Dienstag, 25.09.2018

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Regensburgs Trainer Achim Beierlorzer im Interview

Fußball: Gebürtiger Neunkirchener spricht über seine erste Saison beim Zweitligisten - 20.05.2018 18:00 Uhr

Einer der Höhepunkte einer historischen Saison: Gegen Greuther Fürth gewannen die Regensburger knapp mit 2:1. Das Besondere: Jahn-Trainer Achim Beierlorzer (li.) hat mehrere Jahre in Fürth Fußball gespielt, später war er Trainer der U17 des Kleeblatts. © Foto: Zink/WoZi


Herr Beierlorzer, als für Ihre Mannschaft plötzlich Relegationsplatz 3 in Reichweite lag, haben Sie die Rolle als Kiel-Jäger öffentlich abgelehnt. Intern auch?

Achim Beierlorzer: Das Maximale erreichen zu wollen, ist doch eine Selbstverständlichkeit. Natürlich war bei nur noch zwei Punkten Rückstand der Ehrgeiz da, es nochmal spannend zu machen. Trotzdem verspüren wir keinerlei Enttäuschung. Unser Rezept war immer der Blick auf das eine bevorstehende Spiel, das wir genießen wollten. Alles andere wäre vermessen gewesen, nicht nur wegen der engen Ausgangslage in der Tabelle.

 

Sie meinen, obwohl Regensburg die Bundesliga-Lizenz erhalten hätte, wäre der dritte Aufstieg in Folge auch zu viel des Guten?

Achim Beierlorzer: Das will ich so nicht sagen. Wenn du es sportlich schaffst und von der Organisation bewältigen kannst, nimmst du diese Chance mit. Klar ist die Konkurrenz gnadenlos, schon für Zweitliga-Verhältnisse sind unsere Mittel bescheiden. Und doch hätten wir unseren Weg nicht verlassen. Wir wollen nachhaltig wachsen und machen auch als Zweitligist in allen Bereichen Quantensprünge.

 

Der gebürtige Neunkirchener Achim Beierlorzer war früher bei den FCN-Amateuren und in Fürth als Mittelfeldspieler aktiv. Beim Bayernligsiten SC Schwabach und dem Bezirksligisten SV Kleinsendelbach ging die Spieler- in die Trainerlaufbahn über. © Zink/WoZi


Wie weit ist der Jahn vom Kaliber Ihres Ex-Vereins Greuther Fürth entfernt?

Achim Beierlorzer: Wenn man sich Etat, Infrastruktur und Manpower ansieht, sind wir schon noch ein paar Jahre in Rückstand. Wir haben zum Beispiel keinen eigenen Spezialisten für Videoanalyse und versuchen hier erst, den Jugendbereich mit unserer Jahn-Schmiede auf Topniveau zu bringen. Eine besondere Konstellation ist auf dem Gelände auch die gemeinsame Nutzung durch zwei Vereine. Das läuft über Erbpacht. Ein wichtiger Schritt ist der neue Hybrid-Platz, der durch die Einnahmen aus dem DFB-Pokal mitfinanziert werden konnte. Als nächstes ist ein neuer Rasen-Trainingsplatz für die Profis an der Reihe. Weil die anderen Felder im Winter nicht in bespielbarem Zustand waren, mussten wir fünf Monate auf Kunstrasen trainieren. Wir werden in der neuen Saison weiter kleine Brötchen backen und gegen den Abstieg spielen.

 

Sie geben als Trainer einen forschen Stil vor. Woher kommt die Prägung?

Achim Beierlorzer: Das Fundament hier beim Jahn ist durch die Spielidee vorgegeben. Die Mannschaft hat daher unter meinem Vorgänger Heiko Herrlich schon ähnlich gespielt. Das war ausschlaggebend für mich, die Herausforderung anzunehmen. Ich selbst habe in Leipzig als Spielidee verfeinern und professionalisieren dürfen, was ich mir mit der U17 in Fürth autodidaktisch angeeignet habe. Junge Mannschaften möchten nicht abwarten, sondern losgelassen werden, um durch frühes Anlaufen in Ballbesitz zu kommen. Es ist kein Zufall, dass es heißt, Regensburg stresst seine Gegner.

 

Gab es Vorbilder?

Achim Beierlorzer: Den vielleicht entscheidenden Anstoß erhielt ich im Winter 2013/14. Ich war fasziniert, wie Salzburg damals die Bayern 3:0 zerlegt hat. Ich setzte mich mit den detaillierten Analysen auseinander. In der Praxis gehen wir es logischerweise nicht ganz so mutig an. Salzburg hat ja ein ganz anderes Potenzial.

 

Beeinflussen die eigenen Erfahrungen als Lizenzspieler die Trainerarbeit?

