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Samstag, 22.09.2018

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Empörung über Erlanger Gewobau hält an

Gemeinderat Spardorf distanziert sich von Gewo-Land — Ein Check fürs Glockenhaus - 20.04.2018 15:00 Uhr

Das Wahrzeichen von Spardorf, das Glockenhaus, ist teils vom Holzbock befallen und muss untersucht werden. © Dieter Köchel


In jahrelanger Arbeit ist das Konzept und damit der vorhabenbezogene Bebauungsplan für das ehemalige Ziegeleigelände zwischen Spardorf und Buckenhof entstanden. Ein Planwerk mit vielen Einzelfestlegungen, die in ihrer Gänze eine sinnvolle Bebauung ergeben. So ist festgelegt, dass eine riegelförmige höhere Gebäudezeile die im Kreuzungsbereich entstehenden Supermärkte und Einkaufsmöglichkeiten vom Areal dahinter abtrennt. Und vor allem den Lärm abhält.

Für diese Häuserriegel ließ nun der wirtschaftliche Bauträger, die Erlanger Gewobau, durch einen neuen Architekten andere Bauformen vorlegen. Als kaltschnäuziges Vorgehen wurde das in der Sitzung des Planungsverbands "Alte Ziegelei" vergangene Woche bezeichnet (wir berichteten). Unter diesem unguten Vorzeichen stand die Ratssitzung in Spardorf, hatten doch die Ratsmitglieder über ein Gebäude und über Werbeanlagen in genau diesem Gebiet zu befinden.

Der Bauantrag für die Werbeanlagen war dabei unproblematisch, im Grunde nur eine Rechtsformalität. Gleichwohl musste der Rat einige Befreiungen für Abweichungen erteilen. Sie wurden als Verbesserungen eingestuft. Dennoch stand die Ratsdiskussion im Schatten des "Vertrauensverlustes", so Bürgermeisterin Birgit Herbst (NL), der durch das Vorgehen des Bauträgers in der Planungsverbandsitzung entstanden war.

In diesem Gebäude sind zwei Geschosse für eine Förderstätte der Lebenshilfe reserviert. 44 zum Teil sehr schwer behinderte Menschen sollen mit 25 Betreuern dort ihren Tag verbringen. Sie werden von Kleinbussen gebracht. Für sie ist es vorteilhaft, dass in der geänderten Planung die Erschließung über die Buckenhofer Straße erfolgt. So muss kein Rollstuhlfahrer über eine Straße zum Eingang, der ins erste Obergeschoss führt, gebracht werden.

Ein weiterer Vorteil entsteht für die künftigen Bewohner des in den oberen Stockwerken angesiedelten Personalwohnheims der Universitätskliniken: Es ist genug Platz für 23 statt bisher 14 Stellplätze. Nur mehr 16 werden auf der anderen Seite der Straße liegen.

Der Gemeinderat gab einstimmig seine Zustimmung. Wesentlich kritischer sieht er das Thema Energieversorgung. Hier war im November festgelegt worden, dass eine Gasheizung und Solarthermie eingesetzt werden. Gasheizung deshalb, weil man eine rasante Entwicklung der Brennwerttechnik hin zu nicht fossilen Brennstoffen erwartet, auf die eine Gastherme umgerüstet werden könnte.

Da die Erlanger Stadtwerke — wie die Gewobau eine Tochter der Stadt Erlangen — eine Fernwärmeleitung bis zur nahegelegenen Langen Zeile betreiben, haben sie Interesse, auch das neue Wohngebiet so mit Energie zu versorgen. Eine Verlängerung hätte aber zur Folge, dass die mit Flüsterasphalt geteerte Buckenhofer Straße untertunnelt werden müsste. Zudem wäre ein nicht leicht austauschbares Heizsystem etabliert. Nach Ansicht von Herbst wäre dies ein großer Fehler, denke man an eine Lebensdauer der Gebäude von etwa 80 Jahren und den bevorstehenden Wandel in der Energiegewinnung.

"Es sind in dieser Sitzung des Planungsverbands Dinge geschehen, die sehr fragwürdig sind", blickte sie nochmals zurück. Für sie ist die Einschaltung eines neuen Architekten eine "Aushebelung des Bebauungsplans". Zudem sieht Herbst die hochwertige Bauweise der Märkte mit Aufenthaltsqualität durch die andere Bauform des dahinter liegenden Gebäudes "verballhornt" und bat den Rat um größte Vorsicht beim weiteren Vorgehen.

"Es ist Irrsinn, wenn wir wieder von vorne anfangen", gab ihr Ulrich Wasielewski (SPD) sofort Schützenhilfe. "So wird’s oder es ist Schluss", müsse die Haltung der zwei beteiligten Kommunen sein. Denn: "Das ist keine Partnerschaft, das ist Trickserei."

Am stärksten schlug die Missstimmung in der Planungsverbandssitzung aber bei einem anderen Punkt der Tagesordnung durch: Bei der Abstimmung, ob Spardorf der neu entstehenden Gewo Land beitreten solle.

Elf Kommmunen – überwiegend aus dem früheren Landkreis Erlangen – wollen hier Gesellschafter werden, um eine schlagkräftige Baugesellschaft im Umfeld von Erlangen zu etablieren, um den großen Druck wegen fehlenden bezahlbaren Wohnraums zu mildern. Spardorf war dabei der Auslöser, weil es wegen des Ziegeleigeländes die städtische Gewobau aufs Land rief.

"Ob die Gewo der richtige Partner für uns ist bezweifle ich im Moment sehr", gab Herbst vor, der ihr Gemeinderat im November grünes Licht zum Beitritt gegeben hatte. Ein wesentlicher Punkt war für sie, dass der Geschäftsführer der Gewobau auch der der landkreisweiten Gewo Land sein soll. Und: "Ob nicht die Belange der Stadt Erlangen hier bei uns abgebildet werden sollen?"

Einhellig rieten die Ratsmitglieder von einem Beitritt zum jetzigen Zeitpunkt ab. Eben wegen der engen personellen Verbandelung oder wegen des eigenen Eindrucks vom Verlauf der jüngsten Planungsverbandssitzung. Der Rat hob einstimmig seinen Beitrittsbschluss vom November auf.

Ebenso einhellig und einstimmig beschloss er, das Architekturbüro Lübeck-Summa mit einer Untersuchung des Glockenhauses, des Ortswahrzeichens. Das historische Gebäude ist zum Teil vom Holzbock befallen. Hier muss eingegriffen werden, soll auch das Obergeschoss einer öffentlichen Nutzung zugeführt werden. Man erwartet vom in Spardorf aufgewachsenen Inhaber Christof Lübeck einen guten Umgang mit alter Bausubstanz und eine dezente Verbindung mit Modernem.

Nachträglich billigte der Rat, dass die Bürgermeisterin neuen Werkbänke im Wert von 13 000 Euro für die Schule bestellt hat.

"Das ist keine Partnerschaft, das ist Trickserei." 

PAULINE LINDNER

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