Dienstag, 11.12.2018

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Ali Salihu reiste als TV-Experte in die Handball-Historie

Früherer VfB-Spieler über den Kosovo, seine Vita und Flüchtlinge - 06.11.2018 06:35 Uhr

Ali Salihu blieb dem VfB (im weißen Trikot gegen Buckenhofen) auch noch nach dem Rückzug aus der Regionalliga 2007 treu. © Archivfoto: Roland Huber


Herr Salihu, sie waren in Pristina als Co-Kommentator fürs kosovarische Fernsehen im Einsatz. Holen einen da die Emotionen etwas ein oder prallt alles an der beruflichen Professionalität ab?

Ali Salihu: Zu Besuch bei meinen Eltern und einigen Geschwistern bin ich ja mindestens einmal im Jahr. Dieser Ausflug war aber schon besonders und eine interessante Erfahrung. Da die Kräfteverhältnisse auf dem Feld klar waren (Deutschland siegte 30:14; d.Red.), fehlte die Spannung im Spiel. Es war nicht so schwer, sich auf die Analyse zu konzentrieren. Ich habe mich hauptsächlich bemüht, den kosovarischen Zuschauern einiges über die deutsche Nationalmannschaft, über die Bundesliga und über den gesamten Handball in Deutschland zu erzählen.

Sie waren als einziger Auslands-Legionär mittendrin, als die Kosovo-Auswahl im Dezember 2004 ihren ersten Sieg überhaupt und die Aufnahme in den internationalen Verband EHF feierte. Wie hat sich der Sport seitdem entwickelt?

Ali Salihu: Handball war schon in den Zeiten vor dem Zerfall Jugoslawiens im Kosovo sehr populär. Als die Gewalt und der Krieg ausbrachen, wurden Schulen und Sportstätten geschlossen, sogar Bälle oder Netze beschlagnahmt. Es war schwer, den Betrieb aufrecht zu halten. Man spielte zum Teil auf den Straßen. Die Aufbauarbeit war mühsam, der Verband hat versucht, geflohene Fachleute aus dem Ausland zurückzuholen. Große Fortschritte sind vor allem in den letzten fünf Jahren zu beobachten. Dass in allen Altersklassen ein geregelter Wettbewerb läuft, zahlt sich zum Beispiel mit zwei Titeln der U18 und U20 bei internationalen Turnieren aus. Freilich gibt es noch viel zu tun. Ein Sieg in der Quali-Gruppe gegen Israel (10. April 2019; d.Red.) könnte den nächsten Schub geben. Dann wird sicher genauso kräftig gefeiert wie bei uns damals nach dem ersten Sieg.

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Weil Sie aus einer albanischen Familie stammen und den Wehrdienst verweigerten, flohen Sie mit 18 Jahren ohne Eltern und die sieben Geschwister nach Deutschland. Wie hat dieser Einschnitt den Traum von einer Profi-Laufbahn, immerhin hatte es zuvor für die zweite Liga Jugoslawiens gereicht, beeinflusst?

Ali Salihu: Es lagen eineinhalb Jahre dazwischen, bis ich in Deutschland mein erstes Spiel gemacht habe. Es waren natürlich ganz andere Dinge, die nach meiner Ankunft Priorität hatten. Über den Sport in einem Verein in Nürnberg habe ich dann aber auch viel Halt gefunden, mit allen Stationen verbinde ich eine familiäre Atmosphäre. In der positiven Umgebung kam dann der Ehrgeiz zurück und ich konnte mich entwickeln.

Wie bewertet jemand mit dieser speziellen Geschichte die in Deutschland und Europa geführten Debatten um Integration und Flüchtlinge?

Ali Salihu verfolgt den Werdegang früherer Jugend-Schützlinge beim HC Forchheim aus der Ferne Bonns. © Salihu


Ali Salihu: Die Spaltung der Gesellschaft macht mir Sorgen. Wir müssten alle mehr miteinander, statt übereinander reden. Wenn man die Aufmerksamkeit stärker auf die Ursachen der Flucht richtet, sieht man anders und nicht mehr die Menschen als Bedrohung. In Franken habe ich mich immer heimisch gefühlt. Mit der deutschen Staatsbürgerschaft habe ich die kosovarische verloren, doch in meinem Herzen ist genug Platz für zwei Heimatländer. Ich fühle mich als Europäer mit kosovarisch-albanischen Wurzeln und deutscher Staatsangehörigkeit.

Wie eng ist die Verbindung nach Forchheim?

Ali Salihu: Es gibt nach wie vor Kontakt. Die Zeit war für mich nicht nur sportlich sehr erfolgreich. Zu den schönsten Erinnerungen gehören natürlich Höhepunkte wie das Regionalliga-Aufstiegsspiel gegen Coburg, die Vizemeisterschaft 2005 oder das Pokalspiel gegen Bundesligist SG Wallau-Massenheim. Heute freue ich mich zu hören, wenn beim HC Spieler und Spielerinnen auflaufen, die ich in der Jugend trainiert habe. Den Jahrgang 1992 haben wir durch AG‘s in Grundschulen begeistern können.

  

Kevin Gudd Nordbayerische Nachrichten Forchheim und Ebermannstadt E-Mail

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