Freitag, 16.11.2018

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Stauraumkanal an der Gunzenhäuser Promenade

Dipl-Ing. Werner Rabe: "Mich ärgert, wie unser Geld verpulvert wird" - 26.08.2018 08:08 Uhr

Betonrohre mit „Drachenprofil“: Ihre innen spitz zulaufende Form soll für eine hohe Fließgeschwindigkeit und geringe Dreckablagerungen sorgen. © Jürgen Eisenbrand


"Stauraumkanal" und "Pumpwerk" sind die beiden Stichworte für das Mammut-Projekt, das sich von der Altmühlbrücke bis zum südlichen Ende des Schießwasens erstreckt. Und das die Altstadt von Gunzenhausen ab nächstem Jahr vor Überschwemmungen wegen Starkregens schützen wird. Es kann die gefährlichen Fluten dank seines gewaltigen Volumens — das Kanalnetz vergrößert sich um 2350 Kubikmeter, also 2,35 Millionen Liter — gut auffangen und per Pumpwerk auch umgehend an die Altmühl abgeben. Drei Pumpen befördern im Ernstfall pro Sekunde bis zu 7200 Liter Wasser in Bayerns langsamsten Fluss, dessen normaler Abfluss bei vergleichsweise bescheidenen 700 Litern pro Sekunde liegt.

Gewaltige Zahlen, die naturgemäß einen ebenso gewaltigen Bau-Aufwand erfordern. Und den schultert maßgeblich Thomas Uhrig aus dem Baden-Württembergischen Geisingen, dessen Unternehmen die Stadt die gut 8 Millionen Euro teuren Rohbauarbeiten übertragen hat. Er gilt als Spezialist für knifflige Baustellen und sagt selbstbewusst: "Wir haben uns für Gunzenhausen beworben, gerade weil es eine anspruchsvolle Arbeit ist."

"Auf den ersten Blick teuer"

Kräftige Dusche: Das Wasser, das von der Baustelle abgesaugt wird, landet in diesem Becken und anschließend in der Altmühl. © Jürgen Eisenbrand


Seine 120-Mann-Firma beschäftige zahlreiche Experten und arbeite mit zum Teil selbst entwickelten Spezialmaschinen. Mit seiner patentierten Methode, Rohrleitungen zu verlegen, sei es beispielsweise häufig möglich, auf das aufwendige (und für Anwohner störend laute) Einrammen von Spundwänden zu verzichten. "Unsere Arbeit sieht auf den ersten Blick immer teuer aus", räumt Uhrig ein, etwa weil für seine Leute Anfahrts- und Hotelkosten fällig werden. "Aber unser Know-how macht sich am Ende für die Auftraggeber bezahlt", ist er überzeugt.

Die ersten 100 Meter des Stauraumkanals, die unter dem Festplatz am Schießwasen in bis zu sieben Meter Tiefe verlaufen, seien die schwierigsten und zeitraubendsten gewesen, sagt Uhrig. Der Grund: Dort gebe es viele kreuzende Leitungen, auf die seine Baggerfahrer aufpassen müssten. Der Zeitplan, den man für diesen Abschnitt aufgestellt habe, sei "sehr sportlich" gewesen, und nicht ohne Stolz bilanziert der Unternehmer: "Wir haben ihn eingehalten." Eine Schwierigkeit, der die Bauarbeiter auf der gesamten Länge des Stauraumkanals begegnen werden: Die Böden binden, auch wegen der Nähe zur Altmühl, sehr viel Wasser. Dieses muss für die Zeit, in der die riesigen Betonrohre (Innendurchmesser: zwei Meter) verlegt werden, abgepumpt werden, wozu wiederum die weit in den Boden reichenden Kunststoffschläuche dienen.

Mithilfe eines Unterdruckverfahrens werden so — Abschnitt für Abschnitt, um die Bausubstanz von Gebäuden nicht zu beschädigen — zwischen 0,5 und 5 Liter pro Sekunde abgepumpt und in die Altmühl geleitet. Und wenn dann wieder ein paar Meter Rohre verlegt sind, wird der Graben zugeschüttet — und weiter vorn wird wieder damit begonnen, das Wasser abzusaugen.

Rätselhafte Schläuche: Mit ihrer Hilfe wird störendes Wasser abgesaugt. © Jürgen Eisenbrand


Wer in letzter Zeit an der Baustelle vorbeigegangen ist, mag sich gewundert haben, welch eigenartige Form die Betonrohre im Inneren haben. Fachleute wie Werner Rabe vom Nürnberger Ingenieurbüro Miller, einem langjährigen Partner der Stadt in Sachen Abwasserentsorgung, nennen dieses spezielle, nach unten spitz zulaufende Design "Drachenprofil". Es sorgt dafür, dass in den riesigen Rohren die Fließgeschwindigkeit auch bei kleineren Wassermengen hoch bleibt — und die Menge der Ablagerungen entsprechend gering.

Großes Problem

Ein großes Problem für die Kanalbauer ist — wie auch bei Straßen- und Häuslebauern — die Behandlung der Erdmassen, die sie ans Tageslicht befördern. Denn: Die Grenzwerte, die für die weitere Verarbeitung beziehungsweise Deponierung gelten, sind, so klagen viele Fachleute, absurd niedrig. So liege etwa der für Chlorid im Bauschutt bei 20 Milligramm je Kilo, in dem Mineralwasser, das er gerade trinke, seien je Liter stolze 86 Milligramm, wundert sich Rabe.

Und wenn man heute in Altmühlfranken eine Erde für einen Kanal oder einen Keller aushebe, dann sei der Arsen-Grenzwert, der für eine Bauschuttdeponie gelte, von Haus aus schon überschritten.

Mega-Baustelle aus der Vogelperspektive: Kleine Sandhaufen markieren den Verlauf des Stauraumkanals, der in den nächsten Monaten durch die Altmühlauen verlegt wird. © Limes-Luftbild


Das sorgt nicht nur für große Zeitverzögerungen, weil der Erdaushub aufwendig im Labor beprobt werden muss. Sondern natürlich auch für enorme Kostensteigerungen. Etwa 40 000 Kubikmeter Erde würden auf der Großbaustelle bewegt, rechnet Thomas Uhrig vor, etwa die Hälfte davon müsse wohl entsorgt werden — und wenn das nicht auf normalen Bauschuttdeponien geschehen könne, errechneten sich allein daraus Mehrkosten von rund einer Million Euro. Ein Wahnsinn, klagt Diplom-Ingenieur Rabe, seien solche Vorschriften: "Mich ärgert das ungemein, wenn ich sehe, wie unser Geld verpulvert wird."

Ein Problem, das womöglich ebenfalls für viel Ärger hätte sorgen können, haben die Stauraumkanal-Bauer übrigens elegant gelöst: Während der Gunzenhäuser Kirchweih, die von 8. bis 16. September gefeiert wird, ruhen die Arbeiten am Schießwasen, und nur ein kleiner Teil des Areals wird von Baumaschinen und -containern belegt sein. "Das war eine der wichtigsten Vorgaben, die wir von der Stadt bekommen haben", schmunzelt Thomas Uhrig.

Auf dass die Stauräume der Kirchweihbesucher ungehindert gefüllt werden können — vereinzelte schwere Flutschäden können dabei vermutlich auch heuer nicht ganz ausgeschlossen werden. 

Jürgen Eisenbrand E-Mail

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