Freitag, 16.11.2018

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Zehnte Etappe des „Seenländers“ von Gräfensteinberg nach Spalt

Wandern im Reh- und Hasenparadies - 01.08.2015 18:00 Uhr

Diese kleine Waldschlucht mit vom Wasser geteilten Sandsteinfels ist für die Menschen in der Region ein bewährtes Ausflugsziel – das Schnittlinger Loch. © Guthmann


In einer Serie machen wir den Test, ob der seit August 2011 bestehende Rundwanderweg dem hohen Anspruch gerecht wird. Nebenbei geht es ums Wandern, um den immer neuen Entschluss loszulaufen, um Überraschendes und um Begegnungen am Rande der Strecke. Etappe zehn von Gräfensteinberg nach Spalt gehört sicherlich zu den landschaftlich reizvollen Abschnitten.

Mit einer Psychologin habe ich mich ausführlich über das Wandern unterhalten, und sie hatte einige sehr interessante Gedanken: Der Entschluss, sich allein und ohne andere Aufgabe als der, einen Weg zu bewältigen und sich für knapp vier Stunden aus dem Alltag loszueisen, sei schon eine Leistung, meinte sie.

Immerhin sei man während der Wanderung für eine respekteinflößend lange Zeit allein mit seinen Gedanken und all dem, was einem im Kopf so herumspuke. Und man sei allein mit seinem Körper, dem man zutrauen müsse, dass er durchhält.

Was ich persönlich übers Wandern und seine Auswirkungen auf das Nachdenken allein und den Gedankenaustausch zu zweien gelernt habe, möchte ich erst in dem Bericht über die kommende – leider die letzte Etappe – verraten. Heut’ nur so viel: Meine Plattfüße müssen heute von Gräfen­steinbergs Naturdenkmal „Drei Eichen“  bis Spalt-Eisdiele durchhalten und haben deshalb den Antrag auf Start erst um 16 Uhr und bequem ausgelatschte Turnschuhe gestellt.

Der Seenländer führt zunächst in ganzer Länge durch Gräfensteinberg, den Gehsteig der Dorfstraße lang, lang entlang. Man passiert die kleine Bäckerei mit  Lebensmittelgeschäft – schon was Besonderes, ein solches Geschäft im Ort zu haben – und kommt dann zum Vorplatz der St.-Martins-Kirche. Hier lenkt die aus gebogenen Metallplatten zusammengesetzte Metallskulptur des heiligen Martin mit Pferd und hilfreich ausgestreckten Händen die Blicke auf sich. Ich hab’ gehört, den Gräfensteinbergern gefalle das Werk  nicht so besonders, weil es so gar keine Streichel-Skulptur sei, aber man muss ja Heilige auch nicht unbedingt streicheln, und seit der Aufstellung im Jahr 1988 hat man sich ja dann doch an den Martin mit den scharfen Kanten gewöhnt.

Die Neugier siegt

Richtig los geht das Feierabendwandern am östlichen Ortsrand von Gräfensteinberg. Die ersten Schritte werden mit einem Rundum-Ausblick ins Hinterland der Seen belohnt. Beim alten Steinkreuz schlägt man sich in die Wiesen, und nachdem man die kleine Straße nach Geiselsberg überquert hat, führt der Weg bald am Waldrand entlang, wo in der Schonung die Stämme der jungen Ahornbäume so silberfarben wie nie gesehen schimmern.

Nach den ersten zwei Kilometern kreuzt nochmal ein „Strässla“, dann hinein in den ersten Wald. Der Weg führt oben an einer Schlucht entlang, doch ich kann nicht erkennen, ob dort unten ein kleiner Bach fließt. „Als Kind wäre ich sofort runtergeklettert“, denke ich und recke den Hals. Doch die Neugierde wirkt wie ein Jungbrunnen, also stapfe und rutsche ich den Abhang zwischen den Bäumen hinunter. Ich hab vorher die Karte studiert und erwarte, einen der Quellbäche des Igelsbachs zu entdecken.

Aber der Wasserlauf, der diese Schlucht gegraben hat, ist im diesjährigen trockenen Sommer fast versiegt, nur ein bisschen feucht ist es am Grund der Schlucht. Um diese hochwichtige Einsicht schlauer wendet sich mein neugieriges inneres Kind wieder dem Hang zu, den nun die alte Frau hochkrabbeln muss. Auf den nächsten anderthalb Kilometern erobert der Mischwald mein Herz: Welche Vielfalt hat die Natur hier zu bieten! Da ein Reh, und da noch eins! Mir fällt auf, wie nah ich dem Rehwild komme, und das liegt an diesem Schallschutz-Boden aus Kiefernnadeln und  weichem Moos im letzten Waldstück vor Igelsbach.

Ein Stück weit gehe ich am Waldrand entlang, wo der Igelsbacher Maibaum herübergrüßt, frisch gespaltetes Holz seinen Duft verströmt und Landwirte allerhand Maschinenzeugs abstellen, das sie kurz mal nicht brauchen – wie überall. Über die Viereckschanz steil hinauf durch den Wald führt der Seenländer zu jener Hochebene, wo sich der Obstgarten unserer Region befindet. Da lehnen die langen Alu-Leitern an den Kirschbäumen, und ein neu gepflanzter Jonagold-Apfelbaum ist zum Glück beschriftet. Ganz anders der Baum mit den gelben Dings, äh Zipperli? Mirabellen? Keine Ahnung, die Testfrucht schmeckt aber.

