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StUB: "Eine zukunftsweisende Nahverkehrslösung"

Siemens-Vorstandsmitglieder Thomas und Russwurm zur Stadt-Umland-Bahn - 23.01.2016 06:00 Uhr

Futuristisch, klar und funktional, aber auch grün: So soll der erste Bauabschnitt (unser Bild zeigt den Blick nach Westen über die Günther-Scharowsky-Straße) des Siemens Campus w aussehen.

Futuristisch, klar und funktional, aber auch grün: So soll der erste Bauabschnitt (unser Bild zeigt den Blick nach Westen über die Günther-Scharowsky-Straße) des Siemens Campus w aussehen. © Bild: KSP Jürgen Engel Architekten GmbH


Herr Thomas, Herr Russwurm, zum Jahresbeginn wünscht man sich generell ein gutes neues Jahr. Wird es ein gutes Jahr für den Standort Erlangen?

Ralf P. Thomas: Für die Wirtschaft wird 2016 ein herausforderndes Jahr, auf das wir uns aber gut vorbereitet haben. Wenn ich mir anschaue, was wir mit unserer Neuaufstellung Vision 2020 bei Siemens schon alles auf den Weg gebracht haben und noch weiter auf den Weg bringen werden, dann ist mir nicht bange um unser Unternehmen und auch nicht um den Siemens-Standort Erlangen. Es gibt aber natürlich auch Dinge, die man nicht beeinflussen kann, wie zum Beispiel die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ich glaube, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und auch Gesellschaft hier am Standort können gemeinsam viel bewegen.

Die beiden Siemens-Vorstandsmitglieder setzen auf die StUB.

Die beiden Siemens-Vorstandsmitglieder setzen auf die StUB. © Giulia Iannicelli


Siegfried Russwurm: Das Positive daran ist: diese Rahmenbedingungen sind ja für alle Wettbewerber gleich. Es kommt darauf an, wer das Beste daraus macht.

Einfach wird das Jahr aber sicher nicht?

Siegfried Russwurm: Aus makroökonomischer Sicht sicher nicht. Viele Signale mahnen zur Vorsicht. Aber, wie gesagt, wir werden alles tun, um das Beste daraus zu machen. Und wenn es Siemens in Summe gut geht, dann geht es auch Siemens in Erlangen gut.

Die Planungen für den Siemens-Campus schreiten in Riesenschritten voran. Bleibt es beim ersten Spatenstich im Herbst diesen Jahres?

Ralf P. Thomas: Ja, daran gibt es aus unserer Sicht keinen Zweifel. Es ist wirklich alles hervorragend vorangegangen, was meines Erachtens auch daran liegt, dass alle Beteiligten nicht nur an einem Strang gezogen haben, sondern auch in die gleiche Richtung. Das wird es auch weiterhin brauchen, damit wir nicht nur zügig, sondern auch qualitativ zum gewünschten Ergebnis kommen. Kurz: We are on track.

Siegfried Russwurm: Zumal der „Bauabschnitt Null“, das neue Ausbildungszentrum, dessen Grundstein wir vor einigen Wochen gelegt haben, schon in Angriff genommen wurde. Dieser Bauabschnitt ist ja ein Teil des gesamten Bauvorhabens. Auch ich bin überzeugt, dass wir den vorgesehen Zeitplan für den Campus wie geplant einhalten.

Inwiefern war die Entscheidung für den Bau des Siemens-Campus mit dem Bau der StUB verquickt?

Ralf P. Thomas: Von Anfang an haben wir klar gemacht, dass wir großen Wert auf eine moderne Infrastruktur in der Region legen - nicht nur heute, sondern auch morgen. In der Absichtserklärung zum Campus haben Siemens, der Freistaat und die Stadt Erlangen sich zu diesem Ziel bekannt. Dabei sollte es bleiben.

Weshalb ist der Campus für Siemens so wichtig?

