Samstag, 23.03.2019

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Steiner "Höllgarten": Kleinod vor dem Ende

Die Streuobstwiese ist in desolatem Zustand - Faber-Castell handelt nicht - 13.03.2019 11:00 Uhr

Vernachlässigtes Naturjuwel: Der Höllgarten bräuchte längst Pflegemaßnahmen. Kaum ein Baum ist unbeschädigt. © Foto: Hans-Joachim Winckler


Von der Größe früherer Zeiten, als es noch die Landwirtschaft des Fabergutes gab, ist heute allerdings nur noch ein Bruchteil übrig. Der Obstgarten wurde da und dort für Bauprojekte, darunter das städtische Kinderhaus, verkleinert. Der Rest zeigt die klassische Struktur einer Streuobstwiese – und ist mit seinen 50 bis 60 Bäumen, die sehr alte Sorten tragen, immer noch imposant.

Gerade in Zeiten des Engagements für den Artenschutz stehen solche extensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen wieder im Fokus. Nicht umsonst ist der Höllgarten geschützter Landschaftsbestandteil. Die dort neben den Obstbäumen wachsenden Eichen sind als Naturdenkmäler geschützt.

Umgeben von einer Weißdornhecke ist das Areal bis heute Lieferant von Pollen und Nektar für Insekten. Auf Streuobstwiesen blüht fast immer etwas, zuerst die Hecken, dann die hochstämmigen Obstbäume und schließlich die Wiesenblumen. Bis zu 5000 Tierarten können auf einem derartigen Gelände leben: Schmetterlinge und Spinnen, Spechte und Steinkäuze, Siebenschläfer und Fledermäuse. Wegen des Baumbestandes kann die Wiese nicht mit schwerem Gerät gemäht werden, der Boden ist daher nicht zu stark verdichtet. Die ökologisch bewirtschafteten Flächen werden von Schafen abgeweidet, die zugleich für Dünger sorgen.

Schafe zumindest haben im Steiner Höllgarten noch im vergangenen Jahr gegrast, das ist auch jetzt noch an ihren Hinterlassenschaften deutlich zu sehen. Aber die einst stattlichen Obstbäume sind lange nicht mehr gepflegt worden. Sie sind teils völlig eingebrochen, teils sind große Äste abgefallen, teils müssten sie dringend beschnitten werden. Nachpflanzungen der alten Sorten wären nötig.

Auch wenn es bei Streuobstwiesen dazu gehört, Totholz stehen und liegen zu lassen, da es für viele Insekten und Vögel wichtig ist – in diesem Ausmaß ist es nicht üblich. Fast keiner der alten Bäume ist ohne größeren Schaden.

Die Verordnung zu dem geschützten Landschaftsbestandteil schreibt Folgendes vor: Vielfalt, Eigenart und Schönheit sind zu bewahren. Das Landschaftsbild zwischen Stein und Oberweihersbuch ist zu beleben. Der für den Naturhaushalt so wichtige Totholzanteil ist zu erhalten, und Einzelbäume und Hecken sind zu schützen.

Erfolglose Anfragen

Doch durchgesetzt werden diese Regeln offenbar nicht. Immer wieder haben sich Bürger mit der Bitte an das Unternehmen Faber-Castell gewandt, sich für den Höllgarten zu engagieren — doch ohne Erfolg. Auf eine Nachfrage der FN gab das Unternehmen lediglich die Auskunft, man könne ohne Rücksprache mit den Erben derzeit keine Aussage treffen.

Die Steinerin Gudrun Hör nutzt den Höllgarten gern für kleine Spaziergänge vor ihrer Haustür. Seit 1997 fotografiert sie dort. Beim Blättern in ihren Bildern wird sie traurig. "Wie schön es hier früher geblüht hat", sagt sie und erinnert sich an die vielen Wiesenblumen, die sie erfreuten. Doch jedes Jahr seien es weniger Blüten geworden. Auch die Weißdornhecke, die das Frühjahr ankündigt, ist in einem erbärmlichen Zustand und bedarf dringend eines Schnitts.

Um die Pflegemaßnahmen ankurbeln zu können, müsste der Besitzer, die Faber-Castell-Vermögensverwaltung, lediglich ihr Einverständnis erklären. Die Arbeiten selbst, meint Arno Pfeifenberger vom Steiner Bund Naturschutz (BN), könnten teils BN-Mitglieder oder Experten für Baumschnitt aus dem örtlichen Gartenbauverein übernehmen.

Auch Mittel des Landschaftspflegeverbands könnte es für den Erhalt einer Streuobstwiese geben, weiß Pfeifenberger. Er selbst habe auf frühere Anfragen bei der Firma Faber-Castell die Antwort erhalten, man könne das natürliche Ende der Streuobstwiese auch einfach abwarten. 

Beate Dietz

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