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Erlangen: Kassen lassen Kranke im Regen stehen

Behandlungskosten in Uniklinik-Zentrum werden für Mehrfachbehinderte nur noch bis Ende 2017 übernommen - 01.12.2016 12:00 Uhr

Für Judith Wölfel ist es eine schlimme Vorstellung, dass sie ab Januar 2018 nicht mehr im Sozialpädiatrischen Zentrum behandelt werden soll. © Harald Sippel


Vielleicht ist Judith Wölfel heute Nachmittag bei der Demonstration mit dabei. Schließlich geht es bei der Kundgebung ab 15 Uhr in der Loschgestraße, zu der der Verein Mukoviszidose mit Unterstützung des Universitätsklinikums aufruft, um die Weiterfinanzierung einer umfassenden Therapie am Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) der Erlanger Kinder- und Jugendklinik des Universitätsklinikums – und damit auch um die Zukunft der jungen Frau. Denn auch sie darf nicht mehr in der Spezialklinik untersucht werden.

Ob es die junge Frau aus Uttenreuth aber an diesem Donnerstag überhaupt bis zur Kinderklinik schafft, liegt daher nicht an ihrem Willen. Es ist eine Frage des Könnens, abhängig davon, ob sie und ihre Mutter jemanden finden, der der 23-Jährigen bei der Fahrt nach Erlangen hilft. Allein kann sie das nicht.

Judith Wölfel kam mit einer sehr seltenen Mehrfachbehinderung auf die Welt. Sie leidet an einer Gelenkversteifung der oberen Extremitäten und weiteren Fehlbildungen. Außerdem hat sie Probleme mit dem Herzen und braucht eine Nachtbeatmung. Seit ihrer Geburt wird sie im SPZ behandelt.

Auch sie gehört, ähnlich wie Dutzende erwachsene Mukoviszidose-Kranke, zu jenen Patienten, die künftig nicht mehr in die extra zertifizierte Abteilung gehen können.

Denn mit einer Entscheidung des Zulassungsausschusses Ärzte Mittelfranken wird nun ein Urteil des Bundessozialgerichts umgesetzt, das den bisherigen „Überweiser“-Kreis einschränkt. Demnach dürfen nur noch Neurologen, Kinder- und Jugendärzte sowie Kinder- und Jugendpsychiater an das Sozialpädiatrische Zentrum überweisen. Das bedeutet: Die Krankenkassen übernehmen für Erwachsene dort keine Behandlungskosten mehr (wie berichtet).

Der Selbsthilfeverein der an Mukoviszidose-Erkrankten hat mit Blick auf den anstehenden Versorgungsnotstand bereits Alarm geschlagen.

Judith Wölfel und ihre Mutter Monika Vogel blicken ebenfalls besorgt in die Zukunft. „Als uns die Krankenkasse im November 2015 mitgeteilt hat, dass ich nicht mehr ins SPZ gehen darf, war ich völlig fassungslos“, sagt die Betroffene. Plötzlich habe es geheißen, dass in der Abteilung nur noch Minderjährige betreut werden können. „Dabei“, stellt Judith Wölfel verwundert fest, „war ich damals schon mehrere Jahre lang volljährig.“

Gemeinsam mit ihrer Mutter legte die Uttenreutherin Widerspruch gegen die Entscheidung ein. Die Kasse wies diesen zwar zurück, ließ sich aber in diesem speziellen Fall auf eine Fristverlängerung bis zum 31. Dezember 2017 ein. So lange übernimmt Judith Wölfels Krankenversicherung die Kosten für die Behandlung. Dann aber ist nach derzeitigem Stand für die mehrfachbehinderte Patientin im SPZ wohl endgültig Schluss.

Für die 23-Jährige und ihre Mutter ist das eine Horror-Vorstellung. Die Physiotherapeutin beispielsweise ist für Judith Wölfel schon seit Geburt an zuständig. „Sie sieht sofort, wenn sich ihr Zustand verschlechtert hat und weiß, was zu tun ist“, erzählt Monika Vogel.

Auch an die anderen Fachärzte, Therapeuten, Sozialpädagogen und Psychologen ist die junge Frau gewöhnt. „Ich kenne hier einfach jeden, es macht mich traurig, wenn ich plötzlich hier nicht mehr hin darf.“ 

Die Krankheit mache ihr das Leben ohnehin schon schwer und nun werde ihr damit auch noch „ein weiterer Baustein vor die Füße geworfen“.

Ihre Mutter fürchtet neben dem persönlichen Vertrauensverlust auch noch Einbußen in der medizinischen Kompetenz: „Die Krankheit meiner Tochter kommt sehr selten vor, im SPZ haben wir alle Spezialisten unter einem Dach.“

Geht es nach dem Willen von Judith Wölfel und ihrer Mutter, dann soll es so bleiben. Das wollen auch die Mukoviszidose-Patienten, die heute für die weitere Finanzierung einer umfassenden Therapie demonstrieren. Mediziner, Therapeuten und Pflegekräfte gehen dabei mit auf die Straße: an der Seite ihrer Patienten. 

SHARON CHAFFIN

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