Dienstag, 20.11.2018

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Erst mit 90 Jahren fand Knud Rheinhold seine Familie

Nazi-Terror mit viel Glück überlebt - In Bruckberg Cousinen begegnet - 18.05.2015 10:40 Uhr

Unverhoffte Begegnung in Bruckberg dank Internet-Suchmaschine: Marianne Dumartheray (links) mit Knud und Sabine Rheinhold. © Foto: privat


Es sind Tränen der Freude. Vergnügt hakt sich die 89-jährige Marianne Dumartheray aus Paris beim 90 Jahre alten Knud Rheinhold ein, auf der anderen Seite steht Sabine Rheinhold (68). Um ein Haar wären die beiden Älteren von den Mordschergen der Nazis verschleppt und umgebracht worden, ebenso viel Glück hatte Sabine Rheinholds Vater.

Die Geschichte beginnt im München der 1920er Jahre. Chemiker und Geschäftsführer Fritz Rheinhold verliebt sich in die Opernsängerin Gerda. 1924 wird Knud geboren, er wächst in Hamburg und Berlin auf. Der Kleine besitzt ein sonniges Gemüt, nur hat er eine leichte geistige Behinderung.

Odyssee durch Waisenhäuser

Die Ehe geht in die Brüche. Knud erlebt eine Odyssee durch Waisenhäuser und Erziehungsanstalten.

14 Jahre alt ist er am 20. Juni 1939, als er die Reise von Berlin nach Bruckberg antritt. Den kleinen braunen Koffer von damals hat er noch immer, auch das mit rotem Leder eingeschlagene Fotoalbum mit den Bildern seiner Kindheit und seiner Eltern. In Bruckberg wird er zu Knut, und auch sein Familienname wird in Reinhold verändert.

Seine Mutter, die wieder nach München gezogen war, hatte in Bruckberg angefragt, ob die Anstalt den Buben aufnehmen würde. Denn es wurde brandgefährlich. Knuds Vater stammte aus einer jüdischen Familie.

Eigentlich ein doppeltes Todesurteil: Jüdisch und behindert. Knud sollte in Bruckberg erleben, wie seine Freunde in Bussen abtransportiert und ermordet wurden.

Sein Vater starb 1943 im Konzentrationslager Auschwitz, ebenso wie Heinz Rheinhard, Vater von Marianne Dumartheray, die kurz vor ihrer geplanten Deportation nach England fliehen konnte und später nach Paris zog.

Der dritte Bruder, Klaus, Vater der NDR-Fernsehjournalistin Sabine Rheinhold, überlebte die Nazizeit. Und aus seinem Nachlass stammt ein Dokument, das nun Auslöser für das ungewöhnliche Treffen war.

Vor einigen Monaten hatte Sabine Rheinhold einen Brief aus dem Jahr 1943 entdeckt, den die Opernsängerin Gerda an ihren Schwager Klaus schickte. Knud gehe es in Bruckberg gut, schreibt sie nach Berlin. Dennoch setzt sich später in der Familie die Überzeugung durch, dass Knud - wie die meisten seiner Verwandten - den Nazi-Terror nicht überlebt hatte.

Gefunden auf nordbayern.de

Sabine Rheinhold schickt noch am selben Abend eine Kopie des Briefs per Mail nach Paris, wo ihre Cousine vor dem Computer sitzt. Und sofort googelt die 89-Jährige den Namen ihres Cousins - und findet ihn auf nordbayern.de. Knud Rheinhold ist immerhin ältester Bewohner der Einrichtung in Bruckberg - und das Leben des Gärtners ist voller Wunder: Er überstand die Nazizeit, nach dem Krieg war er wegen der Entbehrungen schwer krank. Seine Mutter hatte in München ein neues Leben angefangen und starb vor 50 Jahren. Seither glaubte er, keine Angehörigen mehr zu haben.

Doch jetzt dieser Brief und die Zeitungsartikel: Die beiden Frauen sind nicht mehr zu bremsen. Sie rufen in Bruckberg an und erkundigen sich nach Knud. "Ja, den gibt es hier. Er lebt!"

Die Frau aus Paris fliegt nach Hamburg und fährt mit der Cousine per Auto nach Bruckberg im Landkreis Ansbach.

Pädagoge Martin Piereth bereitet derweil mit seinem Schützling das Treffen vor. Der 90-Jährige weiß sehr wohl um seine tragische Familiengeschichte und freut sich deshalb umso mehr an seinem Leben in der Bruckberger Gemeinschaft.

Und als die beiden Frauen auf ihn zukommen, lächelt er freudig und ist - so Piereth - "charmant und cool". Einen ganzen Tag feiert die Familie das Wunder. Piereth hat einen Teil der Begegnung erlebt: "Ich bin noch immer ganz ergriffen. Es ist wieder mal ein Wunder, was da um diesen Mann passiert."

Und jetzt muss Knud Rheinhold auf seine alten Tage auf Reisen gehen. Marianne Dumarteray wohnt im Zentrum von Paris und will ihm ihre Stadt zeigen. Ihre Brüder leben seit 70 Jahren in England, auch sie haben die Geschichte intensiv verfolgt, für die weiteren Familienmitglieder wurden alle Zeitungsberichte über Knud ins Englische und Französische übersetzt.

Journalistin Sabine Rheinhold kann ihr Glück kaum fassen: "Jetzt können wir unsere Familiengeschichte neu schreiben."

Weltunternehmen begründet

Immerhin kann die Familie auf stolze Zeiten zurückblicken. Knud Rheinholds Großvater hatte in Niedersachsen ein Weltunternehmen begründet, in dem Knuds Vater Fritz (Jahrgang 1888) Geschäftsführer war: Die Firma handelte mit Isoliermitteln, mit Öl, sie versorgte die Kantinen der Armee und entwickelte ein Kochgerät fürs Militär, einen Vorläufer heutiger Dampfkochtöpfe. Niederlassungen gab es sogar in den USA und Kanada.

Mit Stolpersteinen erinnert heute die Stadt Celle an die jüdische Familie, auch an Knuds Großmutter: Sie starb 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt. 

Lorenz Bomhard

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