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Ukrainischer Zwilling

In Czernowitz begegnet man dem Fürther Theater - 30.11.2011 13:00 Uhr

Plötzlich erhebt sich auf dem Elisabethplatz in Czernowitz vor einem das Fürther Stadttheater: Der Bau aus dem Jahr 1905 war tatsächlich schon früher geplant als sein fränkischer Doppelgänger.

Plötzlich erhebt sich auf dem Elisabethplatz in Czernowitz vor einem das Fürther Stadttheater: Der Bau aus dem Jahr 1905 war tatsächlich schon früher geplant als sein fränkischer Doppelgänger. © Yvonne Swoboda


Der Gedanke, dass einem da ein Streich gespielt wird, kann schnell verworfen werden: Man befindet sich in Czernowitz, und wenn man bislang überhaupt etwas von dieser Stadt im äußersten Eck der Ukraine wusste, dann dies: Die Wiener Architekten Fellner und Helmer haben es sich vor mehr als Hundert Jahren sehr einfach gemacht, haben ohne große Skrupel die Baupläne des Fürther Musentempels hergenommen und das Gebäude in der damals österreichisch-ungarischen Stadt noch einmal verwirklicht.

Das heißt, ganz so war es nicht. Zuerst hatten nämlich die Czernowitzer bei den seinerzeit begehrtesten Theaterbauern Europas ein Theater in Auftrag gegeben. Dann gingen ihnen aber die Mittel aus und der Bau wurde zurückgestellt. Die Pläne lagen herum im Büro der Wiener Architekten, als Fürth mit dem Ansinnen an sie herantrat, endlich eine neue Bühne zu bekommen. Fellner und Helmer griffen in die Schublade und machten den Franken den Czernowitzer Entwurf schmackhaft. 1902 erstrahlte das Haus Neubarock in der Innenstadt.

Mittlerweile saß in der Bukowina aber das Geld wieder lockerer und man kam auf die Baumeister zurück. Sei es, weil sie gerade zu viel zu tun hatten (40 Theater bauten sie in 40 Jahren!), sei es, weil die in Czernowitz auf dem ersten Entwurf beharrten und dabei von dessen bereits erfolgter Verwirklichung in Fürth überhaupt nichts wussten: 1905 konnten sie ihre Bühne festlich eröffnen. Fortan gab es diesen Modelltyp zweimal. Bis heute.

Wir sitzen im Büro des Czernowitzer Theaterdirektors und fragen ihn, der schon einmal in Fürth zu Besuch war, ob es denn tatsächlich keine baulichen Unterschiede zwischen den beiden Häusern gäbe. Er denkt nach und lacht: „Vielleicht haben wir hier etwas dünneres Blattgold, wir sind nicht so reich.“ Tatsächlich muss er das Geld für Ausbesserungen findig zusammenkratzen. Gerade konnte er für eine Million Euro das Wasserleitungssystem erneuern; demnächst ist vielleicht wieder eine kleinere Spende zu erwarten, dann will man endlich den Bühnenvorhang auswechseln. Aber man sieht das hier nicht so dramatisch, hat sich eingerichtet mit den Mängeln, ist erfindungsreich. Auf den ersten Blick wirkt denn das Theater auch wie in einem soliden Zustand.

Und der hat anheimelnd viel mit der guten alten Zeit zu tun. Die Dielen knarzen, Türen quietschen, Farbe blättert von den Wänden. Betritt man das Haus durch den Bühneneingang, kommt man in ein winziges Foyer: rechts eine Portiersloge, so gemütlich wie ein Alkoven; ein kleiner Aufenthaltsraum, in dem eine Glühbirne spärlich Licht spendet. Überhaupt ist es hinter der Bühne ein wenig geheimnisvoll, etwas düster und eng: Würden einem plötzlich ein Herr im Gehrock, eine Dame mit rauschenden Kleidern begegnen, man wäre kaum erstaunt und hielte sie nicht für Bühnenfiguren. Wie aus der Gegenwart gefallen fühlt man sich in dieser zwischen Glanz und Untergang angehaltenen Atmosphäre.

