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Das ungewöhnlich Gewöhnliche

Form und Funktion, Design und Dasein: Tobias Stutz’ menschenleere Alltagsszenen - 06.10.2011 12:00 Uhr

Die abstrakte Komposition wird bei Tobias Stutz zum Inhalt des Kunstwerks. © Thomas Scherer


Tobias Stutz investiert beim Malen reichlich Bauhaus-Charme; das erinnert zum Teil an Mondrian mit seinen schwarzen Streifen, die sich im rechten Winkel schneiden, rechtwinkligen Flächen in Primärfarben sowie Zwischenräumen in Weiß. Die großflächigen, homogen gefüllten Farbfelder lassen an Mark Rothko denken. Auch bei Stutz entstehen rhythmisch und dynamisch komponierte Flächen, die den Betrachter in ihren Sog ziehen.

In den Arbeiten des 1983 in Filderstadt geborenen Nürnberger Akademie-Absolventen erscheint ein Haus wie ein Baukasten, in die Balkone glaubt man Figuren hineinstellen zu können. Man fühlt sich an die „Wohnmaschinen“ von Le Corbusier erinnert: massenhafte Wiederholung, standardisierte Serienproduktion, hohe Effektivität als Vorläufer der Plattenbauten. Ein Foyer wird sorgfältig in seine Vektoren zerlegt. Dazwischen immer wieder Objekte von klassischer Form, Stühle, Lampen, Möbel, die zeitlos sind und mit den Wänden der Galerie in der Promenade verschmelzen.

Wie moderne Kultobjekte behandelt Stutz diese ganz gewöhnlichen Dinge, hebt sie auf einen Sockel und weist dem Alltäglichen, das uns umgibt, damit eine wichtige Rolle zu — daher der Ausstellungstitel „Profane Ikonen“. Die von Menschen gestalteten Dinge haben schließlich eine große Wirkung auf uns, beeinflussen diejenigen, die sie ständig sehen, nachhaltig.

Schattenseiten der Moderne

So ist das Innere perfekt auf das Äußere der dargestellten Gebäude abgestimmt. Ein CD-Rohling schillert riesig und lebensecht, er kann ebenso mit allem befüllt werden, wie die angedeuteten Wohnungen prinzipiell mit allen Menschen besiedelt werden können. Doch das moderne Leben ist bei Stutz nicht nur formschön und praktisch, es hat auch seine Schattenseiten. Für die stehen Überwachungskameras, die er interessanterweise viel kleiner als die anderen Werke gemalt hat. Fast niedlich wirken sie, auf jeden Fall machen sie einen harmlosen Eindruck, wie sie da in den Ecken hängen und leicht übersehen werden können. Dabei lassen sich doch mit ihnen ganze Bewegungs- und Persönlichkeitsprofile unbescholtener Bürger erstellen.

Ja, es geht um Masse und Unikat, um Individualität und endlose Reproduzierbarkeit. Stutz nimmt in etwa die Position ein, dass Funktionalität nichts Schlechtes ist und dass eine gewisse Gleichförmigkeit auch nicht negativ sein muss — wenn der nötige Freiraum bleibt, sich darin nach dem eigenen Geschmack einzurichten und der Grundentwurf stilvoll daherkommt. Wenn aber durch Dauerüberwachung eine Stromlinienförmigkeit erzeugt werden soll, wenn es darum geht, abweichendes Verhalten auszusortieren, dann meldet der Künstler sichtbar seine Bedenken an. Hochinteressant und inspiriert.

„Profane Ikonen“: Galerie in der Promenade (Königswarterstraße 62), montags, mittwochs und freitags 10—17 Uhr und nach Vereinbarung unter Telefon 706660. Bis 23. Dezember.

  

CLAUDIA SCHULLER

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