Samstag, 17.11.2018

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Vor 40 Jahren war ganz Gräfenberg im "Wildfieber"

ZDF drehte 1978 Fernsehfilm vor Ort - 300 Gräfenberger als Komparsen - 29.05.2018 06:00 Uhr

Aus Gräfenberg ist fürs Fernsehen kurzerhand "Betzenreuth" zur Kirchweihzeit geworden. © Screenshots: Jochen Gundelfinger


Der Ort stand Kopf. Anders kann man die Wochen des Filmdrehs 1977 in Gräfenberg nicht beschreiben. Alles drehte sich um den Film, jeder redete von dem Film und fast jeder war im Film dabei. Gedreht wurde „Das Betzenreuther Wildfieber“, eine Mundartkomödie für Artus Film von Regisseur Hans-Jürgen Tögel, der vor 40 Jahren, am 14. März 1978 und am 10.11. 1978 im ZDF ausgestrahlt wurde.

„Das Konzept hat eingeschlagen. Unsere Bedenken, der Film würde das Fränkische ins Lächerliche ziehen, waren wie weggewischt“, sagt Herbert Hammerand. Er hatte damals bereits in der Verwaltung der Stadt Gräfenberg gearbeitet, als für den Filmdreh angefragt wurde.

Halb Gräfenberg stand vor der Kamera. © Screenshots: Jochen Gundelfinger


Gelungene Überzeugungsarbeit leistete Regisseur Tögel schon während der Pressekonferenz, in der er erklärte, dass man nicht das eigene Nest beschmutze, seien doch Autor (Helmut Georg Lange), Regisseur und Schauspieler (Hans Putz, Dieter Augustin und Daphne Wagner, die Urenkelin von Richard Wagner) Franken.

Das ist in seinem Buch „Traumreise meines Lebens — Alle kennen meine Filme“ zu lesen, den Drehtagen in Gräfenberg sind darin einige Zeilen gewidmet. „Damals war Hans-Jürgen Tögel, der dann das Traumschiff oder die Schwarzwaldklinik drehte, noch nicht so bekannt“, erinnert sich Bürgermeister Hans-Jürgen Nekolla an den Zauber, der die Stadt fünf Wochen lang erfasst hat. Aufgrund seiner Grundwehrzeit hat er das Ganze nur am Rande mitbekommen.

Akteure beim Festzug

Aus Gräfenberg ist kurzerhand „Betzenreuth“ zur Kirchweihzeit geworden. Der Zirkus Santini gastierte in der kleinen Stadt und mischte das ländliche Leben ganz schön auf. Im Film wie im realen Leben. Bürgermeister Hans-Jürgen Nekollas Schwester Margot durfte auch eine kleine Rolle in dem Film spielen. Sie ließ sich von einer Wahrsagerin die Zukunft aus der Hand lesen. Andere Gräfenberger mischten bei der Bierzeltschlägerei kräftig mit, waren als Akteure beim Festzug dabei und die Kinder applaudierten im Zirkuszelt oder brachten Futter.

Die sprechenden Rollen wurden mit Schauspielern besetzt. So war auch der damals amtierende Bürgermeister Hans Nekolla im Film von dem Schauspieler Karl Hüls gespielt. Der Bürgermeister samt Stadtrat war gefragt, als sich die Leute vom Wanderzirkus nach den Vorstellungen sang- und klanglos aus den Staub machten, weil der Zirkus pleite war. Nur ihre wilden Tiere ließen sie in Gräfenberg, alias Betzenreuth. Soweit die eher seichte Handlung des Films, in dem Seitenhiebe Richtung München nicht fehlten.

„Mein Schwiegervater Johann Eh setzte das Krokodil ins Schwimmbecken der Familie Kailer“, erinnert sich Hammerand an dessen Statistenrolle. Neben dem Krokodil gehörten noch ein Puma, der Kamelhengst Abdullah, der Rhesusaffe Cheetah, zwei Ponys und eine Boa constrictor zum Ensemble. Um diese kümmerte sich der Produktionsleiter, wie Tögel in seinem Buch schildert.

Tögels Bruder Ingo war als Bühnenbildner beschäftigt und war in einem der Fremdenzimmer bei Familie Gundelfinger untergebracht. „Der prominentere Teil der Crew logierte im Hotel Alte Post“, erinnert sich Jochen Gundelfinger. Der damals 16-Jährige suchte noch für zwei Wochen einen Ferienjob: „Wenn ganz schnell ein Statist gebraucht wurde, durfte ich einspringen. Kurioserweise war ich bei den bezahlten Aufnahmen gar nicht oder nur für eine Sekunde im Bild zu sehen. So musste ich einmal im Rathaus eine Zeitung in die Kamera halten. Dafür bekam ich unter der Rubrik „Komparse ohne Text“ unglaubliche 95 Mark“, erzählt Gundelfinger. Die Gage wurde täglich ausbezahlt, abends beim gemütlichen Zusammensein im Hotel „Alte Post“.

Gut erinnern kann sich Jochen Gundelfinger an Dieter Augustin, der auch in der ersten Staffel der Serie Klimbim mitgespielt hatte. „Er hat den Dorfpolizisten gespielt“, sagt Gundelfinger über die Zeit, als jeder Gräfenberger vom Film-Fieber gepackt war.

Und natürlich ist fast jeder Gräfenberger in dem Film zu sehen, waren doch 300 Komparsen gesucht. „Das klappte, denn der ganze Ort nahm sich die fünf Wochen im August und September frei und spielte mit“, notierte Tögel in seinen Memoiren.

Das Urwüchsige bis ins kleinste Detail zu garantieren, war Tögels Anspruch. „Der Sportverein, die Feuerwehr, die Blaskapelle, der Gesangsverein — ganz Gräfenberg war deshalb in den Film eingebunden, fürs inszenierte Singen und Schunkeln im Bierzelt beispielsweise. Wochenlang drehte sich alles um die Filmaufnahmen“, sagt Gundelfinger.

Und wie ging die Filmgeschichte aus? „Der engagierte Stadtrat hat entschieden, einen Tierpark zu eröffnen“, sagt Bürgermeister Hans-Jürgen Nekolla. Ein Stück weiter von dem jetzigen Steinbruch Bärnreuther-Deuerlein ist ein aufgelassener Steinbruch. Dort fanden die verlassenen Zirkustiere für kurze Zeit eine neue Unterkunft. Denn bald darauf reiste das Filmteam samt Tieren ab. Betzenreuth wurde wieder zu Gräfenberg.

  

Petra Malbrich

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