Achim Beierlorzer: Meine Jungs bekommen nicht die Kamellen von früher zu hören, auch wenn vielleicht mancher die Vita kennt. Das sind für mich privat unvergessliche Geschichten wie die Teilnahme an der Studenten-Weltmeisterschaft in Buffalo/
USA. Das Know-How, sich in die Perspektive des Spielers versetzen zu können, fließt natürlich in meine Tätigkeit mit ein. Pädagogische Elemente mischen sich genauso dazu. Ein zentraler Faktor für den persönlichen Umgang leitet sich aus der Tatsache ab, dass ich dreifacher Vater bin und in einer Großfamilie aufgewachsen bin.

 

Sehen Sie die Familie nach dem Wechsel von Leipzig zu Regensburg öfter?

Achim Beierlorzer: Nach Hause schaffe ich es an einem freien Tag in der Woche und eventuell noch einen zusätzlichen Nachmittag oder Abend. Da die vielseitigen Aufgaben eine Pendelei nicht zulassen, habe ich eine Wohnung in Regensburg. Das halte ich auch für notwendig, wenn man sich voll und ganz mit seiner Aufgabe identifizieren will. Getragen wird dies durch die 100-prozentige Unterstützung meiner Familie. Umso mehr freue ich mich auf die Auszeit im Urlaub über Pfingsten.

 

Was braucht es außer jugendlichen Sturm und Drang, um den Beierlorzer-Plan umsetzen?

Achim Beierlorzer: Über allem steht der Mannschaftsgedanke. Unser System erfordert eine hohe Positionsdisziplin und bedeutet einen hohen läuferischen Aufwand. Wie wir Druck auf den Ball erzeugen und dann schnell in die Lücken vorstoßen, wird in diversen Taktiksitzungen und noch mehr Übungsformen verinnerlicht. Im Training sorgen wir deshalb für Pausen und kurze Maximalbelastung, im Spiel braucht das Team das Gespür für den Moment, sich auch mal in eine kompakte Formation zurückzuziehen. Der Trainer dringt bei Stadion-Lautstärke von der Seitenlinie nicht durch. Wie sich Fehlerketten auswirken, haben wir gerade am Saisonanfang erlebt und daraus gelernt.

 

Lassen sich alle Akteure freiwillig darauf drillen?

Achim Beierlorzer: Sicher ist der Ansatz körperlich wie mental anstrengend. Bei mir kann man auch mal diskutieren, aber nur rumeiern geht nicht. Ab einer bestimmten Grenze bin ich kompromisslos.

 

Jann George galt in Franken als schwer erziehbarer Charakter. Bestätigt seine Entwicklung Ihre Methoden?

Achim Beierlorzer: Er – und nicht nur er – haben unserem Ansatz von Anfang an große Offenheit entgegengebracht. Jann folgt dem aufgezeigten Kurs und bekommt dafür die Belohnung. Ein noch krasseres Beispiel ist eigentlich Marco Grüttner: Der ist bereits 32 und verkörpert unsere Philosophie wie kein zweiter.

 

Nochmal zurück nach Franken: Was bedeuteten die Duelle mit Fürth und Nürnberg?

Achim Beierlorzer: Mit meiner Frau habe ich lange in Nürnberg gewohnt. Das bewegt einen schon, wenn man alte Freunde auf der Tribüne sitzen hat. Im Frankenstadion durfte ich als Jugend- und Amateurspieler nur einmal selbst als Aktiver spielen und habe schon bei meinem Auftritt mit Leipzig die Kulisse genossen. Ich freue mich als Franke über den Aufstieg des Clubs.

 

Und das Verhältnis zu Fürth?

Achim Beierlorzer: Ich fühle mich als Teil der Fürther Fußballgeschichte. Wie eng die Bindung nach so vielen Jahren immer noch ist, merke ich, wenn ich mal zur Gegner-Beobachtung da bin und alte Bilder von mir an Wänden hängen sehe. Natürlich war es etwas Besonderes, auf der anderen Seite der Trainerbänke zu stehen und auf bekannte Menschen wie NLZ-Leiter Günter Gerling zu treffen, der mich bei der Ausbildung zum Fußballlehrer unterstützt hat.

 

Können Sie sich vorstellen, dort einmal den Trainerposten zu übernehmen?

Achim Beierlorzer: Grundsätzlich kann ich mir ein Engagement vorstellen, aber bin momentan nach einem Traumjahr in Regensburg sehr glücklich. Ich konzentriere mich auf die Aufgabe in der neuen Saison. Für die langfristige Zukunft gibt es keinen Karriereplan. Dafür ist das Fußballgeschäft viel zu schnelllebig.

 

Ist auch eine Rückkehr in den Lehrerberuf an einem Gymnasium denkbar?

Achim Beierlorzer: Lehrer werde ich immer bleiben, egal in welcher Funktion. Über meinen Beamtenstatus wird hingegen 2019 entschieden. Höchstwahrscheinlich bleibe ich beim Fußball.

 

Kevin Gudd Nordbayerische Nachrichten Forchheim und Ebermannstadt E-Mail

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