Über Nazi-Chic in der Gothic-Szene

12.11.2013, 13:00 Uhr
Über Nazi-Chic in der Gothic-Szene

© Hans-Joachim Winckler

Wer sagt denn, dass Gothics nur Schwarz bevorzugen? Auf den Fotos, die Victoria Greenwald (alias Grünwald) inszeniert, schweben ätherische Mädels ganz in Weiß gehüllt, allerdings mit blutroten Bändern drapiert, in Schneelandschaften. Oder sie treiben wie Ophelia als höchst ansprechende Wasserleiche im durchsichtigen Schleier in der Pegnitz. Überhaupt neigen Gothic-Fotografien dazu, Menschen wie Statuen, vor allem wie Grabengel zu inszenieren. Nämlich statisch, kalkweiß geschminkt, mit Schleier und Blumenstrauß oder klaffender Wunde.

Über Nazi-Chic in der Gothic-Szene

Das ist indes nur ein Teil der Gothic-Ikonographie. Ein weiterer Einfluss macht sich seit einigen Jahren bemerkbar, und ist in der Szene heftig umstritten. Die Rede ist vom Nazichic, also der Übernahme von Uniformen, Devotionalien und Gebärden, wie sie aus dem Dritten Reich bekannt sind.

Hierzu hielt der Kulturwissenschaftler und Filmkritiker Marcus Stiglegger einen fundierten und aufschlussreichen Vortrag. Demnach speist sich der Einfluss des Nazi-Chics aus mehreren Quellen: Zum einen aus den ersten Rockerbanden nach Ende des Weltkriegs, verwahrlosten US-Soldaten, die sich mit den Trophäen der Wehrmacht und der SS schmückten (Stahlhelm, Eisernes Kreuz, SS-Dolch, Koppelschloss etc.). Zum anderen aber stammt der Bilderfundus nicht aus Geschichtsbüchern, sondern aus Filmen der siebziger Jahre: Luchino Viscontis „Die Verdammten“ (1969) und Liliana Cavanis „Der Nachtportier“ (1974), seinerzeit heftig diskutiert, brachten Uniformfetischismus, Homoerotik, sexuelle Unterwerfung und pure Gewalt in einer opernhaften Inszenierung zusammen und lösten eine Welle von „Sadiconazistas“ aus, billigen Trashfilmen und Comics, die nur Pornographie in Nazi-Uniform auf die Leinwand brachten. In Deutschland nie gezeigt, erfreuen sich diese Filme im Ausland großen Zuspruchs; allerdings auch deshalb, weil eine kritische Reflektion über das Dargestellte nicht stattfindet.


Dieses Film-Subgenre arbeitet mit immer denselben ikonographischen Versatzstücken. Mit Bildern, die hierzulande verboten sind (Hakenkreuz, Führer-Konterfei), aber auch mit „erlaubten“ Szenen, zu denen gehören die Zurschaustellung diverser Uniformen und Details wie Runen und der SS-Totenkopf, sowie Hinrichtungen, Massenerschießungen und die unvermeidliche Orgie mit Sex und Suff.

Aus diesem Fundus bedienen sich in ihrer Bühneninszenierung so unterschiedliche Musiker wie Lemmy Kilmister von „Motörhead“, Iggy Pop, Marilyn Manson, „Laibach“ und Gruppen wie „Der Blutharsch“ oder „Death in June“, die Marcus Stiglegger beispielhaft aufzählt. Inzwischen haben sich diverse Accessoires in die Gothic-Kleidung eingeschmuggelt wie der schwarze SS-Mantel, Schirmmützen, Koppelschlösser, Schultergürtel und Runen.

Die Frage, die Stiglegger aufwirft, lautet: Wie reflektiert gehen die Genannten mit dem Nazi-Accessoire um? Schockieren sie um des Schocks willen? „Glauben“ sie an die Sache? Oder greifen sie den Wahnsinn unserer Großväter auf und spiegeln ihn im Wahnsinn der Gegenwart?

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