Mittwoch, 26.09.2018

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Langenzenner Kirche: Nazi-Symbole bleiben

Auf der Wetterfahne wurden zwei Hakenkreuze entdeckt - 22.06.2018 06:00 Uhr

Bei den aktuellen Renovierungsarbeiten an der Langenzenner Stadtkirche wurden die Hakenkreuze entdeckt. Vom Boden aus sind die 1934 in das vergoldete Kupfer eingravierten Nazi-Symbole nicht sichtbar. Fast alle sind sich einig: Als Zeichen der Erinnerungskultur und als Dokument der Zeitgeschichte sollen sie auf der Wetterfahne des Kirchturms bleiben. © Fotos: Scherer/Stadt Langenzenn


Als der von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister im Juli 1945 für Langenzenn meldete, dass alle Namen und Zeichen der Nationalsozialisten entfernt worden seien, hatte er sich geirrt: Die beiden eingekratzten Hakenkreuze im markgräflichen Reichsadler hoch oben auf der Stadtkirche waren schlicht zu klein, um vom Boden aus gesehen zu werden. Doch vom derzeit am Kirchturm aufgestellten Gerüst aus wurden sie nun 73 Jahre später entdeckt.

Bei den aktuellen Renovierungsarbeiten an der Langenzenner Stadtkirche wurden die Hakenkreuze entdeckt. Vom Boden aus sind die 1934 in das vergoldete Kupfer eingravierten Nazi-Symbole nicht sichtbar. Fast alle sind sich einig: Als Zeichen der Erinnerungskultur und als Dokument der Zeitgeschichte sollen sie auf der Wetterfahne des Kirchturms bleiben. © Fotos: Scherer/Stadt Langenzenn


Wie soll man damit umgehen? Diese Frage stellten die Dekane André Hermany und Friedrich Schuster während ihres ökumenischen Gottesdienstes. "Dieses Symbol ist stark belastet, man muss es entfernen", sagte ein Besucher, ein anderer plädierte dafür, es nicht anzurühren.

Letzteres empfahlen auch die beiden Pfarrer, die ihre Sichtweise ausführlich in ihrer Predigt darlegten. Der katholische Dekan Hermany erinnerte sich an seine Schulzeit kurz nach dem Krieg, als der Nationalsozialismus überhaupt nicht in den Geschichtsbüchern erwähnt wurde – weil man die Erinnerung an die Geschehnisse verdrängte.

Als Mahnung verstehen

Im Sinn einer Erinnerungskultur könne man die Symbole also als Mahnung verstehen, meinte sein evangelischer Kollege: "Um nie zu vergessen, welche schlimmen Dinge unter dem Hakenkreuz passiert sind und um für den Gegenentwurf einzustehen."

Ob man bei der Kirchenrenovierung in den 1970er Jahren genauso gedacht hat? Damals wurden Wetterfahne und Kugel vom Turm genommen, vergoldet und im derzeitigen Zustand wieder aufgesetzt. Den Zeitungsbericht darüber vom 23. Juni 1979 präsentierten Kurt Sellner und Roland Schönfelder vom Heimatverein Langenzenn in einem sehr gut besuchten Vortrag. Thema ihres Referates war auch, wie die Wetterfahne einst überhaupt mit ihren Symbolen versehen worden war. Das 1773 angefertigte erste Exemplar ist mittlerweile im Heimatmuseum ausgestellt.

Im Jahr 1934 ersetzt

Auf Wunsch des damaligen Landbauamtes Nürnberg wurde es 1934 durch eine Neuanfertigung aus Kupfer ersetzt. Sie wurde angefertigt vom hiesigen Flaschnermeister Johann Heindel und von ihm am 20. August 1934 auf den Turm gebracht.

"Die Hakenkreuze befinden sich dort aus geschichtlichen Gründen", sagt Schönfelder auf Anfrage unserer Redaktion und spricht sich ebenfalls dafür aus, sie nicht zu entfernen. "Es ist ein Dokument der Zeitgeschichte, wenn auch ein unangenehmes."

Auch weil die Kirche unter Denkmalschutz steht, könne man die Fahne nicht einfach abnehmen und verändern. Dazu braucht es das Einverständnis des Denkmalschutzes. Zudem sei das Kirchengebäude nicht im Besitz der Gemeinde, sondern gehört dem Freistaat.

Damit argumentieren die beiden Dekane und der örtliche Heimatverein ganz im Sinne des Denkmalschutzes. Von der Obersten Denkmalschutzbehörde des Freistaates liegt eine Stellungnahme vor, dass die beiden Hakenkreuze im Sinne der Erinnerungskultur erhalten bleiben sollen.

Zudem wäre die Entfernung mit enormen Kosten verbunden: Nötig wäre eine Erhöhung des Gerüstes um mehrere Stockwerke und die Anfertigung einer neuen Wetterfahne, ein immenser Aufwand.

Davon abgesehen, so Schönfelder: "Wenn wir der Meinung wären, die Fahne muss runter, würden wir uns dafür einsetzen." Er verweist etwa auf Glocken in vielen anderen Kirchen, wo bis heute Symbole und Sprüche aus der nationalsozialistischen Zeit zu finden sind.

Entscheiden könne darüber ohnehin weder Heimatverein noch Stadt oder die Kirchengemeinde, sondern nur der Eigentümer, also der Freistaat. 

Martin Schülbe

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