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Schicksale ermordeter Kinder aufgearbeitet

«Zug der Erinnerung» setzt in Fürth ein Signal gegen Antisemitismus - Fürther als Zeitgeschichtsforscher - 09.05.2009

Schautafeln, Tabellen und Plakate: Fürther Bürger haben sich einiges einfallen lassen, um die Schicksale der von den Nazis ermordeten jüdischen Kinder und Jugendlichen für den «Zug der Erinnerung» aufzuarbeiten. © Hans-Joachim Winckler


Acht dieser Schicksale werden am Montag stellvertretend für alle anderen im «Zug der Erinnerung» gleichsam «verewigt». Die grundsätzliche Recherche-Arbeit hatte Gisela Naomi Blume, die ehemalige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Fürth, im Rahmen ihres «Memorbuches» zum Gedenken der getöteten Fürther Juden schon Ende der neunziger Jahre vorgelegt. Blume wurde folgerichtig zur Mentorin jener Fürther, die sich auf Grund eines Aufrufes in dieser Zeitung bereit erklärt hatten, sich mit Leben und Tod der jugendlichen Naziopfer auseinanderzusetzen.

Dazu musste man kein Historiker sein: Udo Schick ist im «richtigen Leben» Postbeamter, beschäftigt sich allerdings seit längerer Zeit intensiv mit den Gräueln der Hitler-Diktatur. Für den «Zug der Erinnerung» nahm er sich das kurze Leben von Hans-Werner Reißner vor, der am 14. Mai 1928 geboren wurde und wie viele andere jüdische Kinder von den Nazis im Konzentrationslager ermordet wurde. Hans-Werners Bruder Harold hat die Shoah (Genozid) überlebt und lebt heute in den USA - ein wichtiger Zeitzeuge, mit dem Gisela Naomi Blume «heute noch regelmäßig telefoniert», wie sie erzählt.

Alltag als Thema

Ruth Brenner und die Ethikgruppe der Klassen 4 c und 4 d beschäftigten sich an der Grund- und Hauptschule Pestalozzistraße mit den Geschwistern Judith, Margot und Alfred Willner. «Zunächst fragte ich mich, wie im Schnitt zehnjährige Kinder ein solches Thema seelisch verarbeiten», erzählt Ruth Brenner, die das Judentum im Unterricht vorab durchgenommen hatte. Die Lösung war die Konzentration auf Fragen des Alltäglichen: Wie lebten jüdische Kinder in Fürth vor und während der Nazizeit? Und was beziehungsweise womit spielten sie? Zur Beantwortung dieser Fragen brachte Gisela Naomi Blume originales Anschauungsmaterial mit in den Unterricht, etwa kleine Thora-Rollen oder einen Peitschenkreisel.

Aber auch Fotos, die zeigen, dass beispielsweise das Baden im Fürther Flussbad für Juden schon in den frühen dreißiger Jahren verboten wurde - die Ausgrenzung aus dem normalen Leben begann auch für Fürths jüdische Bevölkerung schon sehr bald nach Hitlers Machtergreifung 1933. Petra von Schwanenflug und ihrem achtjährigen Sohn Benedikt fiel es nach eigenem Bekunden «schwer, uns für ein Kind zu entscheiden». So brachte sie die Rechercheergebnisse Gisela Naomi Blumes in Tabellenform und übertrug die Daten auch in einen Stadtplan. So wird klar, dass Christen und Juden in Fürth Tür an Tür wohnten. Und dass es mithin fast unmöglich gewesen sein dürfte, von den Verschleppungen und den Verbrechen der Nazischergen «nichts mitbekommen» zu haben, wie manche nach dem Krieg behaupteten.

Liste der Opfer

Die Liste der Opfer macht schauern, die jüngsten wurden im Alter von wenigen Monaten abgeschlachtet, die nationalsozialistischen Mörder machten vor Babys ebenso wenig Halt, wie vor Kindern und jungen Erwachsenen. «Bei vielen weiß man nicht einmal das genaue Todesdatum», erzählt Petra von Schwanenflug hörbar bedrückt. Insgesamt wurden in den zwölf Jahren der braunen Diktatur rund 1060 Menschen aus Fürth in die Lager gebracht und dort getötet, «mit deutscher Gründlichkeit», wie Gisela Naomi Blume bitter anmerkt.

Der «Zug der Erinnerung» wird am Montagmorgen von Hersbruck kommend auf Gleis 3 des Fürther Hauptbahnhofes fahren. Um 10 Uhr eröffnet OB Thomas Jung die Ausstellung offiziell, nach Auskunft von Presseamtsmitarbeiterin Birgit Gaßner, die die Ausstellung betreut, haben sich schon 19 Schulklassen angemeldet. Auf dass die Erinnerung lebe. 

Hans von Draminski

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