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Bei Prechtels bekamen Hausfrauen Appetit

Traditionsgeschäft begann als Bürstenbinderei — Nach Eisenwaren auch Haushaltsartikel im Sortiment - 11.08.2011 12:00 Uhr

Ursula und Wolfgang Prechtel in ihrem Haushaltswarengeschäft in der Hornschuchallee.

Ursula und Wolfgang Prechtel in ihrem Haushaltswarengeschäft in der Hornschuchallee. © Mark Johnston


Mit Schinken, Speck, Butter von den Bauern und Damenbinden aus der Forchheimer Papierfabrik machte sich Fritz Prechtel nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Lastwagen auf ins Rheinland, um dort die Ladung gegen Nägel, Schrauben, Eisenstangen und Werkzeug einzutauschen. „Ohne Ware lässt sich kein Laden betreiben“, erzählt Sohn Wolfgang Prechtel. Schreiner, Schlosser und Betriebe aus dem Baugewerbe kauften in der Hornschuchallee ein — oder in der Scheune neben der Lohmühle. Dort lagerte unter anderem das Roheisen.

Ketten für Kühe

Ein Bild von 1930, damals führte Babette Prechtel die Geschäfte.

Ein Bild von 1930, damals führte Babette Prechtel die Geschäfte. © privat


Darüberhinaus führten die Prechtels alles, was ein Haushalt auf dem Land brauchte: Einkochgeräte, Badewannen, Fleischwölfe, Ketten für die Kuh und vor allem auch Wärmflaschen aus Kupfer. „Die waren der Renner. Früher waren die Schlafzimmer ja nicht beheizt“, erzählt Chefin Ursula Prechtel, die Wert darauf legt, dass sie auch heute noch Spezialgeräte wie Kloßpressen oder Kranzeisen für Schmalzgebäck im Angebot haben. 1970 heirateten die Hauswirtschaftsleiterin und der Großhandelskaufmann, bald kamen die Kinder Felix, Annette und Dorothee (lebt inzwischen in Australien) zur Welt.

Auch für den Nachwuchs gab es bei Prechtels Konsumträume. Oberbürgermeister Franz Stumpf, damals noch ein Junge, drückte sich die Nase regelmäßig am Schaufenster platt, um die Märklin-Eisenbahn zu bestaunen. „Der Franz hat immer zur Tür hereingeschaut und geschrien ,Anmachen‘, damit die Bahn ihre Runden dreht.“

Zwar wurde 1950 angebaut und das Haus 1960 nochmals aufgestockt, doch die Eisenwaren waren auf Dauer zu sperrig für ein Innenstadtgeschäft. Wolfgang Prechtel, der 1979 die Leitung von seinem Vater übernommen hatte, verlagerte den Bereich für Industrie und Handwerk in den Süden der Stadt, baute 1980 die Eisenhalle in der Daimlerstraße. 1984 errichteten Prechtels für den Baumarkt Obi eine Halle. Seit das Unternehmen 1994 auszogen ist, teilen sich Prechtel und die Spielwarenfirma Hobauer die Fläche.

Während sich Wolfgang Prechtel um die Eisenwaren kümmerte, konzentrierte sich Sohn Felix seit 2000 auf Haushaltswaren und Porzellan. Fünf Jahre später stieg der Diplom-Betriebswirt auch in die Geschäftsleitung ein.

Das Kapitel „vierte Generation“ war eröffnet, die kommenden Seiten schienen diktiert, als ein tragisches Unglück alle Pläne auslöschte: 2008 starb der junge Familienvater und Firmennachfolger bei einem Skiunfall. Der Fassungslosigkeit und Trauer folgte der Versuch, die Zukunft neu zu gestalten. Doch für die schwierigen Branchen ließ sich zunächst kein Nachfolger finden. „Unsere Tochter Annette hat uns enorm unterstützt, manchmal auch den nötigen Schubser gegeben“, betont Ursula Prechtel. Sie habe den Rat gegeben, einen Betriebsberater zu engagieren.

Zwei GmbHs gegründet

Mit Hilfe des Profis wurde der Betrieb in zwei GmbHs getrennt. Für die Eisenwarensparte mit zirka 35 Mitarbeitern fanden Prechtels die Köstner AG aus Neustadt an der Aisch als Käufer. Jetzt konnte auch das Traditionsgeschäft in der Innenstadt mit zehn Mitarbeitern übergeben werden (wir berichteten). Der neue Inhaber Henry Pötzsch ist Berater beim größten Einkaufsverband der Branche in Bielefeld, so Wolfgang Prechtel. Der 68-Jährige und seine Frau sind erleichtert, eine Lösung gefunden zu haben, gleichzeitig fällt es ihnen nicht leicht, das neue Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen. Der 68-Jährige bleibt Vermieter der Immobilie und auch geografisch ganz in der Nähe: Er und seine Frau leben im zweiten Stock des Geschäfts in der Hornschuchallee. 

VON BEKE MAISCH

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