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Dienstag, 18.09.2018

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Einzelhandel: Der Mechanismus des Schwarzen Lochs

Ein Westfale in der Oberpfalz: NN-Austauschreporter beim Stadtbummel mit Überraschungen — Lüdenscheid lässt grüßen - 17.05.2018 13:46 Uhr

Zwei Panoramen wie aus zwei Städten: Während sich an der Klostergasse, der einzigen „echten“ Fußgängerzone Neumarkts, kleinere Einzelhändler an ihre Existenzen krallen, schaut der Erich eher nachdenklich auf den Shopping-Tanker an der Dammstraße. © Alle Fotos: Olaf Moos


 Als der damalige NRW-Minister Franz Müntefering nach der Eröffnung des Lüdenscheider Stern-Centers — großes Einkaufszentrum in der Innenstadt — von einer zunehmenden "Deichmannisierung" sprach, meinte er nicht nur die Kreisstadt im Sauerland. Er hätte denselben Satz in Neumarkt sagen können. Ja, es gibt sie noch, hüben wie drüben: die kleinen Einzelhändler, die Familienbetriebe mit ihren Spezialsortimenten. In den 1a-Lagen des Zentrums aber hat ihr Anteil rapide abgenommen. Beim Rundgang durch die Innenstadt Neumarkts wird das Muster erkennbar. Ob NKD, Euroshop, Ernsting‘s Family, Reno, Takko, Fielmann oder, na also, Deichmann — die Szenerie ist austauschbar. Lüdenscheid lässt grüßen.

Etwas ganz Besonderes ist für den Teilzeit-Oberpfälzer aus Westfalen allerdings der Mix aus Fußgängerzone und befahrener Prachtstraße. Und sehr positiv fällt die Menge an Straßencafés auf, die das Miteinander von Fußgängern, Linienbussen, Radfahrern und Autos gewissermaßen entschleunigen. Oder, wie es im Stadtführer heißt, "allzu große Einkaufshektik gar nicht erst aufkommen" lässt.

Zwei Panoramen wie aus zwei Städten: Während sich an der Klostergasse, der einzigen „echten“ Fußgängerzone Neumarkts, kleinere Einzelhändler an ihre Existenzen krallen, schaut der Erich eher nachdenklich auf den Shopping-Tanker an der Dammstraße. © Alle Fotos: Olaf Moos


Noch ruhiger ist es in Neumarkt dort, wo sich die "Krämer" an ihre Existenzen krallen. In den Gassen, in denen es Wolle, Öfen, Fisch, Feinkost oder Kunst zu kaufen gibt, flanieren die Menschen nicht mal eben zufällig vorbei, sondern steuern ihren Händler gezielt an — und verschwinden wieder. Wie in meiner Heimatstadt.

Dort hat der Bau des Stern-Centers eine Entwicklung eingeleitet, an deren vorläufigem Ende die 1a-Lage fast wie ein Schwarzes Loch gewirkt hat. Im direkten Einzugsbereich des Einkaufszentrums mit etwa 80 Geschäften halten sich größtenteils die üblichen Filialisten. Ein paar hundert Meter abseits fühlen sich Händler und Anwohner schon "abgehängt", wie es heißt. Daran hat auch ein eigens von der Stadt ins Leben gerufene Leerstands-Management noch nicht viel ändern können.

Fast schon ein Exot in der 1a-Lage: Das Eisenwarengeschäft Franz Zimmermann wartet mit einer schier unendlichen Sortimentsfülle auf.


Der jüngste Sündenfall im Lüdenscheider Einzelhandel ist ein vierstöckiges Gebäude, das seit dem Auszug eines Modehauses vor sechs Jahren brach liegt und wie ein Tumor im Herzen der Stadt wirkt. Ein anderer Modekonzern, der das Haus gekauft hatte, um es abzureißen und einen Glas-Stahl-Palast an dessen Stelle zu setzen, hat es sich anders überlegt, die Immobilie in ihrem jämmerlichen Zustand belassen und zwischenzeitlich schon wieder verkauft. Einzelhändler in direkter Nachbarschaft haben das Weite gesucht. Ihre Ladenlokale stehen leer. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Ende offen.

Der Mechanismus des Schwarzen Lochs scheint in Neumarkt anders zu funktionieren. Wo der Handel dicht gestaffelt das Stadtzentrum dominiert, wo an den Haupteinfallstraßen große Supermärkte ihre Umsätze machen — da fehlt es nicht unbedingt an einem Einkaufskoloss. Und doch gibt es ihn. Das Stadtquartier Neuer Markt in Neumarkt ist schon deshalb einen Besuch wert.

Geschäfte wie das von Brigitte Klein in einer der Seitengassen sind eher Adressen für Kunden, die ganz gezielt auf ein Angebot zusteuern statt zu flanieren.


Und jetzt kommt die Überraschung: Denn ich hatte ein Gedränge erwartet bei meinem ersten Besuch des Shopping-Tankers, pulsierende Hektik und volle Läden. Was ich vorfand, war: Hochglanz, viel Fläche zum Lustwandeln, den einen oder anderen Leerstand, Ausverkauf-Schilder, gelangweilte Verkäuferinnen und eine Gruppe junger Leute, die vor dem Regen in die Unterführung geflohen waren.

Das erinnert an mein erstes Blättern in Boegls Stadtführer. Der wurde 2010 gedruckt, sieben Jahre, nachdem ein Bürgerbegehren erste Pläne für ein Einkaufszentrum zu Fall gebracht hatte. Ein weiteres Bürgerbegehren hat es offenbar nicht gegeben. Nun stimmen die Bürger mit den Füßen ab. 

OLAF MOOS

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