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Blicke in den Alltag: Politische Themen bestimmen Poetenfest

"Weit über 12.000 Besucher" - Literaten leben nicht im Elfenbeinturm - 28.08.2017 07:00 Uhr

Zwischen Hauptpodium und Vorlesewiese tummeln sich viele Familien, die das vielfältige Angebot des Poetenfests nutzen. © Peter Roggenthin


Nein, im Elfenbeinturm leben Literaten nicht – und haben auch früher selten dort gelebt. Auch das Erlanger Poetenfest war niemals eine Insel der Glückseligen, auf die man Ende August flüchtet, um mit dem Wahnsinn der Welt und des Alltags nichts mehr zu tun zu haben.

Wie unerbittlich die Ausläufer des Terrors, der Kriege, der Hetze und der Gewalt in die Welt der Worte eingedrungen ist, konnte dieses Jahr intensiv miterlebt werden.

Besonders drastisch beispielsweise, wenn die Diskussion rund um das Thema "Hass" nur unter Polizeischutz stattfinden kann. Oder wenn der Stand von Amnesty International, an dem unter dem Motto "Journalismus ist kein Verbrechen" auf die Unterdrückung von Meinungsfreiheit und die Verfolgung von Autoren hingewiesen wird, in diesem Jahr besonders umlagert ist.

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Lesen und lesen lassen: Mehr als 12.000 Besucher beim Poetenfest

Bei einigen Veranstaltungen des diesjährigen Erlanger Poetenfestes blieben zwar Wünsche offen, doch bei den entspannten Lesenachmittagen im Erlanger Schlossgarten kamen die Literaturliebhaber wieder auf ihre Kosten. Die Veranstalter zählten "weit über 12.000 Besucher". Gelesen, performt und diskutiert wurde nicht nur auf der grünen Wiese, sondern auch im Markgrafentheater, in der Orangerie, dem Botanischen Garten sowie im Palais Stutterheim.


Bei den "Podien" geht es um Hass, Meinungsfreiheit, die unterschiedlichen Vorstellungen vom Begriff "Heimat", Zensur und Selbstzensur sowie den fehlenden Mut zum offenen Diskurs in der Gesellschaft. Aber auch in den literarischen Texten tauchen immer wieder die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Thematiken auf. Fiston Mwanza Mujila berichtet vom alltäglichen Irrsinn in einem immer noch von den Folgen der Kolonialzeit durcheinander gewirbelten afrikanischen Land. Die Bar, in der sich alle treffen und reden, wird zum Fluchtpunkt, zum Ort der Freiheit.

Hazal, die Anti-Heldin in Fatma Aydemirs Roman "Ellbogen" widersetzt sich den Klischees über das Leben junger Türkinnen in Deutschland. Wenn sich Theresia Enzensberger in "Blaupause" mit einer jungen Frau am Bauhaus beschäftigt, geht es weniger um Kunst und Architektur, als um Ungleichheit und Sexismus. Schwupps, das Buch ist brandaktuell.

Während die deutsch-polnische Journalistin und Buchautorin Emilia Smechowski in ihrem Buch "Wir Strebermigranten" auf die rund zwei Millionen aus Polen stammenden Deutschen blickt, präsentieren junge Geflüchtete im Botanischen Garten Texte, die im Rahmen eines Workshops beim Poetenfest entstanden sind. 

Viele der Texte, die sich mit der Flucht und mit den ersten Erfahrungen in Deutschland auseinandersetzen, sind sehr bewegend. Wunderbar, die große Hoffnung auf die Zukunft, die durch diese Worte erklingen kann. Das Interesse der Poetenfest-Besucher an diesem "Ankommen in Deutschland" ist groß.

Klar, es gibt Literaturfreunde, die am liebsten vorm Hauptpodium sitzen oder auf der Wiese liegen, um sich im Halbstundentakt mit Passagen aus den neusten Bücher berieseln lassen. Dennoch: Das Erlanger Publikum ist neuen Impulsen gegenüber stets aufgeschlossen — egal, ob es sich um einen Laien-Workshop oder um das experimentelle Aufeinandertreffen von Tanz, Puppenspiel und Literatur bei "La Vie des Formes" oder — wie bei Fiston Mwanza Mujila und Stefan Poetzsch — den Mix aus Poesie und Musik handelt.

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Eine Wundertüte voll fesselnder Poesie: Das Erlanger Poetenfest

Erlangen feiert seit Donnerstag und noch bis Sonntag das 37. Poetenfest - den Auftakt zum deutschen Bücherherbst. Dazu sind über 80 Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizisten eingeladen, um den Zustand der Welt, wie er sich in Prosa, Lyrik und in politischen Diskussionen niederschlägt, zu erkunden.


 

S. MÖSSLER-RADEMACHER

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