Freitag, 16.11.2018

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Familie aus Libyen hat neue Heimat in Großbreitenbronn gefunden

Größter Wunsch: Wiedersehen mit dem Vater - 16.08.2015 07:00 Uhr

Mutter Iman Alkadoot und ihre fünf Kinder blicken hoffnungsvoll in die ungewisse Zukunft. Die Großen haben die Schule hinter sucg und möchten bald studieren. © Schachameyer


Mutter Iman und ihre fünf Kinder erinnern sich: Es war der 23. August 2014, als sie in der Asylbewerberunterkunft Kempten ankamen und tags darauf nach Zirndorf weitergeschickt wurden. Nach 40 langen Tagen in der „Übergangslösung“ konnte die Familie dann endlich ihr eigenes Quartier beziehen – im Merkendorfer Ortsteil Großbreitenbronn. Wie geht es den Alastars heute? Wir haben nachgefragt.

Mutter Iman Alkadoot hat allein mit fünfen ihrer sieben Kinder die waghalsige Reise von Libyen nach Europa angetreten. Sie lebt nun mit Tochter Safaa (21) und den Söhnen Mohammad (20), Islam (18), Mahmoud (9) und Murat (1) in dem fränkischen Dorf. Ihre beiden ältesten Kinder, zwei Töchter im Alter von 25 und 24 Jahren, sind bereits verheiratet und haben eigene Familien in Nordafrika; ihr Ehemann konnte nicht mitkommen – er bekam keine Ausweispapiere.

Iman Alkadoot ist Palästinenserin und lebte mit ihrer Familie in Libyen; ihr Mann, ebenfalls Palästinenser aus dem Gaza-Streifen, lebt weiterhin dort. In Libyen, so berichten die drei älteren Kinder, die sich bereits sehr gut auf Deutsch verständigen können, war der Alltag von zahlreichen Gefahren geprägt. Kidnapping sei an der Tagesordnung gewesen, berichten sie. Der Vater nahm deshalb sein Geld und bezahlte seiner Familie die Reise übers Meer nach Europa, weil er sie in Sicherheit bringen wollte.  Der kleine Murat war erst wenige Monate alt, als Iman Alkadoot ein Flüchtlingsboot an Libyens Küste bestieg.

In elf Stunden ging es in einem Flüchtlingsboot zusammen mit 220 weiteren Passagieren übers Mittelmeer Richtung Italien. Nach dem Verlassen des Bootes ging die Reise an Bord eines italienischen Schiffes vier Tage lang weiter Richtung Norden und dann, von einem norditalienischen Hafen aus, auf dem Landweg nach Mailand. Dort schlossen sich sechs Tage Aufenthalt an, ehe es per Wohnmobil über die Alpen bis Kempten weitergehen konnte.

19 Personen in einem Wohnmobil

Da zwei Onkels mit ihren Familien mitreisten, war man zu neunzehnt im Wohnmobil unterwegs, berichten die Alastars. Nach dem Ein-Tages-Aufenthalt in Kempten kam die im Rückblick der Familie schwierigste Phase der Reise ins Ungewisse, nämlich der Aufenthalt in Zirndorf, der 40 Tage andauern sollte. Erst dann gelangten sie nach Merkendorf.

Von der Öffentlichkeit zunächst nahezu unbemerkt zog Familie Alastar in eine Wohnung in Großbreitenbronn ein, die das Landratsamt vorher angemietet hatte. Die Wohnung bietet genügend Platz, aber man muss in der kalten Jahreszeit mit nur einer Heizgelegenheit zurechtkommen. Hier gibt es eine geräumige Küche und einen großen, gemütlichen Esstisch mit Sitzgelegenheiten, an dem alle Platz haben – aber doch auch den ein oder anderen Sanierungsbedarf.

Familie Alastar weiß die positiven Aspekte des neuen Lebens zu schätzen: Sie knüpften bereits einige gute Kontakte zur Nachbarschaft, die drei Jugendlichen besuchten einen Deutschkurs in Ansbach, was dank guter Busverbindungen kein Problem war. Und nicht zuletzt gibt es einen Helferkreis aus den Kirchengemeinden Merkendorf und Weidenbach, bestehend aus momentan vier Frauen, die den Alastars helfen, mit ihrem neuen Alltag so gut wie möglich zurechtzukommen.

Dazu gehörte nicht nur ein erstes Vertrautmachen mit der deutschen Sprache und der Umgebung, sondern auch Unterstützung bei Behördengängen, beim Einkaufen und bei vielen anderen Herausforderungen des täglichen Lebens. So konnten sich die Alastars bereits gut einleben, und gerade die älteren Kinder richten ihre Blicke voller Tatendrang auf die nächste Zukunft: Sie möchten ihre Deutschkenntnisse mittels eines Sprachkurses in Erlangen vervollkommnen und anschließend studieren: Die Jungs möchten Ingenieure werden, die 21-jährige Safaa träumt davon, ihr  Zahnmedizin-Studium, von dem sie in Libyen bereits zwei Semester absolvierte, fortsetzen und abschließen zu können. Die Helferinnen aus den Kirchengemeinden loten aus, was getan werden kann, um die Wünsche der jungen Leute Realität werden zu lassen.

Einige Wermutstropfen bleiben dennoch: „Wir haben noch keinen Ausweis, wir haben bisher immer nur die für drei Monate befristeten Papiere“, berichten die Jungen. Doch das allerwichtigste Anliegen der Familie ist ein ganz anderes: „Familienzusammenführung“, sagen Islam und Mohammad. „Wir möchten wieder gemeinsam mit unserem Vater leben.“ Der Kontakt zum Vater ist nicht ganz einfach, weil in Libyen nicht immer Strom vorhanden sei, erzählen die Söhne weiter. Ob und wie sich der Wunsch nach Familienzusammenführung erfüllen kann, kann derzeit niemand sagen.

Weitere Helfer gesucht

Bald kommen wieder Asylbewerber in Merkendorf an, wofür Wohnungen für zwei Familien vorgehalten werden. Wer genau wann kommt, ist momentan aber noch nicht sicher. „Es wäre auf jeden Fall gut, wenn es wieder arabisch sprechende Familien wären. Dann könnten sie untereinander Kontakt haben und sich gegenseitig in der Anfangsphase unterstützen“, meint ein Mitglied des Helferteams. Was aber keinesfalls heißen soll, dass die bisherigen Helfer nicht mehr zur Verfügung stehen wollen, im Gegenteil: „Wir wollen uns weiter um Familie Alastar kümmern und suchen noch mehr Mitstreiter, die bereit wären, den neuen Familien Hilfestellung zu geben.“

In Merkendorf will man daher versuchen, den Helferkreis zu vergrößern. „Jeder kann mitmachen und dazuhelfen. Und auch wenn jemand nicht so sehr viel Zeit erübrigen kann – alles ist hilfreich“, meint ein engagiertes Mitglied der Merkendorfer Kirchengemeinde. Deshalb: Wer sich ebenfalls engagieren möchte, möge sich bitte mit der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Merkendorf (Telefon 09826/202; E-Mail: pfarramt.merkendorf@arcor.de) oder der Stadt Merkendorf (Telefon 09826/6500; E-Mail: stadt@merkendorf.de) in Verbindung setzen. Dort gibt es weitere Infos.  

MARGIT SCHACHAMEYER

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