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Dienstag, 18.09.2018

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Sauerländer im "Auslandseinsatz": Der Blick auf das Schöne

Erster Eindruck von Neumarkt: Alles so schön sauber hier - 15.05.2018 09:56 Uhr

Wie Zahnlücken zwischen Gebäuden mit historischem Charakter wirken Baugrundstücke, auf denen beispielsweise Seniorenwohnungen „mit Hotelflair“ entstehen sollen. © Foto: Olaf Moos


Eine ältere Dame will ihre Zigarettenkippe loswerden - und wirft sie auf der Unteren Marktstraße nicht einfach in einen der Abfallkörbe, sondern bückt sich tief, um sie auf dem Grund des Behälters zwischen allerlei Unrat sorgsam und mit spitzen Fingern auszudrücken, bis die Glut endlich erloschen ist. Minuten später schaue ich in der Fischergasse zwischen zwei Häusern auf einen durchgefegten Hinterhof mit einem Carport. Unter dem steht ein Auto, das unter einer Wolldecke übernachtet hat. Eine Frau zupft die Decke vorsichtig von ihrem Wagen, faltet sie akkurat und legt sie in den Kofferraum.

Warum mir diese beiden Vorgänge aufgefallen sind, wird deutlich, wenn man Lüdenscheid kennt, Kreisstadt im Märkischen Kreis, rund 73 000 Einwohner, wegen des Autokennzeichens MK mitunter auch "Märkisch Kongo" genannt, westfälische Provinz. Dort wird derzeit in der Öffentlichkeit über kaum etwas so hitzig diskutiert wie über die zunehmende Vermüllung des Stadtbildes.

Aufgeräumt, ordentlich, brav

Neumarkt scheint das andere Extrem zu sein. Mein Weg durch die Altstadt-Gassen, Blicke in Hauseingänge, Gärtchen oder Garageneinfahrten festigen meinen ersten Eindruck: alles schön sauber hier, aufgeräumt, ordentlich, brav. Dagegen wirkt meine Heimatstadt eher zerzaust. Obwohl Politik und Verwaltung seit Jahren dagegen ankämpfen — und jetzt, endlich, mit einem dicken Paket von Maßnahmen die Stadtreinigung auf stärkere Füße stellen, personell aufrüsten und technisch modernisieren wollen.

Die Gassen der Altstadt: Durchgefegt, nichts fliegt herum, nichts stört den gepflegten Eindruck. © Foto: Olaf Moos


Am Abend der Anreise habe ich das Frühlingsfest besucht. Die Sicherheitskräfte vor der Jurahalle schauten nicht gerade zufrieden drein. Das lag nicht nur an den johlenden FCN-Fans, die bierselig fast jedes Gespräch übertönten. Der Grund dafür lag auf dem Boden herum. Servietten, Becher, Pappteller, Essensreste in Massen, vom Winde verweht und erst einmal liegen gelassen.

Doch schon am nächsten Vormittag: als wenn es das Malheur nie gegeben hätte. Selbst die Reste eines Fahrrades, ohne Räder, Sattel und Lenker, die am Vorabend an der Mistelbacher Allee vor der Fußgängerbrücke lagen: weggeräumt, alles wieder in schönster Ordnung.

So etwas wünschen sich Lüdenscheider auch. Und sie wünschen sich — folgt man ihren Kommentaren in den Sozialen Netzwerken wie Facebook oder ihren Leserbriefen in den Lüdenscheider Nachrichten — weniger Müllsünder. Die aber doch unter ihnen leben. Und Wertstoff-Sammelstellen, rund 100 Standorte gibt es stadtweit, als Deponien missbrauchen, anstatt ihre Abfälle zu trennen oder den Komfort des Recyclinghofes zu nutzen.

Die Überbleibsel der Feiernden beim Frühlingsfest waren nicht nur den Ordnungskräften ein Dorn im Auge. © F.: Moos


Mein zweiter Rundgang durch Neumarkt in der Oberpfalz zeigt mir: Die Stadt richtet sich auf einen zunehmenden demographischen Wandel ein. In bester Innenstadtlage klaffen, wie Zahnlücken, offene Baugrundstücke. Schilder kündigen die Errichtung barrierefreier und betreuter Altenwohnungen an, teils "mit Hotelflair".

Die architektonische Gestaltung der geplanten und teils fertiggestellten Seniorenwohnanlagen gleicht durchaus der Optik in anderen Städten. Auch in Lüdenscheid ist der Markt für das Geschäft mit der Alterspyramide längst erschlossen.

Doch hier, in der Jurastadt, steht offensichtlich die Beschaulichkeit des alten Stadtkerns zur Disposition. Der ist für den Fremdling von gewachsenen historischen Strukturen geprägt. Inhabergeführte kleine Einzelhandelsgeschäfte, deren Betreiber um Kreativität und Originalität in Gestaltung und Sortiment bemüht sind, liegen vielfach in Häusern, die den Charakter der Innenstadt ausmachen.

"Deichmannisierung"

Ein modernes Einkaufszentrum wie hier an der Dammstraße haben wir in Lüdenscheid auch. Doch dessen Eröffnung hat, wie der damalige NRW-Minister Arbeitsminister Franz Müntefering bei einem Besuch in Lüdenscheid sagte, die "Deichmannisierung der Innenstadt" beschleunigt.

So entdecke ich, vor allem in der "zweiten Reihe" rechts und links hinter der Oberen und Unteren Marktstraße, doch einige vernagelte Türen, blinde Fenster, bröckelnde Fassaden und überwucherte Grundstücke.

Ein hiesiger Kollege, mit dem ich über solcherlei Phänomene spreche, sagt: "Ja, Neumarkt ist eigentlich sehr schön, aber . . .". Das erinnert mich an einen Satz meiner Frau. Sie stammt aus Dresden und sagte über meine Heimatstadt: "Lüdenscheid ist eigentlich hässlich, aber . . .". Also besinnen wir uns auf die schönen Seiten unserer Städte. Schön ist Neumarkt übrigens auch deshalb, weil ich hier kaum wilde Graffiti gefunden habe. Ein ungewohnter Anblick für einen Sauerländer.

Und schön ist Neumarkt, weil eine Frau ihre Zigarettenkippe sorgfältig im Abfallkorb ausdrückt. Sie zeigt damit ihre Zuneigung zu ihrer Stadt — und ihren Respekt vor dem Eigentum der Gemeinschaft. Wenn die Schaffung eines Heimatministeriums einen Sinn haben soll, dann diesen. 

OLAF MOOS

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