Ralf P. Thomas: Beim Campus geht es auch um Wettbewerbsfähigkeit. Und zwar nicht nur darum, wie wettbewerbsfähig wir heute oder morgen sind, sondern wie wir als Unternehmen hier in der Region auf lange Sicht einen Beitrag zur Sicherung unserer globalen Wettbewerbsfähigkeit leisten können. Globalen Wettbewerb gibt es übrigens nicht nur in der Privatwirtschaft, sondern auch zwischen Volkswirtschaften und Regionen. So wird die Metropolregion Nürnberg in Zukunft verstärkt mit Standorten wie Barcelona, Shanghai oder Bangalore konkurrieren. Angesichts dieser Ausgangssituation müssen sich alle Beteiligten überlegen, wie wir unsere Kommune und unseren Wirtschaftsraum gestalten wollen.

Das heißt konkret?

Ralf P. Thomas: Zuallererst heißt das, dass wir an Innovationsstandorten wie hier die klügsten Köpfe versammeln müssen. Mitarbeiter, die die Märkte von morgen mit uns gestalten. Wir reden dann in der Regel von Menschen, die wissen, wie die Infrastruktur in Barcelona, in Shanghai oder an der Ost- und Westküste der USA aussieht. Viele davon sind es überhaupt nicht gewohnt, ein eigenes Auto zu haben. Außerdem ist Individualverkehr in vielen Ballungsgebieten eher hinderlich. Und da sehen wir in der Stadt-Umland-Bahn nicht nur eine zukunftsweisende, sondern auch eine ökologische Lösung. Auch die CO2-Bilanz sieht bei einer StUB um Klassen besser aus als bei einer immer wieder diskutierten Bus-Lösung.

Siegfried Russwurm: In den vergangenen Jahren konnte ich mehrfach feststellen, dass die Kommunen hier im Ballungsraum es geschafft haben, sich vom Kirchturmdenken zu verabschieden. Es geht also nicht um Nürnberg, Erlangen oder Fürth, sondern um die Region als Ganzes und um den Wettbewerb mit anderen Metropolregionen.

Was bedeutet dies für die Siemens-Beschäftigten?

Siegfried Russwurm: Für unsere Mitarbeiter spielt es kaum eine Rolle, wo genau ihr Arbeitsplatz in der Region ist, vorausgesetzt, es gibt eine vernünftige Infrastruktur. Es interessiert auch weniger, wo eine internationale Schule wie die FIS (Franconian International School, Anm. d. Red.) im Ballungsraum verortet ist. Viel wichtiger ist die Frage: Ist sie an den Nahverkehr angebunden? Und genauso, wie das für unsere Mitarbeiter wichtig ist, gilt das auch für die Unternehmen. Für Siemens und für alle anderen großen Unternehmen ist es wichtig, dass sich die Region im internationalen Wettbewerb gut positioniert. Und dazu gehören gewisse Qualitätsmerkmale wie ein leistungsfähiger und zeitgemäßer Nahverkehr. Aber eben auf einem Niveau, das einer Metropolregion gerecht wird. Und ganz ehrlich: Busse auf den Hauptverkehrsachsen halte ich dafür nicht für adäquat und zukunftsweisend.

Ralf P. Thomas: Ihre Eingangsfrage, wie 2016 für Erlangen wird, ist zweifelsohne wichtig. Noch wichtiger ist aber, wie 2020 oder 2030 wird. Und dafür können und müssen wir heute die Weichen richtig stellen. Die Ausgangsbasis hier ist jedenfalls ausgezeichnet. Damit langfristig aus dem Guten aber ein noch viel Besseres wird, müssen wir die Rahmenbedingungen kontinuierlich verbessern. Fatal wäre es, aus dem Gefühl heraus, man sei ja schon gut unterwegs, die Schlussfolgerung zu ziehen, nichts mehr tun zu müssen.

