Dienstag, 23.10.2018

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Hausen: Vier junge Männer bereichern Kita-Team

Neue Wege in St. Wolfgang: Aufbruch in eine deutliche Frauendomäne - 27.10.2017 06:00 Uhr

Spielen, füttern, wickeln — und viel Pädagogik. Sie müssen alles können und machen: Roald (links), Johannes (hinten) und Patrick sind mit ihrem Kollegen Louis (nicht im Bild) in der Kita St. Wolfgang in Hausen im Einsatz. © Roland Huber


Die kleine Olivia ist aufgekratzt. Der Tag im Kindergarten war schön, jetzt holt sie ihr Papa ab. Sie hat viel gespielt. Unter anderem mit Johannes, einem der Erzieher. Soweit alles normal. Moment, ein männlicher Erzieher?

Nicht nur einer, stellt Maria Keiner, die Leiterin der Kita St. Wolfgang in Hausen klar. Sie hat insgesamt vier Jungs in der Kindertagesstätte im Einsatz. Davon ist einer Kinderpflegepraktikant, zwei absolvieren ein sozialpraktisches Seminar (SPS) und der vierte im Bunde ist fertiger Erzieher und leitet eine Kindergartengruppe.Geballte Manpower steht ihr sozusagen im Alltag mit den Kindern zur Verfügung. Dadurch unterscheidet sich die Kita von vielen anderen im Landkreis.

2016 arbeiteten laut Landratsamt insgesamt 862 Personen in den 83 Einrichtungen (Stadt und Landkreis) als Erzieher. Wie viele Männer darunter sind, ist unklar, gesicherte Zahlen kann das Jugendamt der Stadt Forchheim nicht vorlegen. Ursula Fischer von der Fachberatung und Fachaufsicht für Kindertagesstätten ist jedoch viel im Außendienst, sie kommt herum. „Es sind nur sehr wenige männliche Mitarbeiter, auch gibt es keinen einzigen Leiter. Das sind alles Frauen“, erklärt sie.

Verschwindend gering

Bayernweit ergibt sich ein ähnliches Bild: Nur etwa ein Prozent der Fachkräfte in Kindertagesstätten waren 2008 männlich. In Zahlen waren es 461, wie eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigte. Viel getan hat sich seitdem nicht. „Männer sind immer noch Exoten“, sagt Fischer.

Anders in Hausen. „Dass es gleich vier sind war eher Zufall“, erklärt Keiner. Aber sie freut sich über die männlichen Teammitglieder. „Sie sind als Vorbilder für die Kinder wichtig. Vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, für die Jungs. Außerdem hätten jetzt auch die Väter einen extra Ansprechpartner.

Machen die Kinder eigentlich einen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Erziehern? Schwer zu sagen, beurteilen die jungen Exoten, von denen drei anwesend sind. Käme man als Neuling in eine Gruppe, seien die Kinder meist etwas schüchtern. Ob das aber ausschließlich etwas mit dem Geschlecht zu tun hat, bezweifeln sie. Es gibt beispielsweise Mädchen, die sehr an den Erziehern hängen. Und es gibt andere, die sich eher an die weiblichen Kollegen halten. Genauso bei den Jungen. Letztlich dürfte bei den Kindern die Sympathie entscheidend sein, meint Keiner.

Und wie fügen sich die jungen Männer in den Alltag ein? Weder ihre Vorgesetzte noch die Eltern haben etwas zu kritisieren. Sie machen alles: Wickeln, füttern, anziehen, Geschirr wegräumen und so weiter. Die männlichen Erzieher sind eben nicht nur dazu da, um Fußball zu spielen oder zu handwerkern. „Sonst könnte ich ja Fußballer einstellen“, scherzt Keiner. Genau wie die weiblichen Kollegen müssen sie die Qualifikationen mitbringen und sich in der Pädagogik auskennen. Haben Männer trotzdem einen Exotenbonus bei der Bewerberwahl? Naturgemäß eine schwierige Frage. „Bei zwei gleichwertigen Bewerbern würde ich es im Team besprechen, und klären, wer besser dazu passt“, so die Leiterin.

Egal ob männlich oder weiblich, gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben Erzieher derzeit. Auch wenn sich das im Gehalt nur schwach niederschlägt. Reich werden sie in ihrem Beruf nicht, das wissen Johannes Weber (22), Roald Balog (23), Patrick Lebok (16) und Louis Scordo (16). Sie haben sich trotzdem dafür entschieden.

Patrick beispielsweise schätzt die Abwechslung, die der Job bringt, Johannes hat „eine soziale Ader“ und findet es schön, die Entwicklung der Kinder mitzuverfolgen. Roald wiederum arbeitet gerne in der Gruppe und ist gern draußen. Sie haben ihren Berufswunsch verwirklicht oder sind gerade dabei. Herabhängende Mundwinkel bei Eltern oder Freunden hat ihre Wahl nicht ausgelöst, im Gegenteil. „Wertschätzung“ hätten sie aus ihrem Umfeld bekommen, erzählen sie. Noch vor 20 Jahren wären sie wohl belächelt worden. Männliche Erzieher, pfff... Doch die Gesellschaft ist im Umbruch. „Männer haben sich auch lange selbst aus der Kinderbetreuung ausgeschlossen“, vermutet Roald. Traditionelle Rollenbilder hätten sie wohl abgehalten, ebenso das geringe Einkommen.

Viel mehr Pädagogik

Das Verständnis von Erziehung hat sich jedoch gewandelt: Statt nur Fürsorge steht heute viel Pädagogik auf dem Lehrplan. Eben weil Erzieher/innen fehlen, ist der Einstieg in den Beruf relativ offen, auch wenn die Ausbildung im Vergleich mit anderen Branchen lange dauert.
Johannes hat seinen Abschluss im Sommer gemacht. Er kam über Umwege zu seinem Wunschberuf. Er ging in eine integrative Klasse, dort entdeckten er und seine Lehrer eine soziale Ader an ihm. Sie rieten ihm, in diese Richtung zu gehen. Nach seinem Hauptschulabschluss besuchte er die Kinderpflegeschule in Forchheim, ersetzte damit ein SPS. Dann ging er an die Fachakademie. Roald wiederum fing mit einem Fachabitur in Wirtschaft an. Es war aber „nicht seins“, ebensowenig das Praktikum in einer Apotheke. Bis er eines im Kindergarten St. Michael absolvierte. „Das war es“, sagt er. Auch er ging an die Fachakademie, leistete nur ein Jahr SPS.

Patrick hat Mittlere Reife. Auch er hatte einen Schwerpunkt auf Wirtschaft gelegt, doch das war ihm „zu unpersönlich“. Stattdessen passte er gerne auf die Kinder seiner Verwandten auf, das machte ihm richtig Spaß. Und er orientierte sich neu. Derzeit ist er im SPS. Louis Scordo ist Kinderpfleger im zweiten SPS-Jahr, er leistet einen Praktikumstag die Woche.

„Sie sind alle unterschiedlich“, schildert ihre Chefin. Das sei gut so. Denn „den typischen Kinderpfleger gibt es nicht.“ Es sei nicht nur ein Beruf für zarte Männer. Oder nur für burschikose Frauen. Sondern für alle, die gerne mit Kindern arbeiten. 

TANJA TOPLAK-PÁLL

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