13°

Sonntag, 23.09.2018

|

Poetisches Theater für Erlangen

Ensemble aus Nürnberg zu Gast im Stadtmuseum - 09.04.2018 06:00 Uhr

Handelt es sich bei dieser schwarzen Kiste um die „Weltmaschine“? © Michael Müller


Ein Strafzettel der Parküberwachung, obwohl man gar kein Auto besitzt? Ein Universitäts-Diplom in Zeiten des Bachelor- und Master-Wahns? Theaterkarten fürs städtische Museum? Es ist eine ungemein unübersichtliche Welt, die niemand zur Gänze erklären kann. Auch die Poesie nicht. Und doch versucht sie zumindest, die Unmöglichkeit aufzuzeigen und das eigene Unvermögen in Worte zu fassen.

Der Versuchsaufbau am Fuße der Treppe im Erdgeschoss des Stadtmuseums erinnert immerzu an Franz Kafkas urkomische Szenarien, in denen Menschen zum Spielball werden. Wie der Landvermesser K., der im "Schloss" von unsichtbarer Hand herbeigerufen wird, geraten die sechs Personen – und mit ihnen das nur scheinbar unbeteiligte Publikum – in den Sog des Geschehens. Gibt es einen Beobachter, der im Hintergrund, neben der sichtbaren Spielleiterin Elisabeth Trautmann, die Regie führt? Wird es gar gefährlich, wie in Agatha Christies "Zehn kleine Negerlein"? Oder hält doch der als "Bibliothekar" getarnte Michael Lösel die verworrenen Fäden kunstvoll in der Hand?

Wie sein großes Vorbild, der argentinische Autor Jorge Luis Borges, ist er auf der Suche nach den Zeichen hinter den Zeichen hinter den Zeichen. Weshalb er ständig in Jean-Paul Sartres "Die Wörter" liest, um zwischen den Zeilen etwas zu finden. Wie er dabei ein ganzes philosophisches Universum in gerade einmal neunzig Minuten geschrumpft hat, ohne dessen Mehrdimensionalität auszublenden, bleibt eines der Geheimnisse des Theatergründers. Die im Mittelpunkt der "Bühne" stehende Black Box darf, obwohl scheinbar seelenlose Maschine, nicht als Requisit missdeutet werden. Sie ist Akteur, bedient von ihrer "Maschinistin" Isabel Bederna. Die schwarze Kiste, die am Ende ihr Innenleben offenbart, ist zwar nicht die erhoffte "Weltmaschine", die steht schließlich bei Franz Gsellmann in der Steiermark, wohl aber ist sie der Kristallisationspunkt, der alle zusammenbringt. Selbst angeblich "historische Gestalten" wie den Hugenotten-Nachfahren "Jolicard" alias Vincent E. Noel, an dessen fiktivem Schicksal sich die Stadtgeschichte nacherzählen lässt.

Wortwitz und Bedeutungen

Fehlen noch die beiden Suchenden: Der "Novize" (Holger Trautmann) und die "Studentin" (Kate Lucas), die sich mit Friedrich Rückerts "Kindertotenliedern" beruhigen, über "Dasein" und "da sein" diskutieren und inmitten eines Chores von Verschwörungsanhängern einfache Antworten auf ganz viele Fragen lauthals herausschreien.

So wird aus dem Theaterstück eine Sprach-Performance, die nicht nur mit den Worten, sondern auch mit deren Bedeutungen spielt, sich für Betonungen und Doppeldeutigkeiten interessiert, dem Wortwitz und gar dem Kalauer nicht abgeneigt ist. Es entwickeln sich irrwitzige Dialoge, die der unlogischen und doch unterhaltsamen Handlung folgen. Soweit es überhaupt eine nachvollziehbare Geschichte gibt. Lösels Figuren, die er wie die Fahrradkurierin Jennifer Heep über das Spielbrett jagt, sind keine tiefgründigen Charaktere, und das müssen sie in diesem Vexierspiel, das vor literarischen Anspielungen nur so strotzt, auch nicht sein. Es sind Typen wie die naturwissenschaftlich denkende "Ingenieurin", die mit ihrem analysierenden Ansatz in diesem dramatischen Experiment letztlich ebenso scheitert wie alle anderen. Denn beim Blick hinter die Kulissen geht der Zauber verloren, bleibt das Staunen aus, verdörrt die Phantasie.

Bilderstrecke zum Thema

"Gäste im Vorübergehen": Poetentheater im Stadtmuseum Erlangen

Das Poetische Theater aus Nürnberg präsentierte am Montagnachmittag sein neuestes Stück "Gäste im Vorübergehen" im Stadtmuseum Erlangen. Das Ensemble setzte dabei wie gewohnt auf ausdrucksstarke Gestik und Mimik. Die Handlung dreht sich um eine rätselhafte Maschine, bei der es gilt, einen geheimen Plan aufzudecken.


Ein Schuss absurdes Theater freilich wirbelt im "altfränkischen Sandstein" die Gewissheiten ordentlich durcheinander. Das beginnt schon damit, dass alle Protagonisten auf etwas warten. Bei Samuel Beckett hatte er oder es zumindest noch einen Namen: Godot. Hier bleibt auch dies ungewiss. Vielleicht warten sie auf das Leben, das ihnen gerade durch die Finger rinnt. Oder die Erleuchtung. Falls sie auf den Kuss der Musen gewartet haben, das "Poetische Theater" hat ihnen gerade einen verpasst.

Weitere Vorstellungen: 8. und 22. April, jeweils ab 15 Uhr, sowie 12., 17. und 19. April, jeweils ab 19 Uhr. Eine Voranmeldung wird empfohlen unter Telefon (09 11) 8 91 70 89 oder unter PoetischesTheater@michael-loesel.de 

UDO GÜLDNER

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Erlangen