29°

Montag, 20.08.2018

|

Großes Abenteuer für kleine Gipfelstürmer aus Erlangen

Pestalozzischüler besteigen mit Sozialpädagogen die höchsten Berge der sieben Regierungsbezirke Bayerns - 04.07.2018 14:00 Uhr

Die Fahne für das Projekt „Pesta Hoch Sieben“ tragen die Kinder voller Stolz auf die Berge hinauf. © Felten


Der Osser wird angeblich von Einheimischen auch schon mal "Matterhorn des Bayerwaldes" genannt. Der Osser liegt im Landkreis Cham und somit im Regierungsbezirk Oberpfalz. Der Gipfel des großen Ossers ist 1293 Meter hoch. Aber es gibt Momente, in denen solche Dinge völlig nebensächlich sind. Dann nämlich, wenn man oben sitzt auf dem Gipfel und den Sonnenuntergang anschaut. "Jetzt sagen wir mal zehn Minuten lang nichts", schlägt Dietmar Felten vor. Der Jugendsozialarbeiter und zehn Viertklässler der Pestalozzischule sitzen also da und schweigen. Als die zehn Minuten vorbei sind, sagen die Kinder: "Können wir das noch länger machen?".

Spätestens da weiß Dietmar Felten, dass das Projekt "Pesta Hoch Sieben" ein echter Erfolg ist. Dass die Kinder mehr aus dem Projekt "mitnehmen" werden als nur das Wissen, dass sie beachtliche sportliche Leistungen erbracht und Bayerns höchste Berge bestiegen haben.

Ohnehin ist der Osser gar nicht der höchste Berg der Oberpfalz. Das ist der Kleine Arber. Aber es bot sich an, stattdessen den Osser zu besteigen, meint Dietmar Felten. Dieser hat gleich unterhalb des Gipfels eine Hütte, auf der man übernachten kann — und anders als beim Großen Arber, dem höchsten Berg Niederbayerns, auf dem die Pestalozzi-Schüler ebenfalls waren und dessen Skigebiet durch Straßen und eine Bergbahn erschlossen ist, kann man hier den Ausblick ganz in stiller Einsamkeit genießen. Ein Naturerlebnis, das sich vermutlich einprägen wird.

"Ich komme aus der Erlebnispädagogik", sagt Dietmar Felten. Da lasse man Ereignisse wirken. Vor seiner Tätigkeit als Sozialpädagoge an der Pestalozzischule leitete er 14 Jahre lang das Team im Jugendhaus West in Büchenbach. Den Jugendlichen dort machte er Angebote wie gemeinsames Kanufahren und Klettern. Das erweitere den Horizont, sagt er. Denn man habe es mit "richtigen Stadtkindern" zu tun, die mit derartigen Freizeitaktivitäten sonst eher nicht in Berührung kommen würden.

Derzeit stapeln sich in seinem Büro in der Schule Rucksäcke und Bergstiefel. Im Dezember letzten Jahres fand der erste Elternabend statt, im Februar ging man gemeinsam aufs Walberla, weitere Eltern-Kind-Aktionen folgten. Von den ursprünglich 60 Anmeldungen für das Projekt sind schließlich zehn Kinder aus den vierten Klassen übrig geblieben, die nun tatsächlich mitmachen. Die Drittklässler wurden auf eine Wiederholung des Projekts im kommenden Schuljahr vertröstet.

Als Dieter Felten auf die Idee kam, die "Seven Summits" — die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente — auf Bayern zu übertragen und ein Bergsteiger-Projekt aufzuziehen, war es, so sagt er im Nachhinein, "ein Experiment, ob man so etwas mit Grundschülern machen kann". Man kann das, weiß er nun. Und auch, dass Kinder viel leichter zu motivieren sind als Jugendliche. Im Bergsteigerteam sind laut dem Sozialpädagogen Kinder aus verschiedenen Nationen, die in der Schule leistungsstark sind. Das sei gut so, meint er, denn "man muss auch beißen können — man muss Ehrgeiz entwickeln, offen für Neues sein und auch mal über seine Schmerzgrenze hinausgehen".

Das hört sich nun doch nach Leistungssport an, aber so schlimm ist es nicht, vor allem weil gemeinsam alles ein bisschen leichter geht. Einmal im Monat findet eine Trainingseinheit statt, kürzlich erklommen die Kinder das Rathaus und machten damit auf "ihr" Projekt aufmerksam. Die meisten Berge sind bestiegen, es fehlen noch zwei, darunter Bayerns (und Deutschlands) höchster Berg, die Zugspitze. Die ist Mitte Juli dran.

Zum Ende ihrer Grundschullaufbahn werden die Kinder sieben Berge und verschiedene Gegenden in Deutschland kennengelernt haben. Sie werden wissen, wie man Karten und Kompass benützt und dass man bei einer mehrtägigen Wanderung keine überfüllten Waschbeutel herumschleppt, sondern dass eine Tube Zahnpasta von allen geteilt werden kann. Ihnen wird klar sein, dass es wichtig ist, sich aufeinander verlassen zu können und zu beachten, wo ihre Grenzen liegen. Sie werden fit sein und über gute Ernährung Bescheid wissen.

Nicht zuletzt aber werden leise Momente nachklingen: Gemeinsam auf einem Gipfel sitzen und den Sonnenuntergang anschauen. "Jetzt sagen wir mal zehn Minuten lang nichts." Und dann die Frage: "Können wir das noch länger machen?" 

EVA KETTLER

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Erlangen, Erlangen