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Aus Leidenschaft Vorsitzende des Ruderverein Erlangen

Seit 40 Jahren im Vorstand: Ehrenmedaille für Lore Baehr - 17.10.2018 17:05 Uhr

Vorne im Boot: Lore Baehr (ganz links) bei Rudern gegen Krebs.


Das blaue Notizbuch liegt bereits auf dem Tisch parat. Lore Baehr will sich schnell etwas aufschreiben, merken, sagt sie, kann sie sich das nicht alles. Ein Zitat von Rabindranath Tagore hat sie sich ausgedruckt und über ihrem kleinen Schreibtisch zu Hause im Arbeitszimmer aufgehängt. "Ich dachte, das ist als Motto für mich ganz gut." Wie es genau lautet, weiß sie gerade nicht, sie will es per Email schicken. "Ich bin nicht der ernsthaft sehr gut strukturierte Mensch" — eher der Typ kreative Zettel-Wirtschaft.

Kürzlich bekam sie die Ehrenmedaille für besondere Verdienste um den Sport in Bayern. "Ich sehe die Ehrung stellvertretend für alle, die sich im Verein engagieren." Gut 400 Mitglieder hat der Ruderverein. "Wir arbeiten komplett ehrenamtlich, der Gemeinschafts-Gedanke ist mir wichtig." Die Auszeichnung für sie alleine ist ihr fast etwas unangenehm — dabei ist es nicht ihre erste.

2015 zeichnete die Stadt Erlangen die Vorsitzende des Rudervereins mit dem Ehrenbrief aus, auch die Ehrennadel für ihre Verdienste im Sport bekam sie schon verliehen. Seit 40 Jahren ist die Erlangerin im Vereinsvorstand, zuerst war sie Schriftführerin, am 16. November wird sie zehn Jahre Vorsitzende sein. Der Ruderverein, sagt sie, "ist ein Stück Heimat".

Aufgewachsen ist Lore Baehr nur ein paar Meter weiter. Ihr Elternhaus liegt direkt am Kanal. 1965 war sie mit ihrer Familie von Köln nach Erlangen gezogen, weil der Papa hier eine neue Arbeit gefunden hatte. Als 13- Jährige begann sie mit Rudern, gemeinsam mit Schulfreunden, zunächst noch auf der Regnitz.

Als der Kanal geflutet wurde, zog der Ruderverein um. "Dann habe ich mit Leistungssport begonnen, jeden Tag Training. Mit 19 habe ich damit aufgehört." Vier Jahre später suchte der Verein einen Schriftführer, Lore Baehr ließ sich überreden. Als sie Vorsitzende wurde, war es ähnlich: "Ich wollte das zuerst nicht machen, weil ich es mir nicht zugetraut habe." Das Bootshaus, die Finanzen, so viel Verantwortung war sie nicht gewohnt.

"Der Ruderverein ist ein Stück Heimat"

Nun sagt sie: "Man muss nicht alles wissen." Anfangs half einer ihrer Vorgänger, Joachim Putzmann, "er war wie ein Mentor", hatte immer einen guten Rat.

Beim Anrudern im Sommer 2018: Lore Baehr. © Harald Sippel


Seither hat sich viel getan. Der Ruderverein feierte sein 100-jähriges Bestehen, große Veranstaltungen wie zum dritten Mal "Rudern gegen Krebs" oder die Drachenboot-Rennen finden statt. Lore Baehr wuchs an diesen Aufgaben. "Am Anfang macht wohl jeder den Fehler, alles selbst erledigen zu wollen. Man muss lernen, Dinge zu delegieren." Wichtig sei, einen Verein im Team zu führen. "Ich bin harmoniebedürftig. Deshalb ist es vielleicht gut, dass ich im Berufsleben nicht so viel zu sagen hatte", meint Baehr. "Befehle zu erteilen" ist nicht ihre Art. "Ich bin keine Basta-Vorsitzende."

Lore Baehr hat zwei Kinder und drei Enkelkinder, ist 62 Jahre alt, groß, schlank, hat kurze, blonde Haare, ihre Haut ist von der Sonne gebräunt. Insgesamt wirkt sie jünger, vielleicht auch, weil sie durch den Verein viel Zeit mit jungen Sportlern verbringt. Seit eineinhalb Jahren arbeitet die Erlangerin, die als Buchhändlerin bei Palm und Enke sowie später bei Thalia angestellt war, nicht mehr. Daheim, sagt sie, fühlt es sich nun so an, als sei es das Sekretariat des Vereins.

"Stillstand ist Rückschritt, das lernt man"

Wissen Mitglieder nicht mehr weiter, rufen sie an. Auch Ehemann Detlef hilft zur Not weiter. "Ich bin ja kein Digital Native", sagt sie. Emails schreiben und mit einem Anhang versehen, das geht. Gerade aber sei sie an einer Excel-Liste verzweifelt. Lore Baehr kann das frei erzählen, sie findet, man muss nicht alles können und man sollte zu seinen Fehlern stehen. Doch man merkt auch: Neues abzulehnen, ist nicht ihre Art. "Stillstand ist Rückschritt, das lernt man als Vereinsvorsitzende. Man muss auch mutig sein."

Hinzu kommt "Basis-Arbeit": Jede Woche gibt sie als Übungsleiterin Ruder-Stunden und steigt mit Anfängern ins Boot. "Ich schaue, dass ich zweimal pro Woche Rudern gehe. Es hält einen wirklich fit."

Mit dem Frauen-Achter gewann die Erlangerin 2000 und 2002 die Altersklassen-Weltmeisterschaft. Zusätzlich spielt Baehr Volleyball in einer Freizeitmannschaft des TV 48 Erlangen, mit ihrem Mann geht sie Mountainbiken. "Ich bin manchmal ruhelos, tue mir schwer, Muße zu finden." Lieber ist Lore Baehr aktiv. Und natürlich ist die Vereinsvorsitzende zuverlässig. Eine Stunde nach dem Interview ist schon die Email mit dem Zitat vom Schreibtisch da.

"Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude,

ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht.

Ich handelte und siehe, die Pflicht war Freude."

Das, schreibt Lore Baehr, sei "vielleicht doch ein bisschen zu dick aufgetragen". Und dick auftragen, das ist nicht ihre Art. 

Katharina Tontsch Sportredakteurin in Erlangen E-Mail

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