Dienstag, 11.12.2018

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In Haundorf residiert der Herr der bunten Menstruationstassen

Frank Krüger stellt als einziger in Deutschland die wiederverwendbare Monatshygiene her - 21.01.2018 05:55 Uhr

Frank Krüger im Lager von Me Luna. Hier warten die vielen verschiedenen Menstruationstassen auf den Versand. Es gibt sie in vier Größen, zwei Modellen und 15 verschiedenen Farben mit und ohne Glitzerpartikel. Der Kunststoff, aus dem sie bestehen, wird in Deutschland hergestellt und ist medizinisch zertifiziert. © Viola Bernlocher


Beim Blick aus den großen Panoramafenstern des Konferenzraums schaut man auf wirbelnde Schneeflocken und die noch nicht eingesäte braune Erdbrache. Me Luna ist gerade erst umgezogen ins Haundorfer Gewerbegebiet mit der Anschrift Brand 57. Alles riecht noch frisch und neu. Frank Krüger, der Mann hinter Me Luna, sitzt am langen Tisch und erzählt, wie alles kam.

Das Produkt, das er herstellt und verkauft, ist wahrlich kein Allerweltsprodukt. Eine Menstruationstasse ist ein Hygieneartikel, der Tampons oder Binden ersetzt und während der Monatsblutung einer Frau das Menstruationsblut auffängt. Sie hat eine Form ähnlich einem Tulpenkelch mit einem kleinen Stiel und besteht aus Materialien wie Silikon oder medizinischem Kunststoff. Um das Blut aufzufangen, wird sie gefaltet und ähnlich wie ein Tampon in die Vagina eingeführt. Durch die Beckenbodenmuskulatur und einen leichten Unterdruck, der entsteht wenn sich die Tasse entfaltet, bleibt sie an Ort und Stelle, und das bis zu zwölf Stunden lang. Die Trägerin spürt die Tasse, wenn sie richtig sitzt, nicht und kann damit sogar Sport treiben. Wenn sie voll ist, kann sie entnommen, ausgeleert, kurz gereinigt und sofort wieder eingesetzt werden. Die Idee kommt ursprünglich aus den USA, erfunden wurde sie schon 1932 von einer Frau, bekannt und beliebt wurde sie aber erst in den vergangenen Jahren. Besonders bei jungen Frauen, die sich bewusster um ihre Gesundheit kümmern, ist sie eine gern genutzte Alternative zu Tampons und Binden.

Gefahr des toxischen Schocksyndroms gering

Das liegt auch daran, dass viele Frauen mit Tampons und Binden so ihre Probleme haben. Gerade bei Tampons ist die Gefahr des Toxischen Schocksyndroms gegeben. Das ist ein multiples Organversagen, ausgelöst durch eine Bakterieninfektion. Bei der Tasse ist, anders als bei Tampons, bislang nur ein einziger Fall dokumentiert. Zudem saugt die gepresste Watte der Tampons jegliche Flüssigkeit in der Scheide auf, also auch die Grundfeuchtigkeit, die die Schleimhaut der Vagina braucht, um sich vor Erregern zu schützen.

Die herkömmliche Monatshygiene, also Tampons und Binden, ist zudem nur einmal verwendbar. Die Menstruationstasse immer wieder, und das schont Umwelt und Geldbeutel.

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Menstruationstassen made in Altmühlfranken: Me Luna fertigt in Haundorf

In Haundorf steht Deutschlands einzige Menstruationstassen-Fabrik. Frank Krüger fertigt dort im Spritzgussverfahren die wiederverwendbare Monatshygiene für Frauen aus medizinisch zertifiziertem Kunststoff.


Menstruationstassen haben je nach Größe ein Fassungsvermögen von bis zu 42 Millilitern, im Schnitt allerdings von rund 25 Millilitern, weit mehr als die meisten Tampons, sie kann so auch länger getragen werden.

Doch zurück nach Haundorf. Frank Krüger ist nicht der Typ, den man sich als Start-up-Gründer vorstellt. Er ist nicht mehr ganz jung und hat schon einige Berufsjahre hinter sich, allerdings als Formenbauer in der Spritzgussindustrie. Eigentlich kommt er aus Zwickau und lebte und arbeitete nach der Wende bei Nürnberg. Auf die Menstruationstasse gekommen ist er bei der Suche nach etwas anderem in einem medizinischen Online-Forum.

