein auf kennt. Männer wie Manfred Zitzen. "Wir haben als Kinder im gleichen Viertel gewohnt", sagt Zitzen.

Getroffen hat man sich vor allem nachmittags auf dem nahe gelegenen Fußballplatz. Der zwei Jahre ältere Zitzen hat damals schon die Kämpferqualitäten des kleinen Martin schätzen gelernt. Später im Rathaus war es nicht viel anders. Der Stadtmitarbeiter Zitzen gehörte zu dem engen Kreis, "der, wenn die Ratssitzungen um zehn vorbei waren, noch bis Mitternacht zusammensaß, um darüber nachzudenken, wie man Würselen nach vorne bringen könnte".

Seit langem ist Manfred Zitzen Geschäftsführer der "Stadtentwicklung Würselen", einer städtischen Tochterfirma. Das Gewerbegebiet Aachener Kreuz, auf dem bis heute 6500 Arbeitsplätze entstanden, hat Zitzen entwickelt. Die Idee, sagt er, stammte von Schulz.

Dass das Würselener Rathaus nicht Endstation für das Polittalent Martin Schulz sein konnte, ahnten viele. "Einer bundespolitischen Karriere stand aber nun mal Achim Großmann im Weg, einer seiner besten Freunde", sagt Zitzen. Also ging der Weg nach Europa. An der Leidenschaft für dieses Thema haben Schulz’ Wegbegleiter aber auch nie gezweifelt. Als er in Straßburg zum Präsident des Europaparlaments gewählt und wenig später in Aachen mit dem Karlspreis ausgezeichnet wurde, waren die Würselener Freunde alle mit dabei.

Und wenn ein Fernsehteam für ein Martin-Schulz-Porträt die alten Kameraden im Rhenania-Stadion zusammentrommelt, treten sie sogar noch einmal gegen den Ball. Auch Walter Schulz versaut sich bei diesem kleinen Spaß gerade die feinen Schuhe. Der ehemalige Kölner SPD-Stadtrat erzählt, dass er von der Kanzlerkandidatur seines Bruders am Ende nicht sehr überrascht gewesen sei. "Obwohl ich nicht mehr wusste als alle anderen." Respekt müsse man vor einer solchen Aufgabe haben. Angst? Nein, Angst nicht. "Einen Bergmann fragt man auch nicht, ob er Angst davor hat, unter Tage zu fahren." 

Hans-Peter Kastenhuber

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