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Stürmische Minne

Mittelalterlicher Barde rockt die Cadolzburg - 21.08.2017 13:00 Uhr

Volltreffer: Knud Seckel hat im martialisch dekorierten Saal neben dem Museumseingang Publikum in Hülle und Fülle vor sich. Mit Minnesang und historischen Instrumenten spielt er gegen das Unwetter da draußen an. © Foto: Budig


Knud Seckel kommt schwer beladen, mit Drehleier, gotischer Harfe, Drei-Lochflöte und Trommel in die Cadolzburg. Der Minnesänger aus Alsbach an der Bergstraße in Hessen, zwischen Frankfurt und Heidelberg gelegen, beschäftigt sich seit 1986 mit dem mittelalterlichen Singen und Dichten. Er hat die alten Instrumente spielen gelernt, Gesangsunterricht genommen, Romanistik, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft studiert.

Die meisten der Lieder, die er vorträgt, stammen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Aber die Themen sind so modern und zeitlos wie eh und je: Ein Mann liebt eine höherstehende (für ihn unerreichbare) Schönheit. Dieses musikalische Schmachten hat dem "Minnesang" seinen Namen gegeben. Ein Liebespaar gibt sich verstohlen dem Spiel der Spiele hin, vergisst alles um sich herum . . .

Popstars der Vorfahren

Seckel führt geschickt durch die fernen Zeiten, stellt Bezüge her, erläutert mit wenigen Worten die Eigenheiten der Popstars aus dem Mittelalter: etwa Wolfram von Eschenbach (1166/80 bis 1220), der Franke, der den Parzival schrieb und etliche Lieder dazu dichtete. Ob er tatsächlich aus dem mittelfränkischen Wolframs-Eschenbach stammt, ist nicht gewiss. Otto von Botenlauben (eigentlich Otto von Henneberg, wahrscheinlich 1177 in Henneberg geboren, gestorben vor 1245 bei Kissingen), war, wie so viele, die singen und Instrumente spielen konnten, von adeligem Geschlecht.

Er hat an den Kreuzzügen teilgenommen und diese Erfahrungen in Liedern verarbeitet: "Waere kristes lon". Und natürlich darf er nicht fehlen: Walther von der Vogelweise, den jedes Kind aus dem Schulunterricht kennt, der als der Goethe des Mittelalters gilt, 1170 geboren und in Würzburg um 1230 verstorben. Ein großer Pragmatiker, der den freigeistigen Künstlern aller Zeiten diese Weisheit auf den Weg mitgab: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing".

Kulturelle Blüte Frankens

In jenen Tagen, Nürnberg war gerade mal um die hundert Jahre alt, die ersten Hohenzollern zogen in die Gemäuer neben der Kaiserburg ein und bewachten in Abwesenheit des Kaisers sein Haus, entstand eine kulturelle Hochzeit in Franken. Viele dieser Singer/Songwriter zogen herum, wie der Tannhäuser (geboren um 1220), von dem wenig bekannt ist, außer der Überlieferung seiner spottlustigen Weisen über die Frauen.

Viel haben die Schlagerstars jener Zeit ihren französischen Kollegen, den Troubadouren abgeschaut, Wilhelm IX. von Aquitanien war ihr berühmtester Vertreter. Man merkt es vor allem den Melodien an und wundert sich ein wenig, wie schnell es eine europäische Musik gab, in diesen Zeiten, wo ein Weg und ein Sturm noch andere Mühen aufwarfen als heute.

In diese ferne Kultur schlüpft Knud Seckel wie in ein ledernes Wams, seine Stimme wird sanft. Dazu spielt er auf der Dreilochflöte und der Trommel diese fernen, mal ruhigen, mal hitzigen Weisen. Mit einem Zeitensprung führt er das Publikum weiter, zu Michel Beheim (1416 bis 1470) aus Tauberfranken, dessen Lieder schon vom Abgesang des Rittertums handeln. Und weil wir damit bereits in der Renaissance angekommen sind, als die Welt ein wenig komplizierter wurde, die Kultur in die wachsenden Städte abwanderte, die Malerei, die Texte kritischer, mehrdeutiger wurden, der Buchdruck auch ihnen zu ungeheurem Aufschwung und Massenwirkung verhalf, kann man am Ende noch Hans Sachs (1494 bis 1576 in Nürnberg) nachsingen. "Mir liebt in grünen Maien" heißt das Stück.

Der Schneidersohn, Schuhmacher, Dichter und Meistersinger hat ein Leben lang sein Handwerk ausgeübt, ganz nebenbei Martin Luther mit zum Durchbruch verholfen und 4000 Meistergesänge geschrieben. Er ist ein echter (Groß-)Städter und bereits ein erster neuzeitlicher Mensch. Knud Seckel, der 2007 und 2011 "Minnesänger des Jahres" war, schafft es mühelos, diesen musikalischen Quantensprung in sein Programm des fränkischen Minnesangs zu integrieren. Viel Beifall für einen Mann, der sein Publikum in eine andere Zeit entführt. 

PETER BUDIG

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