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"Zum Erinnern braucht man Erlanger Hupfla nicht"

Innenminister Joachim Herrmann weist Kritik an geplantem Abriss zurück - 01.09.2018 15:00 Uhr

Das letzte verbliebene Gebäude der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt (Hupfla) in Erlangen soll abgerissen werden und damit Platz machen für weitere Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen. Doch an dem Bauvorhaben gibt es viel Kritik. © Foto: Harald Sippel


Was ist die Ausgangslage?

Der letzte Masterplan des Universitätsklinikums bestand fast 30 Jahre lang. Seither hat sich die Stadt stark verändert – und damit auch das Universitätsklinikum. Der Ärztliche Direktor, Prof. Heinrich Iro, nennt seine Einrichtung daher auch gerne ein "lebendiges Gebilde", das wachsen müsse. Um den Bedürfnissen der Klinik und vor allem der rasanten Stadtentwicklung Rechnung zu tragen, haben verschiedene Planungsgesellschaften im Auftrag des Staatlichen Bauamtes Nürnberg nun einen neuen Masterplan für die Uniklinik erstellt. Eine Voraussetzung für das groß angelegte Bauprojekt ist der Umzug der Philosophischen Fakultät (PhilFak) in den "Himbeerpalast". Damit werden rund um die Bismarckstraße Flächen frei, die für den weiteren Ausbau des Klinikums eine tragende Rolle spielen. Ein Problem, das Klinikchef Iro als eine Art Standortnachteil immer wieder anspricht, ist seiner Meinung nach die Parkplatzsituation. Der Mangel wirke sich (negativ) auf Patienten und Mitarbeiter aus. "Beide müssen in die Klinik kommen, wenn man dann noch sieht, wie schwierig es ohnehin schon ist, im Pflegebereich Personal zu finden, wird es dramatisch". Hier sei vor allem die Stadt gefordert.

 

Was ist geplant?

Der sogenannte Masterplan, den Dieter Maußner, der Leitende Baudirektor des Staatlichen Bauamtes Erlangen-Nürnberg, bei einem Rundgang über das Uni-Nordgelände vor etlichen Zuhörern präsentierte, sieht eine konzentrische Anordnung der Funktionen vor. Einen Schwerpunkt stellt dabei die Krankenversorgung (Diagnostik, Klinische Studien, Ausbildung am Patienten) dar. In diesem Zentrum befinden sich unter anderem das Stammgelände des Klinikums, das Nordgelände und die Bereiche in und um die Glückstraße (Zahnklinik).

Zu den wichtigsten Bereichen gehören hier der Ausbau des Kopfzentrums sowie der Forschungsbereiche. Um den Kern sollen sich jene Bereiche gruppieren, die mit der Krankenversorgung direkt zusammenhängen wie die patientennahe Forschung. In einem weiteren Ring werden Aufgaben zusammengefasst mit "mittelbarem" Bezug zur Krankenversorgung (Grundlagenforschung, Berufsfachschulen, Heime). Den äußeren Ring bilden alle Felder ohne Bezug zur Krankenversorgung (Zentrallager).

 

Wo gibt es Kritik?

Zu den Veränderungen rund um das Universitätsklinikum der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) gehört auch die Ansiedlung weiterer Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen. Das Zentrum für Physik und Medizin (ZPM) der Max-Planck-Gesellschaft und zwei weitere Gebäude des sogenannten Translational Research Center (TRC) sollen im Norden des Uniklinikum entstehen. Zum einen müssen für das Vorhaben zum Teil uralte Bäume weichen. Zum anderen, und das wiegt für so manche Gegner noch weitaus schwerer, ist vorgesehen, die letzten Überreste der denkmalgeschützten Heil- und Pflegeanstalt (Hupfla) abzureißen.

So wies die Erlanger Stadträtin Birgit Marenbach (GL) beim Vor-Ort-Termin auf die ökologischen Bedenken hin und appellierte an die Verantwortlichen, bei den Vorhaben Umwelt- und Naturschutz miteinzubeziehen.

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Die bewegte Geschichte der Friedrich-Alexander-Universität

Über 300 Jahre ist das Markgräfliche Schloss in Erlangen alt. Bereits 1743 verkehrten rund um die Stadtresidenz die ersten Studenten. Seither hat die FAU einen Brand, zwei Weltkriege und mehrere bauliche wie politische Umwälzungen erlebt. Von NS-Propaganda bis Studentenbewegung: Wir haben die Geschichte der Erlanger Uni zusammengefasst.


Kritik kam zudem von Dinah Radtke, der Mitbegründerin des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben Behinderter (ZSL). Die Erlanger Ehrenbürgerin möchte den historischen Gebäudekomplex in einen Erinnerungsort für die Opfer der von den Nazis so beschönigend bezeichneten "Euthanasie"-Programme (aus dem Griechischen: "schöner Tod") miteinbeziehen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sieht zwar die Notwendigkeit einer solchen Gedenkstätte, doch ist diese für ihn nicht an den Ort gebunden. "Ich bin nicht der Meinung, dass man dafür dieses Gebäude braucht." Doch das Erinnerungsdenkmal werde fertig sein, bevor das "ganze Ding weggerissen" wird, formulierte der Erlanger Herrmann recht unsensibel mit direktem Blick auf die "Hupfla". Für Radtke ist das verständlicherweise kein Trost: "Ich fände es schade, wenn das Gebäude weg muss", sagte sie den EN, "das hier ist der Ort der Opfer, er allein ist authentisch." 

Sharon Chaffin Redakteurin Erlanger Nachrichten E-Mail

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