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Effeltrich: Böllern mit Tradition

Nicht nur zu Silvester - Über die Kunst des Böllerschießens - 31.12.2017 09:00 Uhr

Die Böllerschützen aus Effeltrich bei der Arbeit: Es raucht und knallt. Dabei sind die Böllergeräte keine Waffen, weil keine Geschosse im Spiel sind. Gefährlich ist es trotzdem, denn die Böllerschützen hantieren mit jeder Menge Schwarzpulver. © Foto: Heumann


"Böller hoch! Spannt den Hahn! Gebt Feuer!" Entspannt sitzt Thomas Heumann in seinem Wohnzimmer und erzählt, wie er zuletzt bei einer goldenen Hochzeit im Dorf die Anweisungen gegeben hat. Dann haben er und ein Dutzend andere Böllerschützen zeitgleich mit einem Salut gratuliert und sind dabei hinter einer Rauchschwade verschwunden.

Noch mehrfach wurde nachgeladen und das Schauspiel wiederholt. Hinter dem "Lärmbrauchtum" verbirgt sich aber mehr als nur die lautstarke Lebensfreude, die mit bis zu 140 Dezibel allen fern und nah verkündet, dass hoher Besuch im Orte ist, eine bekannte Persönlichkeit etwas feiert oder eine kirchliche Prozession sich auf den Weg gemacht hat.

Seit 21 Jahren Böllerschütze: Thomas Heumann. © Foto: Güldner


"In den unübersichtlichen Berggebieten diente das Böllern früher auch dazu, vor Gefahren zu warnen, etwa Feuersbrünsten oder heranrückenden Heeren." Vielleicht findet sich die urkundliche Ersterwähnung deshalb auch 1377 in einem Dokument aus Berchtesgaden. "In Oberbayern sind die Böllerschützen heute noch weit verbreitet."

Für Thomas Heumann begann das Böllerschießen vor 21 Jahren, als er selbst in Effeltrich heiratete und dabei von seinem Schützenverein Frankonia mit Freudensalut beglückwünscht wurde. "Ich bin dort zwar seit 1984 mit dem Luftgewehr aktiv, wusste gar nicht, dass wir seit 1993 eine gemeinsame Böllergruppe mit den Bavaria Schützen hatten."

Was Thomas Heumann bei unserem Gespräch auf seinem Wohnzimmertisch ausgebreitet hat, sieht auf den ersten Blick gefährlich aus. Es handelt sich aber nicht um Waffen, weil keinerlei Geschosse im Spiel sind.

Im mehrere Zentimeter dicken Edelstahllauf, der von einer aufwendig gestalteten Holzverkleidung umgeben ist, explodiert mit knapp 2500 Grad Celsius eine Treibladung, die niemanden treffen soll — nur Geräusch erzeugen. "Je größer das Kaliber, desto lauter der Knall."

Das kleinste Böllergerät, ein gar nicht so handlicher Handböller mit 16 Millimeter Durchmesser, wiegt etwa drei Kilogramm und wird wie eine Startpistole nach oben gehalten. Das große, ein Schaftböller, der Ähnlichkeit mit einem Gewehr aufweist und aus der Hüfte heraus abgefeuert wird, schon fast neun Kilogramm.  Und dann gibt es da noch eine Kanone, die von der Soldatenkameradschaft Effeltrich verwahrt wird. Auch mit ihr wird bei kirchlichen Festen oder dem Volkstrauertag ein 80 Gramm schweres Signal gegeben.

Ganz billig ist das Böllerschießen nicht. "Ein Böllergerät kostet je nach Größe und Ausstattung zwischen 600 und 2500 Euro." Dazu kommen die Kleinteile und das Pulver, was pro Schuss noch einmal rund 50 Cent ausmacht. "Das ist deutlich teurer als ein Luftgewehr, wo man für 500 Bleikugeln gerade einmal fünf Euro berappen muss."

Für Thomas Heumann und seine 14 Kollegen in der Böllergruppe ist die Sicherheit für Mensch und Tier höchstes Gebot. "Wir tragen deshalb Gehörschutz und halten Sicherheitsabstand." Schließlich könne die enorme Druckwelle bis fünf Metern Entfernung schreckliche Verletzungen verursachen.

Für das nächste Böllerschießen hat Thomas Heumann seine Pulvertasche schon präpariert. Und um den Nachwuchs macht er sich auch keine Sorgen, "auch wenn das Böllerschießen wegen des strengen Sprengstoffgesetzes erst ab 21 Jahren erlaubt ist". Denn seine Töchter Eva (15) und Anna (18), mit dem Luftgewehr schon sehr erfolgreich, stehen bereits Gewehr bei Fuß. 

UDO GÜLDNER

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