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Auftrieb für Öko

Landkreis Amberg ist jetzt staatliche Modellregion - 18.03.2016 19:47 Uhr

Roland Heldrich hält auf seinem Bioland-Hof im oberpfälzischen Frechetsfeld unter anderem eine kleine Mutterkuhherde. Außerdem presst er Säfte aus Obst von Streuobstwiesen. © Michael Kasperowitsch


Roland Heldrich ist ein zurückhaltender, gelassener Landwirt. Wenn die Sprache allerdings auf die neue Öko-Modellregion kommt, sprüht er beinahe vor Begeisterung: „Das wird uns allen einen enormen Auftrieb geben und uns stärken.“

Der 44-jährige Bauer führt seinen Bioland-Hof in Frechetsfeld in der Gemeinde Birgland zusammen mit seiner Familie seit 2008 als Vollerwerbsbetrieb. Produziert werden dort vor allem Rindfleisch und Saft aus Früchten von Streuobstwiesen. Seine Leidenschaft für diese Aufgabe verbirgt er nicht. Für ihn ist das eine Berufung. „Mir gefällt es, mich mit alten Bäumen zu beschäftigen und traditionelle Apfel- oder Birnensorten zu erhalten“, sagt Heldrich am Küchentisch, „was das für ein Wert ist, wissen Verbraucher allerdings oft nicht.“ Und da geht es beileibe nicht nur um ideelle Werte, sondern auch ums schnöde Geld.

Erklärung für Verbraucher

Lieferanten, deren Obst Heldrich neben dem eigenen presst, bezahle er deutlich besser als üblich, vorausgesetzt, die Qualität stimmt. „Ich möchte eben auch, dass die Produzenten von ihrer Arbeit leben können.“ Solche Zusammenhänge müsse man den Verbrauchern erklären und auf den Betrieben mehr vor Augen führen.

In der jüngsten Öko-Modellregion Amberg mit ihren 27 Kommunen und der kreisfreien Stadt gehört genau das zu den großen Zielen. In den vergangenen fünfzehn Jahren ist die Zahl der Bauernhöfe in dieser Region um fast 30 Prozent zurückgegangen. Gegenwärtig gibt es noch gut 1650 landwirtschaftliche Betriebe, lediglich 109 davon werden bisher ökologisch bewirtschaftet. Das ist in etwa bayerischer Durchschnitt.

Vor allem der Gemüseanbau fristet im Raum Amberg ein Schattendasein. Nur fünfeinhalb Hektar sind noch mit Feldgemüse bepflanzt. In den vergangenen 15 Jahren ist diese Fläche um zwei Drittel geschrumpft.

„Landwirte in der Region haben erkannt, dass ihre Stärken nicht darin liegen, globale Märkte zu bedienen, sondern in einer angepassten regionalen und ökologischen Produktion“, heißt es in dem Bewerbungsschreiben, das Landrat Richard Reisinger zusammen mit Ambergs OB Michael Cerny (beide CSU) beim Landwirtschaftsministerium eingereicht hat.

Barbara Ströll ist die Projektmanagerin. © Michael Kasperowitsch


Produziert wird im Landkreis, Verarbeiter und Konsumenten gibt es in der Stadt — diese Symbiose soll ausgebaut und gestärkt werden. Dabei steigt, so die beiden Politiker, die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln. Die Öko-Bauern können den Bedarf aber nicht decken. Dass sich dies nun ändert, dafür ist unter anderem Barbara Ströll da. Die Biologin und Ökopädagogin ist die Projektmanagerin der jungen Modellregion. 75 Prozent ihres Gehalts zahlt der Staat, den Rest teilen sich Landkreis und Stadt. Die Regelung gilt zunächst für zwei Jahre. Der Berg an Arbeit, den sie vor sich hat, ist riesig. Es geht darum, Landwirte dazu zu bewegen, ihren Hof auf Ökolandbau umzustellen. Das gelingt aber nur, wenn die regionale Nachfrage nach ihren Produkten groß genug ist. Da müssen Gastronomie und Lebensmittelhandel mitziehen. Daran hapert es ebenso noch wie an der Verarbeitung von Ökoprodukten. Lediglich für Milch und Getreide gibt es solche Betriebe. Und der Naturschutz soll auch nicht zu kurz kommen.

Barbara Ströll fungiert deshalb im Landkreis Amberg als so etwas wie eine reisende Öko-Schaltzentrale und treibendes Schwungrad für den Bio-Kreislauf. Sie fragt ab, welche Bedürfnisse, Wünsche und Möglichkeiten Bauern wie Heldrich und seine Kollegen haben. Sie will wissen, „wo der Schuh drückt“. Ströll hat dazu einen Fragebogen entwickelt. „Die Zusammenarbeit klappt bisher prächtig.“

Bauernverband ist mit dabei

Außerdem animiert sie Metzger, Bäcker oder Wirte, mehr Bio-Lebensmittel anzubieten. Auf allen größeren öffentlichen Festen soll es mindestens einen Stand mit bioregionaler Kost geben, auf Sitzungen ein bioregionales Getränk. Das schwierigste Unterfangen aber ist es vermutlich, einen Bewusstseinswandel bei den Verbrauchern zu befördern. „Wenn es gut läuft, wissen die Menschen hier am Ende, warum solche Lebensmittel ihren Preis haben, was ökologisch wirtschaftende Bauern für Trinkwasser- und Klimaschutz oder Biodiversität tun“, meint sie, „und für die Lebensqualität.“ Oberbürgermeister Cerny hat das erkannt.

In Zeiten großen Misstrauens gegenüber den globalisierten Märkten könnten solche Projekte eine Alternative aufzeigen. „Sie decken ein Lebensgefühl der Menschen ab, vor allem in Städten“, betont der OB, „wir stehen vor einem spannenden Prozess.“

Der Bayerische Bauernverband (BBV), der vor allem konventionell wirtschaftende Landwirte vertritt, tut diese Entwicklung keineswegs als Öko-Spinnerei unliebsamer Bio-Konkurrenten ab. Der Amberger BBV-Kreisverband steht ganz oben auf der Liste der Unterstützer des Öko-Modellregionen-Projekts. „Wir begrüßen das“, sagt Hans Meier aus Ursensollen, Sprecher der Öko-Landwirte innerhalb des Bauernverbandes — auch die gibt es. Es gehe, so Meier, darum, die alten Grenzen zwischen den Lagern aus Öko-Höfen und herkömmlichen Betrieben zu überwinden. „Wir sitzen da in einem Boot.“

  

MICHAEL KASPEROWITSCH

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