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Saxophon mal vier

Das Amstel Quartett verzückte mit „Classical Zen“ - 13.02.2017 11:29 Uhr

Ohne jede weitere Begleitung präsentierte das Saxophon-Ensemble ein organisches Miteinander.

Ohne jede weitere Begleitung präsentierte das Saxophon-Ensemble ein organisches Miteinander. © Foto: Tim Händel


Das Saxophon gilt - mehr noch als die Trompete - als das Jazz-Instrument schlechthin. Kein anderes Blasinstrument weiß seinem Trichter derart differenzierte Klänge, Zwischentöne, Röchellaute und Phrasierungen zu entlocken wie dieser kunstvoll geschwungene Messing-Korpus mit hölzernem Mundstück. Ursprünglich fürs Sinfonie-Orchester gedacht, fällt sein Auftritt im klassischen Konzert höchst sporadisch aus. Allenfalls in Ravels Bearbeitung der „Bilder einer Ausstellung“ darf das Saxophon „Das alte Schloss“ beklagen.

Das holländische Amstel Quartett will das Instrument aus diesem Ghetto herausholen und zeigen, wozu es in Gestalt der Alt-, Sopran-, Tenor und Bariton-Ausführung fähig ist. Hierzu bedient sich das Ensemble der Werke zeitlich und stilistisch weit auseinanderliegender Komponisten. Da trifft Barock auf Avantgarde, Renaissance auf Minimal Music, Poppiges auf Neue Schlichtheit.

Der gemeinsame Nenner dieses Programms lautet „Classical Zen“. Ein Begriff, der neugierig macht, der gleichwohl auf irrige Fährten lockt. Zen ist die Kunst der fernöstlichen Meditation buddhistischer Ausprägung. Sie bringt den Adepten dazu, seinen Geist völlig zu entleeren, sich von allen Gedanken, Assoziationen, Bildern, die aus dem Bewusstsein wie dem Unterbewusstsein aufsteigen, freizumachen. Wie aber kann man Leere erfahren? In dem Moment, da das Ich erkennt, „Da ist nichts mehr“, artikuliert es bereits wieder einen Gedanken.

Kann man so etwas musikalisch ausdrücken? Der Anfang mit John Cages „Vier hoch fünf“ klingt tatsächlich frappierend. Die Musiker positionieren sich an den vier Ecken des großen Kufo-Saals und spielen. Das heißt, zwei Spieler geben abwechselnd sehr lang gezogene, klare Töne von sich, solange die Lungenkapazität reicht. Diese statisch-sphärischen Klänge interruptieren immer wieder sekundenkurze Einwürfe der anderen Spieler, die mal als störend, dann wieder als ergänzend empfunden werden.

Ein Kunstgriff, den bereits Charles Ives mit seiner „Unanswered Question“ etabliert hat. Dabei beziehen Cage und das Amstel Quartet auch Frage-und-Antwort-Spiele, Echowirkungen und fließende Übergänge von Instrument zu Instrument mit ein.

Fließender Übergang

Gedanken kann mit nicht auf Knopfdruck abstellen, bis der Fluss zum Stillstand kommt, strömt er also noch eine Weile dahin. Entsprechend setzt das Quartett die Stücke nicht per Pause und Neubeginn voneinander ab, sondern lässt die Kompositionen fließend ineinander übergehen. Auf einmal befinden wir uns mittendrin in einem Klagelied des estnischen Zeitgenossen Erkki-Sven Tüür, und irgendwann ändert sich wieder die Klangsprache und wir sind bei Arvo Pärt gelandet.

Da die Saxophonisten unbegleitet spielen, fallen die Takt- und Rhythmusgeber Bass und Perkussion vollkommen weg. Die Bläser geben also selbst den Takt vor, was natürlich die Gefahr des Verschleppens mit sich bringt und deshalb ungeheure Disziplin und ein langes aufeinander Eingespieltsein erfordert.

Gerade weil die Taktgeber fehlen, empfindet das Ohr das vierfache Saxophonensemble als ein organisch fließendes Miteinander. Beruhigt überlässt sich der Hörer dem Klangerlebnis, lässt sich vom Fluss der klaren Töne tragen und entschwebt schier. Dazu tragen nicht unerheblich die endlos wiederholten und leicht variierten Muster der Minimal Music bei, wie sie Terry Riley in „Salome dances for Peace“ anwendet.

Die größten Überraschungen aber bieten die Versionen von Dietrich Buxtehudes Choralfantasie „Te Deum laudamus“ und Thomas Tallis’ Motette „Felix Namque“. Was da aus dem 16. und 17. Jahrhundert auftaucht, gemahnt - gerade bei Buxtehude - zwar unüberhörbar an Orgelmusik, gewinnt, für Blasquartett arrangiert, aber eine verblüffende Klanggestalt, die weit über das Virtuose hinausreicht. Hier verschmelzen tatsächlich vier Seelen miteinander im gemeinsamen Musizieren, hier wird aus Vielfalt Einheit und aus Einheit wieder Vielfalt.

Also doch Zen-Musik? Der „Classical Zen“ war auf jeden Fall ein Klangabenteuer, das den Zuhörer auf eine weite Reise mitgenommen hat. Wieder im Hier und Heute angelangt, fragt man sich, wo in der Zwischenzeit Zeit und Raum abgeblieben sind.

Der Bayerische Rundfunk sendet das Konzert am Donnerstag, 16.Februar, um 20.03 Uhr auf BR Klassik. 

REINHARD KALB

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