In Deutschland nicht zu bekommen

Dort wurde diskutiert und sich auch beklagt, dass man die Tassen nur in Schweden und in den USA bestellen könne. "Das hat ewig gedauert und war durch den Zoll und den Versand auch noch ziemlich teuer. Da dachte ich mir, den Frauen kann geholfen werden", erzählt Frank Krüger.

Durch seine Berufserfahrung in der Spritzgussbranche wusste er, dass eine Menstruationstasse mit den richtigen Spritzgussmaschinen ein relativ einfach zu fertigendes Ding ist. Aber: "Das Produkt ist schon etwas heikel. Es ist immer schwierig, wenn man etwas auf den Markt bringt, das keiner kennt", erklärt Krüger. Er entschloss sich trotzdem, den Schritt zu wagen. Das Patent war dabei kein Problem, denn das ist nach 20 Jahren abgelaufen.

2008 ging es auf dem ehemaligen DAM-Gelände in Gunzenhausen los mit den ersten Protoypen. Gunzenhausen vor allem deshalb, weil "ich das Seenland schon immer schön fand", erklärt Krüger. So schön, dass er kurzerhand hierher zog.

Medizinisch zertifizierter Kunststoff

Während Tassen in den USA vor allem aus Silikon hergestellt wurden und werden, experimentierte Krüger von Beginn an mit TPE, Thermoplastischen Elastomeren von der Firma Kraiburg TPE. Dieser Kunststoff ist medizinisch zertifiziert und gibt keine Schadstoffe ab.

In Online-Foren fragte er nach den Wünschen der potenziellen Nutzerinnen und informierte sich über bereits bestehende Produkte.

Um diese doch recht langweilig aussehende Menstruationstasse aufzuwerten, probierte Krüger schnell auch andere Farben aus. Seit 2009 wird in Serie produziert. Zu Beginn fertigte er die heutigen Größen S und M, stellte sich aber recht schnell auf die individuellen Bedürfnisse der Nutzerinnen ein und sprach auch mit Gynäkologen und Hebammen. Denn mit zunehmendem Alter und durch eine Geburt verändert sich auch die vaginale Anatomie einer Frau. So gibt es für junge Mädchen kleinere Menstruationstassen, für ältere und kräftigere Frauen größere Modelle. Auch je nach Sportlichkeit der Frau gibt es unterschiedliche Härtegrade, denn ein unterschiedlich trainierter Beckenboden hat andere Bedürfnisse. Der bei den meisten Konkurrenzmodellen recht lange Stiel hat bei der Me-Luna-Tasse eine andere Form bekommen. So gibt es zwar den klassischen, aber kürzeren Stiel, aber auch eine kleine Kugel oder einen Ring. Der ist auf Wunsch der Nutzerinnen an die Tasse gekommen, sodass man sie besser packen kann.

Zunehmendes Körperbewusstsein

Um den Frauen die Angst, dass sie die Tasse nicht mehr zu fassen bekommen, vollends zu nehmen, hat Krüger eine Verlängerung entwickelt, die man an der Tasse anbringen kann, sodass die Nutzerin sie sicher wieder entfernen kann. "Man kann nicht einfach an einem Bändchen ziehen, sondern kommt als Frau mit den eigenen Körperflüssigkeiten in Kontakt. Das mag nicht jede, aber ich beobachte ein zunehmendes Körperbewusstsein. Da findet ein Wandel statt und immer mehr Frauen befassen sich mit ihrem Körper", erzählt Krüger.

Das ist sicher auch einer der Gründe, warum sich seine Tassen so gut verkaufen. 2017 hat er zum ersten Mal in der Firmengeschichte die Marke von 500 000 produzierten Stück gerissen. Seit 2009 hat die Firma Steigerungsraten im zweistelligen Prozentbereich. Das Unternehmen beschäftigt inzwischen 15 Mitarbeiter, darunter vor allem Frauen, die sich um die Kundinnen kümmern und sie beraten. Auf der Website von Me Luna kann man ein Formular ausfüllen und so herausfinden, welches Modell das richtige ist.

