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Islam: Schwieriger Alltag in Deutschland

Wissenschaftler Michael Kiefer über Probleme des Staats mit muslimischen Mitbürgern - 05.05.2017 21:00 Uhr

Die Fürther Mevlana-Moschee des türkisch-islamischen Kulturvereins ditib zieht regelmäßig große Scharen von Gläubigen an. © Foto: Claudia Ziob


Wer sich den Islam als geschlossenes System, als zusammenhängendes Gebilde aus Religion, Sitte und Gebräuchen vorstellt, der irrt. Der Islam zeichnet sich durch eine verwirrende und widersprüchliche Vielfalt aus, was auch seine Gläubigen irritiert. Das ist die erste Erkenntnis, die der Hörer aus Michael Kiefers Vortrag zieht.

Die erste Irritation ergibt sich bereits aus der schwankenden Zahl der moslemischen Mitbürger. Zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Moslems in Deutschland lautet die Schätzung. Die Differenz von 300 000 Menschen rührt daher, dass der Staat die Religionszugehörigkeit nicht erfasst, aber auch daher, dass der islamische Mainstream einige Splittergruppen als nicht zugehörig betrachtet. Und nicht zuletzt daher, dass auch christliche oder bis dato unreligiöse Deutsche zum Islam konvertieren.

Bis vor kurzem war den Deutschen der Moslem als türkischer oder jugoslawischer Gastarbeiter vertraut. Die Flüchtlingswelle, aber auch eine neue Generation von Jugendlichen auf Sinnsuche sorgen für eine gewisse Unübersichtlichkeit. Die intellektuelle Spannweite reicht von hochgebildeten Oppositionellen aus dem Iran – meist Ärzte – bis zu traditionsverhafteten Zuzüglern aus Ostanatolien mit schlichter Bildung. "Diese fallen mit ihrer Eigenart in der Türkei genauso auf wie bei uns", sagt Kiefer.

Doch unabhängig von der Bildung herrschen zwischen den moslemischen Gruppierungen – und sogar innerhalb dieser – massive Spannungen. "Die Muslime haben sich von Anfang an gestritten", erklärt Kiefer. Das begann bereits kurz nach Mohammeds Tod mit dem Streit um die rechtmäßige Nachfolge. Deshalb berufen sich die Gruppierungen auf ihre jeweiligen Kalifen als wahre Nachfolger des Propheten. Nach den zahlenmäßig dominierenden Sunniten folgen die Schiiten. Die Aleviten bezeichnen sich zwar als Moslems, werden aber von den meisten Gruppierungen nicht anerkannt. Schwer tun sich auch die Ahmadiyyas, die zwar wie alle Moslems glauben, dass der Prophet Jesus nicht am Kreuz starb, aber stattdessen nicht von Allah entrückt wurde, sondern nach Indien ging und hochbetagt in Kashmir starb. Den friedlichen Sufis stehen die brutalen Salafisten entgegen, die ihre Ideologie mit Mord und Totschlag durchsetzen.

Wie ist das möglich? Einen Grund sieht der Islamexperte im Koran selbst, bzw. in dessen Entstehungs- und Auslegungsgeschichte. "Der Koran ist innerhalb von 22 Jahren entstanden. Darum widersprechen sich manche Suren und sind in ihrem historischen Kontext zu lesen. Manch spätere Verse heben früher entstandene Verse wieder auf."

Das aber will fundamentalistisch Gesinnten, die den Koran als wörtlich von Gott diktiert begreifen, nicht einleuchten. Und das führt selbst bei den Schriftgelehrten zu einer immensen Bibliothek an Auslegungen, die sich ebenfalls widersprechen. "Der Koran ist wie ein Meer, dessen Boden wir nicht sehen und dessen Ufer wir niemals erreichen können", zitiert Kiefer einen islamischen Theologen.

Direkter Draht zu Gott

Der Christ hat seine Kirche als Institution, die ihn durchs Leben begleitet. Nicht so der Moslem. Der Gläubige pflegt ein unmittelbares Verhältnis zu Gott, deshalb benötigt er keinen Priester als Vermittler. Der Imam ist kein Pfarrer, sondern lediglich ein Vorbeter. Auch ist der Zentralrat der Muslime in Deutschland weder zahlenmäßig noch in seiner Struktur mit dem Zentralrat der Juden vergleichbar.

Eben die Vielfalt und mangelhafte Organisation der islamischen Gruppierungen erschweren es, sich als Religionsgemeinschaft mit dem deutschen Religionsverfassungsrecht zu arrangieren. So missfällt dem deutschen Staat, wenn beim Dachverband ditib Imame in dessen 900 Moscheen predigen, die Beamte des türkischen Staates sind und auf dessen Weisung handeln – das widerspricht der Maxime, wonach in Deutschland sich der Staat nicht in religiöse Belange einzumischen habe.

Wer also vertritt die Moslems? Wer kann garantieren, dass seine Gruppierung auch in 50 Jahren noch bestehen wird? Und wer garantiert, dass seine Ideologie nicht im Widerspruch zur deutschen Verfassung steht? All dies sind laut Michael Kiefer die Probleme, die der deutsche Staat mit seinen moslemischen Mitbürgern noch lange Zeit wälzen wird. 

REINHARD KALB

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