Dienstag, 25.09.2018

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Erlanger Kastenlauf: Schritt für Schritt in den Suff

Polizei beobachtet den Zug junger Menschen - Umstrittene Tradition - 18.05.2018 06:00 Uhr

Das Kastenlaufen am ersten Tag der Bergkirchweih ist zur Tradition geworden. Man trifft sich da im Wiesengrund und glüht schon einmal so richtig vor. © Klaus-Dieter Schreiter


Zu sagen, dass ich die Züge eines Fußballtrainers annehme, will ich nicht. Das wäre zu weit gegriffen. Doch besteht diese eine Gemeinsamkeit mit dem Dirigenten einer Elf, der je nach Situation stoisch, aufgewühlt oder wutentbrannt am Spielfeldrand auf und ab läuft: Ich bin ein Taktiker. Bereite mich auf Szenarien vor.

Nun geht es hier nicht um die tausenden Personen auf Tribünen oder gar vor Millionen den Fernsehgeräten, schon gar nicht um Millionen an Geldern. Es stehen keine großen Entscheidungen an, die in die Annalen eingehen wie große Triumphe. Ich sinniere, die Klinke meiner Wohnungstür in der Hand, noch einmal, ob ich an alles gedacht habe. Ich sehe an mir herunter: Meine Shorts, versehen mit vielen verschließbaren Taschen. Verschlissen im Laufe der Jahre. Ähnlich verhält es sich mit meinen Schuhen. Sie erschienen vor meinem imaginären Mode-Richterstuhl, ich spreche das Todesurteil für die beiden Elemente aus meinem Schrank: Für die Bergkirchweih reicht es noch, für den alltäglichen Gebrauch nicht mehr.

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Mein Konzept geht auf: Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, Tropfen landen auf meinem Kopf. Passend zu meiner Kleiderwahl zeigt sich das Wetter: nicht schön, aber nützlich. Funktionalität statt Ästhetik. Hätte ich mich "schick gemacht", ich wäre an der ersten Hürde, dem Regen, gescheitert.

Taktische Nahrungsaufnahme

Einen einzigen Zwischenstopp lege ich ein, bevor es zum Startpunkt geht: fünf Euro tausche ich ein bei einem Metzger gegen allerlei Fleischwaren, bei deren Fettgehalt Ernährungswissenschaftler die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ja, auch die Nahrungsaufnahme kann taktisch geprägt sein. Ich will durchhalten.

Buckenhof heißt das beschauliche Örtchen, zu dem mich und so viele andere der Weg am diesem Tag führt. Endpunkt der "Langen Zeile", Startpunkt des Kastenlaufs. Des Prä-Bergkirchweih-Events, das die Stadtjugend aufs Land lockt, um von dort aus wieder in die Stadt zu marschieren.

Für den ortsansässigen Supermarkt ist die Zusammenkunft Fluch und Segen zugleich: Jede Menge Hopfengold bringt das Geschäft an die Jugendlichen, die sich meist in Grüppchen von zwei Personen einen Kasten Bier teilen. Doch beginnt der Lauf nicht direkt nach dem Kauf. Auf dem Parkplatz vor dem Laden wird sich "aufgewärmt", das erste von vielen Bieren wird getrunken, von manchen gestürzt. Ob der Menge an Besuchern, die schon bald ein Meer an Flaschen und Scherben hinterlassen, flankiert die Polizei das Geschehen. Und irgendwann - Zeit ist an diesem Tag dehnbar - denkt der Pulk daran, sich in Bewegung zu setzen. Manch einer in Schlangenlinien.

Und so beginnt eine Wanderung, die nicht wenige hier "Tradition" nennen: Bepackt mit Bier und anderen alkoholischen Getränken marschiert man auf die Bergkirchweih.Ich bewältige die Strecke leicht, nutze die Bilder, die sich mir bieten, zum Amüsement: Der Herr, der zwischenzeitlich neben mir läuft, sieht das Geschehen durch einen Schleier, was durchaus auch daran liegt, dass er einen trägt. Weit vor mir höre ich einen Bollerwagen, beladen mit Bierkästen, durch ein Schlagloch scheppern, der laute Ton geht im allgemeinen Gewühl schnell unter.

Tradition mit Schattenseiten

Der Kastenlauf vereint Elemente anderer Brauchtümer, lässt Menschen sich im Mai wie an Fasching verkleiden oder den Bollerwagen eine Woche später erneut in Bewegung setzen. Doch wie kommt es dazu? Verschleierungstaktik? Eines ist unbestritten: Wer gediegenes Zusammensein sucht, ist hier falsch. Alkoholismus steht auf der Agenda, geschätzten 95 Prozent der Teilnehmer wird am nächsten Tag der Schädel brummen. Und da die Maß auf der Bergkirchweih dem Studentengeldbeutel ans Eingemachte geht, bietet sich der Kastenlauf denen an, die auf ihr Bierchen und eine Party nicht verzichten wollen, aber etwas klamm sind. Eines ist klar: Es geht nicht darum, den Alkoholismus zu romantisieren, die negativen Folgen sind allseits bekannt.

Dennoch hat der Kastenlauf das Zeug zu einer Art Tradition. Manch Auswärtiger ist jedes Jahr dabei, lässt sich die pilgernden jungen Menschen nicht entgehen. Man bedenke: Irgendwann kam es dazu, dass die Massen am letzten Abend inbrünstig "Lili Marleen" zum Besten geben. Die zeitliche, repetitive Komponente schafft Tradition. Und das eben auch in Form des Kastenlaufs, der alljährlichen Wiederkehr feierwütiger Menschen zum Supermarkt in Buckenhof oder am Wiesengrund gehört nun auch dazu. Ob es einem nun gefällt oder nicht. 

Wolfgang Sembritzki

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