Mittwoch, 12.12.2018

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Immer mehr Fürther entscheiden sich gegen die Kirche

In den vergangenen 200 Jahren hat sich das religiöse Leben in der Stadt stark verändert - 22.10.2017 16:00 Uhr

Der Anteil der Christen in Fürth ist in den letzten Jahren stetig zurückgegangen. © colourbox.com


200 Jahre gingen die Experten zurück. Fürth und Nürnberg sind kräftig gewachsen in diesen beiden Jahrhunderten. Der Anteil der evangelischen Bevölkerung schrumpfte in beiden Städten jedoch kontinuierlich, während die Zahl der Katholiken lange wuchs – bis in die 60er, 70er Jahre. Doch von Anfang an.

Das Jahr 1812 ist der Ausgangspunkt der Analyse, die das Amt für Stadtforschung und Statistik, eine Einrichtung für Nürnberg und Fürth, veröffentlicht hat. In groben Zügen entwickelte sich die Bedeutung, die die Kirchen hatten, in den beiden Städten ähnlich. Doch manche Unterschiede fallen auf.

So war das religiöse Leben in Fürth facettenreicher. Zwar hatte die Stadt Anfang des 16. Jahrhunderts wie Nürnberg die Neuerungen der Reformation übernommen. Doch ließ sie jüdisches Leben weiter zu – während es Juden von 1499 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verboten war, sich in Nürnberg anzusiedeln. Im Jahr 1812 war also der Großteil der Fürther evangelisch (78 Prozent, 9526 Menschen), 3 Prozent der Einwohner waren katholisch (303) und 20 Prozent jüdisch (2446). Zum Vergleich: In Nürnberg waren damals 95 Prozent evangelisch, 4 Prozent katholisch.

Im Zusammenhang mit dem "Judenedikt" 1813 verließen viele jüdische Fürther ihre Heimat, die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder blieb über Jahrzehnte konstant bei etwa 3000 Menschen. Zugleich, so schildern es die Stadtforscher, zogen ab Mitte des 19. Jahrhunderts mehr und mehr Katholiken zu. Zur Volkszählung im Jahr 1900 waren 38 318 Fürther evangelisch (71 Prozent), 12 443 katholisch (23 Prozent) und 3017 jüdisch (6 Prozent). Das NS-Regime zerstörte das jüdische Leben in Fürth.

Für die evangelische und die katholische Kirche bedeuteten die 60er und 70er Jahre eine Zäsur. Mit der 68er Generation häuften sich die Kirchenaustritte. Die Zahl der Konfessionslosen kletterte; gleichzeitig kamen aber auch türkische und griechische Gastarbeiter nach Deutschland, die ihren islamischen oder griechisch-orthodoxen Glauben mitbrachten.

Arbeiter aus Italien, Portugal oder Spanien wiederum verstärkten die katholischen Gemeinden. Dennoch nimmt der Anteil der Katholiken an der Fürther Bevölkerung seit dieser Zeit stetig ab wie auch der Anteil der evangelischen Bürger. Die Kurve der Gruppe mit "anderer oder keiner Religion" dagegen geht nach oben.

Nicht weiter aufgeschlüsselt

Dass diese Gruppe nicht weiter aufgeschlüsselt ist, die Statistik beispielsweise nichts aussagt über die Muslime in Fürth, hat einen Grund: Handfeste Zahlen liegen nur für die beiden Kirchen vor – denn sie erheben Steuern. Die Zugehörigkeit zur evangelischen und zur katholischen Kirche ist daher im Melderegister gespeichert; die zu anderen Religionen nicht. Die Religionszugehörigkeit zählt in Deutschland zu den sensiblen personenbezogenen Daten, die ansonsten nicht systematisch erfasst werden, erklärt Wolf Schäfer, Leiter des Amts für Stadtforschung und Statistik, auf Nachfrage.

Es gibt also nur Hochrechnungen zum Anteil der Religionen in Deutschland. Die Zahl der Muslime wird gewöhnlich überschätzt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schätzte, dass Ende 2015, nach dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle, zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime in Deutschland lebten. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wäre demnach bei unter 6 Prozent. Übertragen auf Fürth bedeutet das: In der wachsenden Gruppe "keine Religon/andere Religion" machen sie nur einen kleinen Teil aus.

Nicht nur Kirchenaustritte und Zuwanderung, auch der demografische Wandel verändert die Zusammensetzung der Stadtgesellschaft. Mehr ältere Menschen als früher sind in den Gemeinden zu finden. Die steigenden Geburtenzahlen sind eine Chance für die Kirchen. Allerdings geben Eltern ihre Konfessionszugehörigkeit nicht mehr automatisch an ihre Kinder weiter, sondern etliche wollen sie irgendwann selbst entscheiden lassen.

Heute gehören in Fürth noch 31 Prozent der Einwohner der evangelischen Kirche an, 22 Prozent der katholischen Kirche, während schon fast die Hälfte der Bevölkerung, 47 Prozent, konfessionslos ist oder einen anderen Glauben hat.

Hinweis der Redaktion: Wir haben die Überschrift am 23. Oktober geändert. Sie gibt nun besser den Kern des Textes wieder. Ursprünglich lautete sie: Anteil der Christen in Fürth schrumpft. 

CLAUDIA ZIOB

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