Von hier oben aus kein Seenblick, sondern eine Aussicht in Richtung auf die Wülzburg und die 14 Windräder im Jura bei  Oberhochstatt. Was man in Richtung Norden sieht – ich weiß es nicht, jedenfalls eine prächtige Aussicht. Dafür weiß ich jetzt, dass ein ausgewachsener Kirschbaum schon mal 75 Kilo Kracher tragen kann, denn ich hab’ da einen großzügigen Kirschbaumbesitzer getroffen. Der wollte mir zwar keine Kirschen verkaufen, meinte aber: „Wenn Sie Kirschen wollen, müssen Sie die schon selber zupfen!“

Kurz vor Fünfbronn verläuft der Seenländer eine Zeit lang gemeinsam mit dem Fünfbronner Quellenweg, der an allen fünf „Brunnen“  vorbeiführt, denen das Sandsteindorf seinen Namen verdankt. Im Laufe des Weges erfährt man, dass es sich nicht um gefasste Quellen handelt, sondern um sumpfige Plätze wie den Sixtgraben oder den Kühgraben.

Der Seenländer folgt ein Stück der Miniaturstraße nach Keilberg, dann leiten die Schilder an einer – Überraschung! – Obstbaumplantage vorbei und nahe einem Walnussbaum in den Wald hinein. Hasen, Hummeln und Himbeersträucher bieten Geleitschutz, ehe man bei den drei kleinen Waldweihern den Unterschied zwischen Seerosen und Teichrosen studieren kann. Die Blätter des Pappelhains schlenkern im Wind und lassen das Licht raffiniert flirren.

Ein stiller Ort

Nach so viel Augenfreude bringt die kleine Straße durch Keilberg reichlich Ruhe ins Spiel. Der stumme Ortsteil von Spalt will in ganzer Länge durchwandert werden. Die wenigen Einwohner scheinen nicht gern vors Haus zu gehen, nicht mal ein Hofhund erbarmt sich und bellt. Jetzt wird das Straßenwandern ein bisschen langweilig, zumal die angesteuerte, unverputzte Kapelle mit Holzgatter am Hügel die Problematik Marienverehrung und ästhetische Verwahrlosung deutlich macht, die mir auf den bisherigen 100 Seenländer-Kilometern schon öfter das Wasser in die Augen getrieben hat.

Aber kaum ums Eck geguckt, schon kommt der ersehnte Hinweis: „Schnittlinger Loch“. Dies ist für die Leute in unserer Gegend ein echter Sehnsuchtsort. Machen Sie doch mal einen Test und erzählen Sie ihren Bekannten und Freunden von einem geplanten Ausflug dorthin. Sofort beginnen deren Augen zu leuchten: „Oh, da wollten wir auch längst mal wieder hin!“ Das ist denn auch heute mein Spaziergangstipp für alle, denen eine dreistündige Wanderung zu lang ist: von der Kapelle aus durchs Schnittlinger Loch nach Spalt. Zwei  abwechslungsreiche Kilometer!

Der Weg in die Waldschlucht von der Keilberger Kapelle unterm Kastanienbaum aus ist schon dermaßen schön, dass ich fast enttäuscht bin, als es zu dem malerisch vom Wasser geteilten Sandsteinfelsen hinuntergeht. Ein junger Mann begegnet mir und bittet mich fürsorglich um Vorsicht, denn dort unten gebe es lauter Laubfrösche am Weg. Bis ich unten bin, haben sich die  Laubfrösche  durch einen Zauber in Kröten-Nachwuchs verwandelt. Trotzdem laufe ich selbstverständlich auf Zehenspitzen.

Fast traurig ist es, als der Laubfroschkrötenwald endet und nach dem Weiher mit unbestimmbar exotischem  Baum (meine per E-Mail befragte Baumfachfrau tippt auf Sal-Weide, mir gefällt der Name Laubfroschbaum besser) die ersten Hopfenstangen in Sicht kommen. Jetzt nur noch den Galgenberg entlang spazieren:  Dort, wo man mehr Feldhasen als Schlehenbüsche sieht, ist der Blick über die Dächer von Spalt nicht mehr fern. Den schmalen Schleichweg in den Ort hinunter kennen sonst nur die Einheimischen und eben wir Seenländer-Wanderer.

Die zehnte Etappe ist für mich eine der schönsten Strecken des Seenländers. Dort, wo Hase und Rehwild ihr Paradies haben, kann man sich an der ungeheuren Vielfalt an Baumarten erfreuen. Die Ausblicke sind wunderschön, südlich von Fünfbronn sogar mit einem Eckle Brombachseewassersilber Ob die elfte, die Abschlussetappe von Spalt nach Petersgmünd dies toppen kann? Nächste Woche sind wir schlauer und leider, leider mit der Wanderung wieder am Ausgangspunkt angelangt.  Mit bester Etappen-Empfehlung,
BABETT GUTHMANN
  

Babett Guthmann

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