Wie beurteilen Sie die augenblicklichen Bestrebungen, die StUB zu stoppen

Ralf P. Thomas: Ich habe Respekt auch für die Leute, die sich gegen die StUB aussprechen und würdige die Argumente, die ins Feld geführt werden. Ich frage mich aber auch, welche Vorstellung die Gegner einer StUB von einer nachhaltig wettbewerbsfähigen Metropolregion haben. Jetzt muss die Gesellschaft, die Bürgerinnen und Bürger, entscheiden, ob sie in die Zukunft investieren will oder ob sie an dem in der Gegenwart erreichten Standard festhalten will – in der Hoffnung, dass es weiter gut gehen wird. Ich persönlich glaube, dass Hoffnung alleine keine Strategie sein kann, sondern dass man sein Schicksal möglichst selbst in die Hand nehmen muss. Deshalb mein Appell an alle: Denkt nicht nur an heute und das bereits Erreichte, sondern auch an morgen und an das, was wir den nächsten Generationen hinterlassen möchten.

Welche Auswirkungen hat es Ihrer Ansicht nach auf den Campus, wenn die StUB nicht kommt?

Siegfried Russwurm.

Siegfried Russwurm. © Giulia Iannicelli


Siegfried Russwurm: Natürlich hat das auch Auswirkungen auf uns – letztlich in der Frage, ob wir uns in der Provinz aufstellen oder in einer Metropolregion mit Zukunft. Bezogen auf den Campus muss man berücksichtigen, dass hier jeden Tag tausende Menschen arbeiten werden – Mitarbeiter von Siemens, der Universität, der Forschungseinrichtungen und von Partnerunternehmen. Dafür braucht es eine leistungsfähige Verkehrsanbindung. Das ist das A und O für den Campus. Und aus den Erfahrungen in vielen anderen Ballungszentren bin ich felsenfest davon überzeugt, dass eine StUB leistungsfähiger ist als es je eine Buslinie sein kann. Erstaunt hat mich in diesem Zusammenhang aber, wie sich bestimmte Institutionen zur StUB positionieren.

Wen meinen Sie damit?

Siegfried Russwurm: Wenn zum Beispiel eine Handelskammer nicht versteht, dass auch der Handel und das Handwerk von der wirtschaftlichen Stärke der großen Unternehmen und von dem Bauvorhaben StUB selbst profitieren, dann kann ich mich nur wundern – und ich habe damit auch über diese Institutionen etwas gelernt. Ebenso wie über Fraktionen im Stadtrat, die innerhalb weniger Monate ihre Meinung ändern, obwohl sich die Rahmenbedingungen nicht verändert haben.

Ralf P. Thomas.

Ralf P. Thomas. © Giulia Iannicelli


Ralf P. Thomas: Wenn ich mir den zeitlichen Rahmen des Projektes Siemens-Campus ansehe, dann reden wir hier über wegweisende Impulse mit Wirkung über Dekaden. Ein solches Projekt ist nicht statisch, sondern unterliegt einem dynamischen Prozess, den wir nicht vollständig über den ganzen Zeitraum prognostizieren können. Was wir aber wissen, auch aus historischer Erfahrung, ist, dass unter den Voraussetzungen, die wir jetzt schaffen, der Campus ein Magnet für die weltweit klügsten Köpfe sein könnte. Das Antlitz, das die Stadt-Umland-Bahn der Stadt und der Metropolregion geben kann, ist dabei natürlich nur ein Faktor – aber ein äußerst wichtiger, auch weil er so sichtbar ist: Busverbindungen sind einmal hier, einmal da. Die StUB wäre auch ein unübersehbares Zeichen der Nachhaltigkeit. Finanziell steht die Stadt Erlangen gerade nicht gut da. Haben Sie kein Verständnis dafür, dass es Menschen aus Politik und Gesellschaft gibt, die genau deshalb ein finanzielles Abenteuer wie die StUB scheuen?

