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Glyphosat: Spritzen oder unterpflügen?

Fürther Landwirte für verantwortungsvollen Umgang mit dem Pflanzengift - 03.01.2018 21:00 Uhr

Das letzte Wort zum Thema Glyphosat ist sicherlich noch lange nicht gesprochen. © Foto: Klaus-Dietmar Gabbert, dpa


Bei einem Treffen verschiedener Verbandsvertreter auf dem Hof des Oberasbacher Milchbauern Wolfgang Kleinlein teilt die neue Geschäftsführerin des Bundes Naturschutz (BN) im Fürther Landkreis deren Bedenken: "Viele Menschen meinen, dass Landwirtschaft bei uns immer noch so funktioniert wie im Bilderbuch", sagt Dagmar Nitsche.

Die ausgebildete Landwirtin und Agraringenieurin weiß, wovon sie spricht. Das Totalherbizid Glyphosat, gibt sie zu bedenken, habe zahlreiche andere Unkrautvernichtungsmittel abgelöst. Und nach einem Verbot der 1950 entwickelten Chemikalie kommen nach Ansicht von Peter Köninger aus Kreben, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, nur andere und sicherlich teurere Mittel auf den Markt, die dann noch höhere Produktionskosten zur Folge hätten.

Die Alternative zum Spritzen heißt für Köninger und seine Kollegen Unterpflügen. Was eine höhere Umweltbelastung durch Maschinen und Treibstoff bedeutet. Großflächiger Glyphosateinsatz sei im Fürther Landkreis die Ausnahme, versichert der Obmann. Keine 20 Prozent der Flächen würden damit behandelt. Für gewöhnlich sorge sogenannte Zwischenfrucht dafür, dass kein Unkraut massenhaft aufgeht. Die nur zur Bodenverbesserung und nicht zum Verkauf bestimmte Zwischenfrucht deckt den Boden ab. Doch in den letzten Jahren habe Trockenheit das Wachstum von Zwischenfrucht stark beeinträchtigt und so das Unkraut begünstigt.

Im Kleinlein-Kuhstall diskutieren (v. li.): BN-Kreisgeschäftsführerin Dagmar Nitsche sowie die Landwirte Wolfgang Kleinlein, Matthias Kohl, Dieter Engelhardt und Peter Köninger mit Pflanzenberater Nikolaus Ehnis. © Foto: Dittmar


Erschüttert berichtet der Laubendorfer Bauernverbandssprecher Matthias Kohl von seinem vergeblichen Versuch, bei einer Unterschriftensammlung gegen Glyphosat in der Fürther Fußgängerzone den in seinen Augen unbedenklichen Einsatz vor der Aussaat aufzuzeigen. Er sei aufgefordert worden, still zu sein, weil man seine Ausführungen nicht verstehe. Dabei habe er doch nur erläutert, wie gut sein Acker nach der Glyphosatbehandlung ausgesehen hat. Zahllose Regenwürmer hätten sich die abgestorbenen Pflanzenreste geholt, den Boden durchlöchert und besten Humus hinterlassen.

In der Regel würden nur eng begrenzte Problemzonen mit hartnäckigen Wurzelunkräutern wie Disteln oder Quecken gespritzt, versichert der Egersdorfer Dieter Engelhardt als Sprecher des Bundes Deutscher Milchviehhalter. Zudem sei dieser Glyphosateinsatz nur alle drei bis vier Jahre nötig und die Menge gesetzlich auf maximal eineinhalb Liter pro Hektar (10 000 Quadratmeter) im Jahr begrenzt. "Würden alle so wirtschaften wie wir, gäbe es keine Glyphosatdiskussion", sagt er.

Übeltäter im Ausland

Viel rigoroser als in Deutschland wird der Unkrautvernichter nach den Worten von Wolfgang Kleinlein jedoch im Zusammenhang mit der Gentechnik in Exportländern wie Argentinien und den USA eingesetzt, wo er zur Produktion billiger Lebensmittel und Futtermittel gehört. Damit die konventionelle Landwirtschaft hier zu Lande nach einem europäischen Glyphosatverbot im internationalen Wettbewerb bestehen kann, fordert der Oberasbacher Biobauer eine Kennzeichnungspflicht für die Herkunft landwirtschaftlicher Produkte.

An den Verbrauchern sei es dann, sich über die Produktionsbedingungen zu informieren. Mit dem bewussten Einkauf regionaler Produkte ohne Gentechnik seien die Kunden allemal am besten beraten. Biobetriebe verwenden generell kein Glyphosat. Ein zentrales Problem sieht die BN-Geschäftsführerin jedoch im Markt. Dagmar Nitsche: "Nirgends sind Nahrungsmittel so billig wie in Deutschland".

Auf den Verbraucher als Retter der Situation setzen Matthias Kohl und seine Kollegen vom Bauernverband nicht: Die meisten Menschen seien nicht bereit, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben. Klar ist den Landwirten aber auch, dass das Marketing ihrer Produkte verbesserungswürdig ist.

Keine Patentlösung

In einem Glyphosatverbot sieht Nikolaus Ehnis, Pflanzenberater beim Fürther Amt für Landwirtschaft, indes keine Patentlösung. Zu viele Vorschriften und zu schlechte Preise machten der Landwirtschaft ohnehin schon schwer zu schaffen. Zudem werde an Nachfolgeprodukten für Glyphosat bereits geforscht, bestätigt er Königers Ahnung.

Auf Kosten der Landwirte dürfe der Verzicht auf die bisherige Form der Unkrautbekämpfung jedenfalls nicht gehen, meint Kleinlein. Für ein sofortiges Verbot von Glyphosat im Bereich von Kommunen, der Bahn sowie in Haus- und Kleingärten spricht sich die BN-Frau Nitsche aus. Städte wie Fürth, Erlangen und Herzogenaurach haben, wie berichtet, bereits entsprechende Weichen gestellt. Interessiert blicken die Fürther Landwirte auch nach Frankreich und Österreich, wo dem Totalherbizid bereits Absagen erteilt worden sind.

Dass fränkische Landwirte im Zuge der Diskussion als Umweltverschmutzer abgestempelt werden, ärgert Matthias Kohl. Und Dieter Engelhardt versichert: "Wir denken mehr über Umweltbelastungen nach als viele Verbraucher". In Deutschland, so Peter Köninger, schlägt die Debatte mit voller Wucht auf die Bauern ein – ohne dass man deren Produktionsbedingungen hinterfrage. Zu Unrecht würden Landwirte zu Prügelknaben einer Generaldebatte, in der es um mehr gehe als nur um Glyphosat. 

VOLKER DITTMAR

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