Dienstag, 20.11.2018

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Tierische Saisonkräfte: Obstbauern kaufen Hummeln zu

In der Fränkischen Schweiz werden Hummeln zum Bestäuben eingesetzt — Wanderimker machen zur Blüte-Phase Station in den Gärten - 28.04.2018 10:00 Uhr

Biobauer Willi Schmidt aus Mittelehrenbach setzt während der Obstbaum-Blüte auch Hummeln ein. © Ralf Rödel


Sie sind seit Jahrmillionen ein eingespieltes Team: Obstblüte und Honigbiene sind optimal aufeinander eingestimmt. Doch egal ob Apfel, Kirsche oder Zwetschge: Ohne eine ausreichende Schar an Bestäubern bringt auch die schönste Blüte keinen Ertrag.

Seit zehn Jahren schon, so erzählt Willi Schmidt, kaufe er Hummeln zu, die den Bienen die Arbeit erleichtern sollen.

Dabei ist der Biolandwirt aus Mittelehrenbach nicht der einzige im riesigen Obst- und Kirschanbaugebiet der Fränkischen Schweiz, der auf die Leiharbeiter mit dem lateinischen Namen bombus terrestris setzt. Neben Hummeln, so erzählt er, werden auch vermehrt Wildbienen gekauft. Die Vorteile der Dunklen Erdhummel liegen dabei für Schmidt ganz klar auf der Hand: Hummeln fliegen, im Gegensatz zu den etwas zickigeren Bienen, bereits ab acht Grad, (Bienen erst ab etwa 15 Grad). Bedeckter Himmel und fränkischer Nieselregen schert die Hummel nicht, selbst dann verlässt sie ihren Bau. Dabei arbeitet das schwarz-gelbe Insekt hummelfleißig von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Laue Lüftchen braucht die Hummel nicht zwingend, denn Hummeln fliegen auch bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 70 Stundenkilometern.

Das Geschäft mit der zugekauften Hummel wurde ursprünglich für die Bestäubung von Gemüse in Treibhäusern entwickelt, weil es unter den riesgen Glasdächern keine natürliche Insektenpopulation gibt. Hummeln sind auch dort zuverlässige und schnelle Arbeiter, die etwa doppelt so viele Blüten wie Bienen pro Minute "bearbeiten" und dabei relativ schwere Lasten tragen können. In den schwülwarmen Gewächshäusern der Tomatenproduzenten leisten sie ganze Arbeit, ein Job, den keine Biene machen würde.

Das Ordern der Hummeln geht dabei noch einfacher als Schuhe kaufen: Zahlreiche professionelle Hummelzüchter bieten die Brummer an, bestellt wird telefonisch, per Fax oder E-Mail und zwar ganz nach Bedarf: "Wenn ich abschätzen kann, dass der Obstbaum in einer Woche anfängt zu blühen, dann bestelle ich ganz kurzfristig", sagt Schmidt.

Gerade in dieser Saison, als quasi auf den Schneefall die sommerlichen Temperaturen folgten und die Blüten der Obstbäume über Nacht nahezu explodierten, leisten die Hummeln wertvolle Arbeit. Denn bei der Menge an Blüten die nahezu alle auf einmal aufblühen, kommen die Bienen kaum hinterher.

Geliefert wird, um bei dem Schuh-Vergleich zu bleiben, im Karton. Drei Hummelvölker mit insgesamt 240 Hummeln sind in einer Pappkiste untergebracht, eine Zuckerlösung sorgt dafür, dass die Tiere beim Transport nicht verhungern. Die Kosten pro Hummelkiste liegen bei etwa 100 Euro. Geliefert wird per Kurierfahrer tag- und stundengenau direkt in den Obstbaubetrieb. Etwa zwei Hummel-Kartons reichen aus, um Obstbäume auf einer Fläche von einem Hektar zu bestäuben, so Schmidt.

Hunger auf Kirsch-Pollen

Dabei kann der Obstbauer wählen zwischen einem "Booster", einem Hummel-Volk, das ganz speziell Hunger auf Kirsch-Pollen hat, oder dem "Multi-Hives", für Hummeln mit dem abwechslungsreicheren Appetit. Dann können die Hummeln sowohl bei Äpfeln, Kirschen, Zwetschgen und Mirabellen eingesetzt werden und mitsamt dem Hummelkasten, der ihre Behausung ist, zu den jeweiligen Baumreihen getragen werden. Ein "Fluglochschieber" an den Hummelkästen sorgt dafür, dass die Hummeln während des Transports "eingesperrt" bleiben. Außerdem lassen sich die Tiere in bis zu drei nacheinander blühenden Kulturen einsetzen.

Doch nicht nur die Hummeln leisten in den Obstgärten in der Fränkischen Schweiz wichtige Arbeit. Sogenannte "Wander-Imker" machen gerade jetzt zur Hochblüte-Phase mit ihren Völkern in den Obstgärten rund ums Walberla Station. "Die Imker fahren dabei ganz gezielt von Blüte zu Blüte", erzählt Schmidt. Ein Imker etwa, der in diesem Frühjahr wieder in den Schmidt’schen Obstgärten rund um Mittelehrenbach seine Völker mitbringt, sei im Winter im Schwarzwald, im Frühjahr eben in Mittelehrenbach und im Hochsommer zur Rapsblüte in Thüringen.

Nach ihrer monatelangen Arbeit in den fränkischen Obstgärten ist das Leben der Hummeln auch schon vorbei. "Hummeln leben, bestäuben eine Saison und sterben", sagt Schmidt, "nur die dicke Königin überlebt". Und doch schwingt bei Schmidt auch ein wenig Hoffnung mit: "Wenn ich die Natur so beobachte, hab ich das Gefühl, die Hummeln siedeln sich an." 

BIRGIT HERRNLEBEN

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