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Ohne Sprit und abgasfrei den Hügel hinunter

Beim 4. Ammerndorfer Seifenkistenrennen waren die Kleinen die Größten — Ratschläge vom Fachmann - 21.09.2017 06:00 Uhr

Bei der rasanten Abfahrt am Sommerkeller steuern diese junge Pilotinnen voll konzentriert auf die Ziellinie zu. Am Streckenrand verfolgen Zuschauer die Verfolgungsjagd der Retrokisten. © Foto: Blind


Den Blick konzentriert nach vorne gerichtet, flitzen die ersten Geschwindigkeitsfreaks unerschrocken Richtung Zielgerade. Verfolgt von dröhnenden Anfeuerungsrufen, wird die überschaubare Strecke an der Vogtsreichenbacher Straße rasch zum Nürburgring. Selbst die kleinsten Raser fühlen sich hier ganz groß.

Zum vierten Mal ließen die Ammerndorfer den Seifenkistenkult aufleben. Rund 40 Teilnehmer in den Altersklassen fünf bis acht und neun bis 14 traten mit ausgelassener Freude gegeneinander an.

Bereits vor rund 20 Jahren sausten hier junge Rennfahrer in hölzernen Ferraris umher, damals im Rahmen des Awo-Ferienprogramms. 2014 wurden die alten Seifenkisten wieder entdeckt und kurzerhand erneut ins Rollen gebracht.

"Es ist immer wieder schön hier, das ganze Dorf kommt zusammen", lächelt Marlen Laurien, Vorsitzende des Dorfkindervereins, der das Wettrennen gemeinsam mit dem Awo-Ortsverein organisiert. "Warum die Kisten in der Halle verstauben lassen, wenn man damit fahren kann?"

"Meine 33-jährige Tochter hat damals eine der Kisten gebastelt", erzählt Awo-Mitarbeiterin Elsbeth Schmidt stolz. Dass Kinder die Gefährte heute noch mit leuchtenden Augen bestaunen, freue sie ungemein. Großeltern fiebern bei Kaffee und Kuchen mit, kleine Geschwiste sehen gespannt vom Fahrbahnrand aus zu, und aufgeregte Eltern suchen an der Startrampe nach motivierenden Worten — mühelos bringt der zeitlose Vintage-Sport alle Generationen zusammen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schwappte das amerikanische "Soapbox"-Fieber nach Deutschland über. Benannt wurden die Gefährte nach Lagerkartons, in denen die ersten Waghalsigen steile Hänge hinabflitzten. Zum Glück sind die Renn-Raketen heute um einiges sicherer, besonders, nachdem die Räder der in die Jahre gekommenen Ammerndorfer Kisten kürzlich instandgesetzt werden konnten. Ein Spendenaufruf trug Früchte: 400 Euro übergab die Gemeinde der Awo für die Reparatur. "Mein Mann hat noch bis kurz vor Wettbewerbsbeginn gewerkelt", sagt Rowena Praast, Vorsitzende des Awo-Ortsvereins, mit einem Schmunzeln.

Wie schnell die neuen Kisten sind, durfte Praast beim Gaudi-Rennen der Erwachsenen gleich selbst einmal austesten. Wagemutig stellte sie sich einer Kollegin und stieß im Nu krachend mit ihr zusammen. Schock, Schürfwunden und ein kaputter Reifen waren die Folge. Ein bisschen Adrenalin gehört eben zum Wettkampf dazu.

Nicht nur Laien, sondern auch erprobte "Rennprofis" kommen hier ins Schleudern. Die sechsjährige Mia, die bereits zum dritten Mal mitfuhr, knallte in die Hecke am Fahrbahnrand. Den kleinen Unfall winkt sie gelassen ab, ums Gewinnen geht es ihr offenbar nicht. "Mitmachen ist das Schönste", findet sie.

Norbert Bauer, Vorsitzender des Seifenkistenvereins Nürnberg, stand bei der Reparatur der Kisten hilfsbereit zur Seite. Einfach den Hang hinabrollen bringt einen nicht ans Ziel, weiß der Fachmann, dessen Töchter bereits mehrere bayerische und deutsche Seifenkistenmeisterschaften gewonnen haben.

Leon fährt allen davon

"Wer zu früh bremst, der hat verloren. Wer zu früh lenkt, der wird immer langsamer", erläutert er. Diesen Tipp beherzigte keiner so gut wie der neunjährige Leon Ott. Der Vorjahressieger konnte auch dieses Mal wieder den Titel in seiner Altersklasse einheimsen. Seit einem Jahr fährt er Go-Kart, doch die motorlose Seifenkiste besitzt für ihn einen ganz besonderen Reiz: "Es ist bisschen spannender, weil man nicht weiß, wie schnell sie wird."

Gern würde Leon im nächsten Jahr mit seiner eigenen Rennrakete durchstarten. Mit dem Papa wurden bereits erste Skizzen angefertigt. "Es ist wichtig, dass das Gerät cool ausschaut!", findet der junge Rennfahrer.

Sein Wunsch könnte in Erfüllung gehen: Bauer, der in Schulen und Kindergärten häufig Handwerkskurse leitet, will die großen und kleinen Ammerndorfer unterstützen. "Die Kinder freuen sich immer sehr, wenn sie die Kiste selbst bauen und damit auch noch fahren dürfen. Außerdem kommen auf diese Weise Eltern und Kinder zusammen, und es entstehen tolle Erinnerungen." 

PATRICIA BLIND

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