Dienstag, 20.11.2018

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Ruf der Wildnis

„Brazil“: Im Schlauch-Urwald von Annette Voigt - 22.10.2011

Die Künstlerin und ihr für den Sound zuständige Kollege Helmut Kirsch im modernen Lianengewirr der Zirndorfer Galerie Pinder Park. © Thomas Scherer


Die Erlanger Künstlerin Annette Voigt versteht sich meisterhaft auf das Verwirrspiel. Kunststoff wird ihr unter der Hand zur Natur. Leblose Technik erwacht zu organischem Leben. Die leerstehende Ladenfläche der Galerie mit Glasfronten, die den Blick vom Gang ins Freie schweifen lassen, inspirierte sie zum kreativen Vorstoß in unerschlossene Regionen.

„Brazil“ lautet das Motto der am Freitagabend eröffneten Ausstellung. Und die Urgewalt der südamerikanischen Wildnis hat den Raum tatsächlich erobert. Aus der zerstörten abgehängten Decke baumeln Luftwurzeln aller Art und Größenordnung. Um dieses Labyrinth ermessen zu können, muss der Betrachter schon auf Trekking-Tour gehen. Ganz verloren ist er freilich nicht.

Wichtige Anhaltspunkte hat Voigts Schwabacher Kollege Helmut Kirsch beigesteuert. Er leitet Besucher zumindest akustisch. Die von ihm verwendeten Geräusche sind ebenso künstlich wie das Installationsmaterial. Bruchstücke der zur Unkenntlichkeit verfremdeten Gitarrenklänge und Störgeräusche aus dem Alltag werden gezielt eingesetzt, um den Raum zu definieren. Der Trick dabei sind Bewegungsmelder. Passiert der Betrachter einen von ihren, setzt er unwillkürlich eine bestimmte Geräuschkulisse in Gang. An der Eingangstür klingt es nach dem Einpark-Echolot eines modernen Autos, zur Außenfront hin nach Vogelstimmen.

Wer seine Sensoren ausfährt, findet bald heraus, wie der Raum klingt. Kirsch hat ihn nicht als Musiker, sondern als Bildender Künstler bereichert. Die Symbiose von Gestalt und Geräusch ist perfekt. Das Material, aus dem die Träume sind, stammt zum großen Teil aus dem Wertstoffhof und kann nach Gebrauch wieder recycelt werden, wie die ökologisch sensible Künstlerin betont.

Der Fantasie hilft diese faszinierende Ausstellung mächtig auf die Sprünge. Assoziationen stellen sich unwillkürlich ein. Statt Urwald kann „Brazil“ auch ein Mikrokosmos sein: Gehirnwindungen, Gedärme, Nerven. Abenteuerlich ist das allemal.

Galerie Pinder Park, Zirndorf, Im Pinderpark 7, „Brazil“, Raum + Sound, Annette Voigt und Helmut Kirsch, bis 10. Dezember, Donnerstag und Freitag 15—17 Uhr, Samstag 11—13 Uhr, Sonntag, 23. Oktober 13—18 Uhr, Künstlergespräch 16 Uhr.

  

VOLKER DITTMAR

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