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Kofferfabrik: Die Rebellen kehren zurück

Ein Abend mit Liedermacher Gymmick zu Ehren der Kultband "Ton Steine Scherben" birgt erschreckende Aktualität - 02.10.2017 20:00 Uhr

Je nach Sichtweise melancholisch oder aber bedrückend: Liedermacher Gymmick zusammen mit Bassist Kai Sichtermann und Drummer Funky K. Götzner von „Ton Steine Scherben“. © Foto: Romir


Mit erhobener Faust gegen das Establishment zu protestieren - das hat je nach Sichtweise etwas melancholisch-nostalgisches – oder aber bedrückende Aktualität. Beides vermischt sich bei dem umjubelten Konzert von Liedermacher Gymmick mit Kai Sichtermann und Funky K. Götzner von "Ton Steine Scherben" in der Kofferfabrik.

Die zwischen 1970 und 1985 aktive Combo "Ton Steine Scherben" steht bis heute wie keine zweite für den politisch engagierten Protestsong. In den Texten werden die Hausbesetzerszene und das Schwarzfahren gefeiert, der Widerstand gegen "die da oben" sowieso. Viele der Refrains von Frontmann Rio Reiser wurden zu Parolen: "Keine Macht für niemand!", "Macht kaputt, was euch kaputt macht!"

Ein Vorbild

"Diese kräftige Sprache gab es vorher nicht, das war textlich schon ein Vorbild für mich", meint Gymmick, der an diesem Abend antritt, den Traum Rio Reisers von einer gerechteren Welt weiter zu träumen. Den anarchischen Geist der 70er versprüht bereits das etwas konfuse Vorprogramm: "Kid Vicious" schreit Hippie-Lieder in Punk-Versionen mit Akustikgitarre ins Mikrofon und Ex-Scherben-Manager Misha Schoeneberg macht in einer Mischung aus Dia- und Gedichtvortrag Werbung für sein Buch "Siddhartha Highway". Das Publikum indes bleibt sichtlich ungerührt.

Das ändert sich schlagartig, als Gymmick und Co. die Bühne betreten. Bassist Sichtermann und Drummer Götzner sind in erster Linie dazu da, den Link zur Historie zu bieten und halten sich brav im Hintergrund, um ihrem Frontmann Raum zu lassen. Der arbeitet sich derweil mit voller Energie durch drei Jahrzehnte Musikgeschichte.

Nahtlos eingefügt

Manches wirkt nostalgisch, wie der Aufruf zur Solidarität der Arbeiter. Doch vieles bleibt erschreckend aktuell: "Menschenfresser" und "Sklavenhändler" gibt es auch 30 Jahre später noch. Von Gymmicks eigenen Songs findet nur die Obdachlosen-Hymne "Wenn Du schön wohnst" Eingang ins Programm, die sich aber nahtlos einfügt.

Neben dem politisch und gesellschaftlich engagierten Parolen-Pop zeigt der Abend aber auch die eher introvertierte Seite Rio Reisers: Dessen stimmungsvolle Liebeslieder laden nach wie vor zum Träumen ein — bevor im Finale ein Hit nach dem anderen abgefeuert wird: "Rauch-Haus-Song", "König von Deutschland", "Junimond".

Kein Zweifel: Auf seiner Wolke dürfte Rio Reiser eine Träne verdrückt haben. Sein Traum ist noch lange nicht vorüber. 

PETER ROMIR

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