Ralf P. Thomas: Ich habe natürlich schon alleine aus meinem beruflichen Alltag heraus großes Verständnis dafür, dass man alle Chancen und Risiken sorgfältig abwägt. Sowohl in meinem beruflichen als auch in meinem privaten Leben habe ich aber auch gelernt, dass es immer besser ist, die Dinge aktiv selbst anzupacken, als die Entscheidung faktisch anderen zu überlassen und selbst nichts zu tun. Wer sich nur einseitig ansieht, wie viel Risiko die Investition in die StUB möglicherweise in sich birgt, und dabei vernachlässigt, dass die „Null-Option“ auf Sicht viel größere Risiken für die erfolgreiche Weiterentwicklung der Metropolregion mit sich bringt, wird sich eines Tages fragen lassen müssen, warum er die großen Chancen der StUB als zukunftsweisende Nahverkehrslösung nicht erkannt und anderen Metropolregionen überlassen hat. Hinzukommt, dass die Aufträge, die beim Bau der StUB an den lokalen Mittelstand und das handwerkliche Umfeld vergeben werden können, eine Menge zusätzliche Kaufkraft hier in der Region zur Folge haben werden. Es ist wie immer im Leben: Wenn man jegliches Risiko scheut, muss man auch akzeptieren, dass man bei der Verteilung der Erträge bestenfalls den Durchschnitt bekommt. Ich wünsche mir von der Kommune, dass sie eine kluge Entscheidung trifft, um das hier ohne Frage vorhandene Potential zu heben. Denn die Stadt-Umland-Bahn ist eine der größten Chancen für die nachhaltig erfolgreiche Entwicklung der Region. Wenn jemand immer nur kurzfristig an den eigenen Garten denkt, kommt er zu anderen Entscheidungen, als wenn man auch einmal einen Blick in die Nachbarschaft wirft.

Siegfried Russwurm: Um die Worte von Dr. Thomas aufzugreifen: Wer immer nur an den eigenen Garten denkt, hat – mit allem Respekt – die Weltzusammenhänge nicht verstanden. Noch ein Wort zu den Risiken: Wir reden ja nicht darüber, dass eine Bahn durch unwegsames Sumpfland gebaut wird oder Gebirgsdurchbrüche benötigt. Wir reden auch nicht von einer unbekannten Technologie, die zum ersten Mal zum Einsatz kommt und damit viele Unwägbarkeiten mit sich bringt. Die Risiken halten sich in sehr engen, überschaubaren Grenzen.

Wenn eine Infrastrukturmaßnahme wie die StUB aus Ihrer Sicht so wichtig für die weitere Entwicklung der Region und des Campus ist, warum beteiligt sich Siemens nicht an den Kosten für Bau und Unterhalt?

Ralf P. Thomas: Vergessen Sie nicht: Mit dem Campus investiert Siemens über 500 Millionen Euro – auch in die Zukunft der Metropolregion. Das ist auch im historischen Vergleich eine der größten Einzelinvestitionen in einen Standort, die Siemens jemals getätigt hat, und dürfte wohl auch bundesweit – wenn nicht gar in Europa - eines der herausragendsten privatwirtschaftlichen Investitionsvorhaben darstellen. Wir schaffen damit nicht nur einen wettbewerbsfähigen, zukunftsgerichteten Arbeitsort, wir öffnen auch einen ganzen neuen Stadtteil. In unserer Risikobetrachtung, aber auch in unserer Erwartung im Vergleich zu anderen Standorten in und außerhalb von Deutschland gehen wir natürlich davon aus, dass der Standort selbst – und hier die Metropolregion und ja, auch Erlangen – ebenfalls für zukunftsfähige Standortqualitäten sorgt, die in ihren ureigensten Verantwortungsbereich fallen.

Siegfried Russwurm: So wie das andere Metropolregionen eben auch tun: Versorgungssicherheit, Bildung, Kultur, Umland und, an herausragender Stelle, die Infrastruktur. Das sind originäre Aufgaben, die ein Standort in seinem Wettbewerbsumfeld selbst und pro-aktiv vorantreiben muss. Wir beabsichtigen nicht, hier in den Bereich der öffentlichen Aufgaben einzutreten. Wir schaffen mit dem Campus ein extrem attraktives, zukunftsorientiertes Arbeitsangebot – für Siemens-Mitarbeiter, aber auch für viele Partner. Die öffentliche Hand entscheidet letztendlich auch mit ihrem Infrastrukturangebot darüber, wie attraktiv und zukunftsfähig sich der Standort als Ganzes entwickelt.

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MARKUS HÖRATH

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