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In der Fürther Südstadt lachen die Hühner

Herrenloses Federvieh ist beharrlich unterwegs — und spaltet die Nachbarschaft - 22.07.2013 11:00 Uhr

Hoppla, hier kommen die Hühner: Drei Gockel und eine Henne tummeln sich sichtlich selbstbewusst in der Landmannstraße.

Hoppla, hier kommen die Hühner: Drei Gockel und eine Henne tummeln sich sichtlich selbstbewusst in der Landmannstraße. © Matthias Glaser


Jeden Morgen gegen vier ist für Rentner Willi A. (Name geändert) Schluss mit lustig: Schrille Hahnenschreie reißen ihn aus dem Schlaf und Willi A. rauft sich verzweifelt die Haare. Per Videokamera hat er die tierische Ruhestörung von seinem Balkon in der Landmannstraße aus dokumentiert: „Do, schauer’s, wäi die Weltmaster, und däi hom kan Ruhedooch!“ Wie einige andere hat sich Willi A. bei der Stadt beschwert, doch: Sein Problem bleibt ungelöst und jede Nacht infolgedessen kurz.

Herkunft unbekannt

Ungefähr seit Ostern geht das so. Exakt am Gründonnerstag, legt sich eine Anwohnerin fest, waren sie plötzlich da: Acht Hühner, nicht gewöhnlicher Art, sondern gezüchtet, okkupierten Landmannstraße, Leyher Straße und die Grünflächen zwischen den Wohnblöcken einer Nürnberger Genossenschaft. Selbstbewusst paradieren sie auf Fahrbahn und Gehweg, sogar den Verkehr bringen sie bisweilen zum Stocken. Niemand weiß, wo sie herkamen, keiner weiß, wem sie gehören.

Nun könnte das Viertel um die Landmannstraße herum urbaner nicht sein: In der Nähe hat der städtische Energieversorger infra sein Domizil, vis-a-vis wird mit Gebrauchtwagen gehandelt, daneben werden Autos repariert und gewaschen, im Hinterhof steht eine stattliche Lagerhalle. Hühner wirken hier so passend wie Betonpfeiler im Biotop.

Vielleicht gerade deshalb sind etliche, anders als Willi A., geradezu entzückt über die unverhofften Besucher, von denen inzwischen nur noch vier — ein Hahn und drei Hennen — übrig sind; die anderen gingen ihren Häschern ins Netz und wurden ins Tierheim abgeschoben, doch dazu später mehr.

„Herrlich“ verrät ein älterer Mann bei der Recherche vor Ort, findet er das Federvieh, das vor der Haustür ländliches Flair verströmt. „Besser wäi alde Autos“, sagt er mit abschätzigem Blick hinüber zum Händler. Er und seine Frau gestehen hinter vorgehaltener Hand: Sie und andere füttern die liebgewonnenen Hühner regelmäßig und geben ihnen Wasser. Ihren Namen wollen deshalb beide keinesfalls in der Zeitung lesen, denn der Hausbesitzer hat ihnen schon auf die Finger geklopft.

Wer nun in der Mehrheit ist, Hühner-Hasser oder Hühner-Sympathisanten, — Jürgen Tölk vermag das nicht zu beurteilen. Im Ordnungsamt, dessen stellvertretender Leiter Tölk ist, hat die Akte Südstadthuhn allerdings beachtlichen Umfang angenommen. Aufgelistet ist unter anderem, wen die Behörde schon alles zu Rate zog: den Tierschutzverein, die Polizei, den Vorsitzenden eines Geflügelzuchtvereins, einen Jagdpächter, den Stadtförster und sogar einen Abgesandten des Nürnberger Tiergartens. Doch nur einen Teilerfolg hat das Großaufgebot zu vermelden: Gerade einmal der Hälfte der Hühner wurde man habhaft.

Die anderen nämlich flüchten beim geringsten Annäherungsversuch unter Zäunen hindurch oder hinauf in eine Birke, wo sie offenbar auch nächtigen. Den Baum fällen? Tölk lacht laut auf. „Gerade in Fürth“ halte er das für eine gefährliche Idee. Und außerdem: Was soll das schon bringen? „Die setzen sich aufs nächste Hausdach und schauen auf uns runter.“

Gescheiterte Strategien

Kläglich scheiterte auch der jüngste Versuch, die Tiere im Hinterhof des Autohandels in eine mit Futter bestückte Voliere zu locken. Offenbar werden sie von der Sympathisanten-Fraktion zu gut genährt, um auf derlei durchsichtige Manöver hereinzufallen. Ein anderer Ansatz ging ebenfalls schnell in die Hose: Einen Anwohner, der sich eifrig als Jagdhelfer anbot, stattete man von Amts wegen mit Futter und einem Kescher aus. Tags darauf brachte der Mann beides kleinlaut zurück — seine Frau, eine stramme Hühner-Sympathisantin, habe ihm die Hölle heiß gemacht.

Tölk ist eine gewisse Ratlosigkeit anzumerken, doch er weiß: Die Stadt muss handeln — bevor genervte Anwohner selbst zu rigideren Mitteln greifen. Die Hühner-Krise, sie ist noch nicht ausgestanden. 

Wolfgang Händel

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