Das ist nötig, denn die Menstruationstasse ist kein Produkt, das sich von selbst erklärt, wie ein Rührbesen oder ein Staubsauger. Zu Beginn lief das Marketing deshalb auch und vor allem über die Mundpropaganda unter Frauen und in Online-Foren. "Die beste Werbung sind zufriedene Kundinnen", sagt Krüger.

15 verschiedene Farben

Deshalb hat er auch weit mehr Modelle im Angebot als andere Firmen. In der großen Halle, die sich an das Bürogebäude anschließt, liegen die Tassen in verschiedenen Farben und Größen auf Lager, manche haben auch Glitzerpartikel und blitzen, wenn das Licht auf sie fällt. In langen Gangreihen stehen die Tassen feinsäuberlich sortiert in Plastikschütten und warten darauf, verpackt und versendet zu werden. Wie zum Beispiel die Feenstaub-Edition in Lila mit Glitzer. Insgesamt gibt es drei verschiedene Weichheitsgrade, als Griff die Kugel, den Stiel oder den Ring, vier verschiedene Größen, zwei Tassenformen und 15 verschiedene Farben.

Nebenan wird produziert. Drei große Spritzgussmaschinen stehen hier. An diesem Freitagmittag läuft nur noch eine. Ein Mitarbeiter steht an der Maschine. Im Takt von drei Minuten werden zwei neue Tassen fertig. Er schiebt das Fenster der Maschine auf, nimmt die noch warmen Cups von den Formen, knipst mit einer Zange die überstehenden Reste ab und prüft, ob die Tasse unbeschädigt ist. Dann kommen sie in eine Kiste.

Rund die Hälfte der Produktion wird in Deutschland verkauft, die andere Hälfte im Ausland. Unter anderem in Brasilien, hier wird die Me- Luna-Tasse von einem Partner unter dem Namen "Holy Cup" vertrieben.

In Deutschland verkauft sich das Modell Classic M in Lila am besten, die Skandinavierinnen bevorzugen vor allem die Farbe schwarz, stellt Krüger fest. Die Drogeriemärkte dm und Rossmann haben sie inzwischen in ihr Sortiment aufgenommen und tragen so ebenfalls dazu bei, das Produkt bekannter zu machen. "Die Einkäufer dort beobachten die Märkte und sehen auch, was angesagt ist und was nicht", sagt Krüger.

Öko-Test lobt "Sehr gut"

Auch die Zeitschrift Öko-Test hat eine der Me-Luna-Tassen getestet und mit "Sehr gut" bewertet. Das hat Me Luna natürlich auf die Packung dieses Modells gedruckt, "eigentlich trifft es aber auf alle zu. Wir machen bei den anderen Tassen ja nichts anders", sagt Frank Krüger stolz.

Eine Menstruationstasse von Me Luna kostet rund 16 Euro. Damit ist sie im Vergleich zu anderen Tassen recht billig. "Ich finde, Menstruationshygiene sollte keine Frage des Geldbeutels sein", sagt Frank Krüger. Im Vergleich, eine Packung Tampons kostet rund 4,50 Euro, je nach Inhalt und Größe reicht das für etwa drei Blutungen. Auf die Zeit gesehen, macht sich das durchaus bemerkbar.

Die komplette Produktion kommtmomentan aus Brand. Derzeit denkt Krüger aber über eine Expansion in die USA nach. "Wir haben inzwischen die Zulassung für den amerikanischen Markt", sagt er. Fast 10 000 Euro hat ihn das gekostet. Denn die Menstruationstasse läuft dort nicht als Hygieneartikel, sondern als medizinisches Produkt und muss also von der strengen US-Gesundheitsbehörde getestet werden. Vor Weihnachten waren die amerikanischen Prüfer in Haundorf und gaben nach zwei Tagen grünes Licht.

Für Frank Krüger durchaus ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk. Die Erfolgsgeschichte seiner Firma ist noch lange nicht zu Ende. 

Viola Bernlocher Süd-Springerin E-Mail

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