Dienstag, 13.11.2018

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Alte Genossenschaftsidee lebt wieder auf

Bürger schieben Energiewende kräftig an — Josef Göppel: „Großstrukturen nicht mehr zeitgemäß“ - 18.10.2011 16:18 Uhr

Die Energiewende beflügelt die Bürger vor allem in ländlichen Gebieten: Blick von einer neuen Windkraftanlage in der Nähe von Wilhermsdorf auf die Frankenhöhe. © Heinz Wraneschitz


Rote Ziegeldächer mit südlicher Ausrichtung sind in Sausenhofen kaum noch zu finden. Wohnhäuser, Ställe, Scheunen — überall sieht man schwarz glänzende Solarmodule. „Das ist zum Selbstläufer geworden“, sagt Ortssprecher Gerhard Kirsch. Um die 1,5 Megawatt sauberen Strom produzieren mittlerweile die Photovoltaikanlagen auf den Dächern des 170-Einwohner-Dorfs südlich von Gunzenhausen. Das brachte Sausenhofen den Titel „ Deutscher Meister 2011“ in der Ortsteilwertung der Solarbundesliga ein.

Jetzt planen die Sausenhofener einen Windpark mit drei Anlagen, selbstredend mit Bürgerbeteiligung. Die viel beschworene Energiewende wird nicht nur in dem Dittenheimer Gemeindeteil kräftig angeschoben. Beispiel Larrieden im Landkreis Ansbach: Volksfeststimmung herrschte unlängst bei der Einweihung des neuen Windrads auf einer Anhöhe unweit der Ortschaft.

Ideell und finanziell engagiert

Das Besondere an dem Projekt: 43 von 44 Eigentümer des Kraftwerks sind Larrieder Bürger, die sich auch ideell engagiert haben. Mehr als ein Drittel der Gesamtkosten von über drei Millionen Euro brachten sie als Eigenkapital auf. Die Anlage produziert grünen Strom für 1000 Haushalte. Michael Höhenberger vom bayerischen Umweltministerium lobte die Larrieder in Anlehnung an ein chinesisches Sprichwort: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“

Windräder haben auch die Menschen in Mausdorf gebaut, nämlich zwei im Jahr 2008. Über 100 Bürger aus dem Umland haben in die Anlagen investiert. Der Ortsteil von Emskirchen im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim gilt in Sachen Energiewende als Vorzeigedorf: Hier wird, natürlich regenerativ, 25-mal mehr Strom hergestellt als alle Einwohner und die ortsansässigen Betriebe verbrauchen.

Mit dem Bau einer Biogasanlage ging es vor einigen Jahren los, mit deren Abwärme wird seit 2009 gut die Hälfte der Wohnhäuser und demnächst eine Trocknungsanlage für Biomasse beheizt. Als Lohn für die Öko-Initiativen erhielt die Dorfgemeinschaft unlängst den Westmittelfränkischen Energiepreis 2011.

Der Wind der Veränderung ist in ländlichen Gebieten mehr zu spüren als in den Städten. Nach Angaben des CSU-Umweltpolitikers Josef Göppel aus Herrieden sind im Jahr 2010 rund 126 Millionen Euro an Einspeisevergütungen in den Landkreis Ansbach geflossen. Die Summe aller Agrarprämien dagegen lag bei 54 Millionen.

„Den Landkreisen kommt bei der großen Zukunftsaufgabe der Energiewende eine entscheidende Rolle zu“, bekräftigte kürzlich der Präsident des Bayerischen Landkreistags, Jakob Kreidl (CSU). Biomasse, Solarparks, Windkraft, Geothermie: Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien sehen die Landräte immense Chancen für die ländlichen Regionen.

Dort nehmen die Bürger in vielen Gegenden die Energiewende gleich selbst in die Hand, gründen Genossenschaften für regionale Versorgungsstrukturen wie im Raum Uffenheim oder im Raum Weißenburg die „Bürgerenergie Altmühlfranken“. Deren Sprecher Uwe Döbler (Weißenburg): „Wir wollen die Wertschöpfung vor Ort erhöhen und neue Modelle der Bürgerbeteiligung entwickeln.“

Profiteure ziehen umher

Nach Döblers Beobachtung findet derzeit in ländlichen Gebieten „ein regelrechter Flächenkampf“ statt: Profiteure zögen übers Land und lockten die Bauern mit lukrativen Pachtverträgen etwa für Freiflächen-Photovoltaikanlagen. Döbler wörtlich: „Man hat den Eindruck, dass der Ausverkauf Bayerns in vollem Gang ist.“

Ähnliche Erfahrungen hat der Abgeordnete Göppel gemacht. „Projektbetreiber und Investoren ködern Landwirte mit Optionsverträgen, um die besten Plätze etwa für Windräder zu besetzen.“ Der Politiker fordert deshalb Vorrechte für ortsansässige Bürger, also Einheimischenmodelle analog der in vielen Gemeinden praktizierten Bauplatzvergabe. Als optimale Ergänzung zum Baulandmodell gilt in Hersbruck eine Bürger-Photovoltaikanlage auf einem Lärmschutzwall an einer Bahntrasse.

Göppel kämpft seit Jahren für kleinteilige Strukturen, für dezentrale und vernetzte Anlagen zur umweltfreundlichen Energieversorgung. Erstmals seit 100 Jahren könne der Normalbürger in das Anlagengeschäft einsteigen und daraus Wertschöpfung ziehen. „Die Leute wollen in grüne Technologien investieren. Auf dem Land können sich die Banken vor Nachfragen nach Geldanlagen kaum retten.“

Großstrukturen sind nicht mehr zeitgemäß, ist er überzeugt. Der 61Jährige schwärmt von Modellen der Bürgerbeteiligung: „Da wird die alte Genossenschaftsidee wiederbelebt.“ 

VON HORST M. AUER

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