Drinnen, im Foyer und im Theatersaal, verwischen sich die Unterschiede. Sicher, auch hier gibt sich das ukrainische Haus in vielen Details noch authentischer. Hier wurde nicht mit allzu deutscher Gründlichkeit und Finanzkraft restauriert und modernisiert. Man händigt seinen Mantel noch immer der freundlichen Garderobiere gleich neben dem Eingang zum Parkett oder oben zum Rang aus. Auffallend auch der Mittelgang, der in Fürth beim letzten Umbau verschwand; das Klappgestühl ist längst nicht so üppig gepolstert, dafür werden bei Vorstellungsbeginn noch die Samtvorhänge vor die Türen gezogen. Und wenn man die Ansage in Ukrainisch recht verstanden hat, dann wird der Hinweis, das Handy doch bitte abzuschalten, von der Firma „Vodafone“ gesponsert...

Dann sitzt man in Reihe sechs rechts, Platz fünf, und schaut in den Theaterhimmel: Auch hier schweben, wie in Fürth, die nackten Engelchen am Plafond, der mächtige Lüster hängt bedrohlich von der hohen Decke herab, Gold und Rot dominieren — nur das grüne Kleeblatt oben über der Bühne fehlt, das Stuck-Oval ist leer.

Die größten Unterschiede aber entdeckt man draußen. Der lindgrüne Anstrich ist gewöhnungsbedürftig, aber, so der Direktor, laut Denkmalschutz Original Fellner und Helmer. Es gibt auch noch die elegante Auffahrt, die in Fürth dem Stufen-Halbrund zum Opfer fiel. Außerdem scheint sich in den drei Jahren, die zwischen den Bauten liegen, der Kunstgeschmack ein wenig verändert zu haben: viele Details in Czernowitz verraten bereits den Einfluss des Jugendstils.

Während das Theater in Fürth damals direkt neben eine profane Brauerei gebaut wurde, findet man sich in der Bukowina inmitten eines noblen architektonischen Ambientes wieder. Auf der einen Seite der mächtige Bau des Jüdischen Hauses mit steinernen Figurengruppen, die den gesamten Platz im kritischen Blick haben. Ringsum dann weiter mächtige Gebäude (in einem residierte früher das „Czernowitzer Tagblatt“, eine von mindestens fünf deutschsprachigen Zeitungen am Ort) mit stuckverzierten Fassaden, Türmchen und imposanten Eingängen. Es ist irgendwie so, als würde das Theater daheim in Fürth auf der Freifläche zwischen Hornschuchpromenade und Königswarterstraße stehen...

Einst stand in Czernowitz ein Schiller-Denkmal vor dem Musentempel, die Verbundenheit mit der deutschsprachigen Kultur beschwörend, die hier in diesem „Halb-Asien“, wie es der Czernowitzer Schriftsteller Karl Emil Franzos einmal durchaus liebevoll nannte, vor und auch noch nach dem ersten Weltkrieg gesellschaftstonangebend gewesen ist. Heute sieht man an gleicher Stelle die Statue der ukrainischen Nationaldichterin Olga Kobylanska, nach der auch das Theater mittlerweile benannt ist.

Ganz genau genommen gibt es dieses Theater übrigens nicht nur zwei-, sondern sogar dreimal auf der Welt: Zu Ehren des aus Czernowitz stammenden Schriftstellers und Theaterkritikers Georg Drozdowski (1899—1987; er gehörte zu den Förderern des Dichters Paul Celan), der sich nach dem Krieg in Kärnten niederließ, hat die Stadt Klagenfurt in ihrem Freizeitpark „Minimundus“ exakt dieses Gebäude im Maßstab 1:25 nachbauen lassen. Dort steht es nun zwischen Eiffelturm und Petersdom, zwischen Neuschwanstein und Wiener Riesenrad. Ob auch auf den „Drillingsbau“ in Fürth hingewiesen wird, ist leider nicht bekannt. 

Bernd Noack

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