Dienstag, 25.09.2018

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Vortrag in Gunzenhausen: Süchtig nach Internet

Digitale Medien beherrschen unseren Alltag — Psychotherapeutin berichtet aus der Praxis - 17.03.2018 17:35 Uhr

Zwei Kinder am PC. Fast jeder zehnte Jugendliche in Deutschland nutzt das Internet zu oft und in problematischer Weise. Ein Prozent der jungen Deutschen ist sogar internetsüchtig. © Angelika Warmuth/dpa


Internet und Smartphone machen Informationen aller Art für die Menschen immer direkter verfügbar. Die Schnelligkeit, mit der die Digitalisierung unseren Alltag erobert hat, ist dabei oft schwer zu überblicken. Internetfreie Räume werden seltener, auch im Berufsleben funktioniert immer weniger analog.

Dieser Vorgang kann mitunter sehr negative Folgen haben. So fällt es immer mehr Menschen schwer, einen gesunden Umgang mit digitalen Medien zu finden und zu pflegen. Wenn bestimmte Faktoren zusammentreffen, kann es auch zu einer Sucht kommen.

Die Referentin, die vor rund zehn Jahren ihr Abitur in Gunzenhausen gemacht hat, betreibt eine verhaltenstherapeutische Praxis in Neuss. Dort behandelt sie Erwachsene mit verschiedenen Krankheitsbildern und Störungen. Aus ihrer Arbeit sowie aus den Berichten von Kollegen weiß sie, dass Suchtverhalten im Zusammenhang mit dem Internet immer häufiger auftritt. In ihrem Vortrag stellte sie die neurologischen Mechanismen vor, die einer Sucht zugrunde liegen, und sprach anhand von Fallbeispielen über mögliche Therapieansätze.

Automatisierter Griff

Grundsätzlich gehört die Entwicklung von Gewohnheiten zu den ganz normalen Prozessen, die im menschlichen Gehirn stattfinden, stellte Guthmann zunächst fest. Jeder kennt den schon lange automatisierten Griff zum Smartphone, dieser Vorgang ist in den allermeisten Fällen noch unbedenklich. Wo aber beginnt pathologisches Verhalten?

Viele der im Internet verfügbaren Inhalte sind speziell darauf ausgelegt, ihre Nutzer immer wieder zu ihnen zurückkehren zu lassen, und bieten schnelle Befriedigung von Bedürfnissen oder einfach Ablenkung von den Problemen des Alltags. Dabei bedienen sie sich der Mechanismen im Gehirn. Vor allem Videospiele, pornografische Inhalte oder soziale Medien haben das Potenzial zur Sucht: Sie alle lassen das Belohnungszentrum des Gehirns auf Abruf große Mengen Dopamin ausschütten. Das Gehirn merkt sich diesen "Erfolg", eine Wiederholung wird wahrscheinlicher, so Guthmann.

Jede Erfahrung verändert das Gehirn physisch. Wenn sich der Körper einmal an die stetige Wiederholung einer Erfahrung und dem damit verbundenen Dopamin-Ausstoß gewöhnt hat, kann es äußerst schwer werden, aus diesem Teufelskreis wieder zu entkommen: Bei manchen Videospielen mit besonders hohem Suchtpotenzial wiesen Testpersonen Dopamin-Level auf, die den von Drogenkonsumenten entsprechen. Bei wiederholtem Konsum fallen nach und nach die Kontrollmechanismen aus, die es normalerweise ermöglichen, Impulse zu unterdrücken. Gleichzeitig wird eine immer höhere Dosis benötigt, um gleichbleibend hohe Dopamin-Level zu erreichen. Analog zur "klassischen" Drogensucht spreche man von Toleranzentwicklung, so Guthmann. Im Ergebnis führe dies dazu, dass der Patient immer mehr und immer öfter konsumiert, zu Lasten von Privat- und Berufsleben. Der Verlust des sozialen Rückhalts bei Freunden und Familie sowie mitunter massive finanzielle Schäden können die Folge sein.

Bei der Behandlung einer Internetsucht muss einerseits ein Verständnis für die eigene Situation beim Patienten vorliegen. Andererseits müssen im Rahmen der Therapie Perspektiven geschaffen werden, sich wieder aus der Sucht zu befreien. Dies geschieht beispielsweise mit der Festlegung von kurz- und langfristigen Zielen, was persönliche Situation sowie die Sucht selbst angeht, sagte Guthmann. Der Konsum muss wieder unter Kontrolle gebracht werden, eine komplette Abstinenz von beispielsweise sechs Wochen kann einen Anfang bilden.

Stabile Situation

Gleichzeitig müssen Schritte unternommen werden, um im Privat- und Berufsleben wieder eine stabile Situation zu erreichen. Eine der Schwierigkeiten ist dabei schon die Diagnostik: So ist noch umstritten, ob die Internetsucht als Störung der Impulskontrolle oder aber als eigenständige, neurologische Verhaltenssucht gelten soll. Davon hängt jedoch unter Umständen die für die Patienten wichtige Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen ab.

Die von ihr geschilderten Mechanismen und Folgen einer Internetsucht verdeutlichte Klara Guthmann anhand eines anonymisierten Fallbeispiels aus der eigenen Praxis. So konnte sich das Publikum ein genaueres Bild von den Schwierigkeiten bei der Behandlung machen.

In einigen Zwischenfragen und während der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass viele Menschen grundsätzlich mit der Thematik bekannt sind. Vor allem Eltern und Lehrer berichteten von der eigenen Ratlosigkeit, wie mit erhöhtem Medienkonsum umzugehen sei. Auch das Einschätzen des tatsächlichen Risikos einer Sucht ist offenkundig nicht einfach. Die Berichte der Referentin aus der eigenen Arbeit mit Erwachsenen zeigten aber, dass die Thematik keinesfalls nur Kinder und Jugendliche betrifft.

Abschließend zog Martin Bosch, 2. Vorsitzender des Bürgernetzvereins, ein äußerst positives Resümee der "Medienwelten"-Reihe 2018. So zeige die starke Resonanz deutlich, dass die Themenwahl gut gelungen sei und es großen Gesprächsbedarf gebe. Das Schlagwort "Digitalisierung" nehme derzeit so mancher Politiker gerne in den Mund, dennoch laufe sehr vieles noch falsch. Klar sei, dass weiter diskutiert werden müsse, um einen richtigen Umgang mit der Thematik in der Gesellschaft finden zu können.

  

PHILIPP HRUSCHKA E-Mail

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