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Aufwühlender Stoff im Fürther Uferpalast

Wie Peter Haas sich auf die Suche nach dem letzten Juden in seiner Familie machte - 27.04.2017 13:05 Uhr

Das deutsch-österreichische Filmemacher-Paar Peter Haas und Silvia Holzinger befragte Haas’ Cousins und Cousinen zum Großvater, der im KZ starb. Ergebnis ist ein bewegender Dokumentarfilm. © Foto: Daebel


Eduard Haas war Jude, ermordet im Konzentrationslager Buchenwald. Zu seinen Nachkommen gehören zehn Enkel, alle im Alter zwischen 40 und etwa 55 Jahren. Einer von ihnen ist Peter Haas, Jahrgang 1965.

Sein Vater Reinhold, einer der Söhne Eduards, hat nie über diesen Mann gesprochen. Was Haas über seinen Opa weiß, weiß er aus einigen wenigen Geschichten. Vor nunmehr zehn Jahren begann er, mehr über dieses Familiengeheimnis wissen zu wollen. Über Eduard aus Trier, der innerhalb der Familie — bewusst oder unbewusst — zum Tabuthema erklärt worden war.

Fünf Jahre lang hat Haas gemeinsam mit seiner Partnerin Silvia Holzinger recherchiert. Sie haben Archive durchforstet und die Cousins und Cousinen zum gemeinsamen Großvater befragt. Aus dieser Spurensuche haben sie einen Film gemacht, der 2013 erstmals gezeigt wurde. Seitdem touren sie mit ihm durch Deutschland. Denn die Familie war sich einig: Die Dokumentation soll nicht im normalen Filmverleih laufen und auch nicht im Fernsehen. Wenn er gezeigt wird, dann nur in Anwesenheit von Peter Haas und Silvia Holzinger, damit die Zuschauer anschließend mit ihnen über das Gesehene diskutieren können.

Und so waren die beiden Filmemacher, die in Berlin leben, jetzt auch nach Fürth gereist. Es war die 55. Stadt, in der sie ihre Dokumentation vorstellten. Und die ist so ganz anders als das, was man aus dem Fernsehen zu diesem Thema gewohnt ist. Denn nicht das Einzelschicksal Eduards steht im Mittelpunkt, sondern seine Nachkommen.

Umfangreiches Archiv

"Es war sehr schwer, meine Cousins und Cousinen zum Sprechen zu bewegen", sagt Haas, der mittlerweile ein Erinnerungswerk mit rund 5000 Aktenseiten aufgebaut hat, darunter Fotos und Dokumente aus diversen Archiven. Denn wer die richtigen Stellen ansteuere und die richtigen Fragen stelle, könne auch heute noch vieles herausfinden, betont Haas. Er hat seiner Familie auf diese Weise einen verschütteten Teil ihrer eigenen Geschichte zurückgegeben.

"Wenn man so gar nichts weiß, verliert man irgendwann den Boden unter den Füßen", sagt Haas und betont, dass er habe zeigen wollen, welche Wirkung das Vergangene und Erlebte der Vorfahren auf die nachfolgenden Generationen habe. Wie aktuell es noch immer sei, wie es beeinflusse und in der eigenen Seele wühle, obwohl man selbst scheinbar gar nichts mit dem zu tun habe, was vor langer Zeit einmal geschehen sei. Doch wenn der eigene Vater über seinen Vater niemals spricht, wenn er immer wieder ganz plötzlich traurig wird, sich isoliert und für seine Kinder nicht mehr erreichbar ist, dann hinterlässt das Spuren.

"Vor allem die Jungs in der Familie haben einen hohen Preis gezahlt, weil sie Väter hatten, mit denen sie sich nicht identifizieren konnten", sagt Sanne im Film, die Schwester von Peter Haas. Einer seiner Cousins hingegen sinniert über den Begriff Heimat. Er lebt heute in Frankreich und bezeichnet das als eine Art "Exil-Existenz". "Ich bin hier nicht wirklich zuhause", sagt er. Doch als Mitglied einer einst verfolgten Familie tue er sich schwer, in Deutschland zu leben. Bis heute.

"Man spürt die Leere förmlich", kommentierte eine der Fürther Zuschauerinnen das Gesehene anschließend. Sie wollte zudem wissen, ob der Film innerhalb der Familie etwas verändert habe. "Er hat einen Heilungsprozess angestoßen", antwortet Haas. Plötzlich interessierten sich die Verwandten für all das, was er, Peter, herausfand.

Eduard bekam ein Gesicht, eine Existenz. Und infolgedessen ein Mahnmal, einen Stolperstein, an dem seine Kinder und Enkel erstmals gemeinsam und ohne Tabu um Eduard Haas trauern — und um ihn weinen. 

NINA DAEBEL

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